Montag, 4. August 2008

Der gute Verkäufer

Ich bin wohl, was mein Konsumverhalten angeht, etwas altmodisch. Ich habe mich vom Fernsehen abgewendet, als die Programmansager abgeschafft wurden. Ich muss, wenn die Marktforschung mich anruft, bei jeder zweiten Frage "null" oder "gar nicht" angeben, weil ich das Produkt oder die Sendung nicht kenne. Ich besitze keine Dinge von Wert außer meinem Laptop. Wenn mir jemand am Telefon etwas verkaufen will, um das ich nicht gebeten habe, werde ich kalt wie Eis und hart wie Krupphusten. Dennoch gibt es eine marktwirtschaftliche Instanz, in deren Händen ich zu Wachs werde: Menschen, die mit Leib und Seele Händler sind.
Auf den dringenden Rat meiner Mutter wollte ich mir schon seit Wochen ein orthopädisches Nackenstützkissen kaufen. Man braucht sowas als Schreibtischarbeiter, wirklich. Nicht jeder kann sich schließlich einen eigenen thailändischen Masseur leisten, und deshalb sollte man wenigstens im Schlaf etwas für die geplagten Schultern tun. Meine Mutter hatte mir aber eingeschärft, nicht mehr als vierzig Euro dafür auszugeben, denn das sei nicht nötig. Und gern hört man auf seine Mutter, wenn es darum geht, das Leben und Liegen angenehmer zu gestalten. Ich schaute mich also auf meinen Wegen durch die Geschäftswelt um nach orthopädischen Nackenstützkissen zum Preis von höchstens vierzig Euro. Ein Laden auf meinem üblichen Weg zur Arbeit war mir dafür als geeignetes Ziel aufgefallen, ein Matratzengeschäft. Bei meinem mehrmaligen beiläufigen Hineinschauen im Vorbeifahren (ich wollte mich nicht zu leicht ködern lassen) hatte ich tatsächlich eine Reihe orthopädischer Nackenstützkissen im Eingangsbereich des Geschäfts entdeckt. Aber die für Spione wie mich angenehm groß gestalteten Preistafeln kündeten von Fehlanzeige: Fünfen bis Siebenen an erster Zahlenstelle, das ging also nicht. Da ich aber auch nirgendwo anders auf orthopädische Nackenstützkissen stieß, wagte ich es doch eines Tages, meine Schultern schmerzten mal wieder von der ungesunden Schlafhaltung, vom Fahrrad abzusteigen und es zunächst möglichst langsam an dem Laden vorbeizuschieben. Dabei äugte ich so angestrengt aber beiläufig wie möglich auf die Auslage mit den orthopädischen Nackenstützkissen. Und da! Runtergesetzt! 39, 90! Nix wie das Fahrrad abgeschlossen und rein also.
Ich mag es ja nicht, von Verkäufern gleich beim Betreten eines Geschäftes bedrängt zu werden. Zum guten Handel gehört, wie ich finde, ein anfängliches beidseitiges Beobachten und Einschätzen zwischen Händler, Kunde und Ware. Dann erst kann der Händler vorsichtig versuchen, das Interesse des Kunden für eine bestimmte Ware zu kanalisieren bzw. zu verstärken. In jenem Fall war der Verkäufer gerade noch mit anderen Kunden beschäftigt, was mir sehr zupass kam, denn ich wollte mir auf keinen Fall etwas aufschwatzen lassen, sondern das heruntergesetzte orthopädische Nackenstützkissen für 39,90. Mit ebendiesem in der Hand und gezücktem Geldbeutel stellte ich mich also direkt an die Kasse und wartete geduldig.
Am Blick des Verkäufers, der schließlich auf mich zugeschlendert kam, erahnte ich jedoch schon, dass ich so einfach nicht dort weg käme. Mit der Andeutung eines Lächelns musterte er mich und die Ware in meiner Hand. Ich versuchte einen festen, seriösen Blick aufzusetzen. Und doch wusste ich schon, dass er mich und meine Schwäche für gute Verkäufer durchschaut hatte, bevor er seinen einleitenden Satz ausgesprochen hatte: „Sooo, Sie habbesisch also e Kisse ausgsucht.“ Mensch, e Hesse, versuchte ich nicht zu denken, so weit oben! „Wissese denn schon, obss Rischtische is?“ – „Och ja, dann kann man ja nicht so viel falsch machen“, gab ich mich betont locker. Er lachte kurz spötttisch auf, seiner Stärke gewiss, und befahl mir, zum Probeliegen mitzukommen. Fix nötigte er mich auf eine Matratze und schob mir das ausgesuchte Stützkissen unter. Man fühlt sich da ja schon recht ausgeliefert auf einer Matratze in einem Bettengeschäft liegend, das Gesicht des Händlers etwa anderthalb Meter über dem eigenen. „Un?“, fragte das Gesicht. „Öh, ja, geht doch“, meinte ich unsicher. „Tss“, macht das Gesicht nur wieder mit feinem Spott und tippt mir ans Kinn, das fast auf meiner Brust liegt, „wollese mim Kinn aufde Brust schlafe?!“ Er vermutet völlig richtig, dass ich das eigentlich nicht will, sondern nur meine letzte Barriere des Kundenstolzes aufrechterhalten möchte und fügt hinzu, dass dieses Kissen nämlich eher eins für Herren mit Boxerstatur sei, also mit unglaublich breiten Schultern und Nacken wie Stiere. Ich überlege noch, warum denn sowas überhaupt als Standardmodell hergestellt wird, schließlich hat auch der durchschnittliche Mann selten die Statur eines Boxers, da schiebt er mir schon sein Lieblingsmodell unter, „Vilona Visco“, das ist viel dünner als das Boxerkissen und aus Latex. In der Tat fühle ich sofort, wie sich meine Wirbelsäule glättet und ich wesentlich komfortabler liege, das kann nur gesund sein. Meint mein Verkäufer offensichtlich auch, besonders nachdem er mich kurz auf die Seite gerollt und gesehen hat, dass auch in der Position meine Wirbelsäule schön gerade liegt.
Damit ist es vorbei mit meinem Widerstand, das wissen wir beide. Es schockt mich dann auch kaum noch, dass Vilona Visco nicht 39,90, sondern 60 Euro kostet, und die warnende Stimme meiner Mutter in meinem Hinterkopf ist fast verstummt. Nein, ich finde alles super, freue mich auf meinen gesunden Schlaf und lasse mir noch ein bisschen auf Hessisch erzählen, dass der Herr Händler diese Woche sehr viele Überstunden gemacht hat und dass er weit weg wohnt von seinem Geschäft. Und den Bezug kann ich bei 60 Grad waschen, ist doch prima. Ich schlafe übrigens sehr gut auf dem Kissen und habe in der gleichen Woche noch ein Kleid gekauft, das so teuer war wie überhaupt nur ein einziges Kleidungsstück aus meinem Bestand zuvor. Und im Rücken hat es auch noch ein großes Loch. Absichtlich natürlich, wegen sexy und so. Die Verkäuferin war einfach klasse.

Dienstag, 22. Juli 2008

Hereinspaziert, die Herren Einbrecher!

Zuhaus in Harburg führt von der Küche eine Tür direkt in den Garten. Das ist schön, denn man kann dort sitzen und frühstücken und dabei hinausschauen oder sich bei gutem Wetter auf die Treppe setzen und schon im Garten sein, mit Blick auf Flieder und Rhododendron.
Diese Tür ist allerdings schon seit Monaten kaputt und wird einfach nicht von allein wieder ganz, im Gegenteil fördern das Voranschreiten der Zeit und die gelegentliche Benutzung ihren Verfall, wie sollte es auch anders sein. Bis gestern ging sie seit gut zehn Tagen gar nicht mehr auf. Man musste durch die Garage in den Garten, dumm. Seit gestern aber steht sie offen und geht gar nicht mehr zu. Und heute Abend hing ein Zettel dran, genauer gesagt ein wiederverwerteter Briefumschlag von der GEZ, auf dem handschriftlich steht: "Achtung! Diese Tür bitte nicht schließen!" In Ordnung, habe ich gedacht. Aber dann fiel mir auf, dass der Zettel von außen drangeklebt war. Das heißt also, er ist gar nicht in erster Linie für mich bestimmt, sondern für Leute, die vom Garten aus reinkommen. Und das kann ja bei einem nichtöffentlichen Garten nur eine Gruppe Menschen sein: Einbrecher. Es ist ja nämlich auch so, dass die Garage, über die man auch den Garten erreicht, ebenfalls immer für jeden zu öffnen ist, sie lässt sich nicht abschließen. Wir haben es hier also mit einem der seltenen Beispiele echter Konsequenz zu tun: Wer bei uns einbrechen will, dem steht jeder Weg außer der Haustür offen, er muss dann nur bitte die Tür zum Garten nach getaner Arbeit auch offfen stehen lassen, da sie sonst noch kaputter geht. Kommt ihm vielleicht ganz gelegen, hat er doch wahrscheinlich einen dicken Sack mit Beute zu schleppen.
Ich habe ja eigentlich keine Angst vor Einbrechern, solange sie nicht kommen, während ich zu Hause bin und mich fesseln und/oder verprügeln. Viel mehr Angst hatte ich immer schon vor all den dunklen Fabelwesen, die da draußen lauern und des Nachts reinkommen können, wenn man nicht aufpasst (und Tür auflassen heißt nicht aufpassen). Ich finde auch, die Einbrecher dürfen hier ruhig reinkommen, ich würde alles abgeben außer meinem Laptop. Den bitte stehen lassen, Herr oder Frau Einbrecher. Alles andere hier ist zwar leider wertlos, aber vielleicht finden Sie ja doch etwas Schönes oder wollen ein bisschen fernsehen, wir haben ein hübsches Fernsehzimmer. Aber bitte: Laptop stehen lassen und Gartentür nicht schließen. Und bitte nicht kommen und mich fesseln und/oder verprügeln, wenn ich da bin. Dann habe ich keine Angst und Sie einen lauen Job. Ansonsten hoffe ich nur, dass der Hund auch bei dunklen Fabelwesen anschlägt.

Dienstag, 15. Juli 2008

26.7.: unbedingt hören kommen!

Liebe Freunde, vor allem Fründe, es ist so weit: Septentryo wird live erfahrbar. Für das einmalige Erlebnis einer Bloglesung, und zwar nur von diesem Blog (gespickt natürlich mit ein paar Überraschungsgimmicks), solltet ihr euch den 26.7. (wunderbarerweise ein Samstag) vormerken und unbedingt vor 21 Uhr ins Kölner Kuen, Kuenstr. 9 in Köln-Nippes (www.kuenkneipe.de), kommen. Denn da geht's ab! Wie immer gibt's natürlich gute Musik dazu. Bitte weitersagen, wenn ihr schon nicht selbst kommt.

Montag, 7. Juli 2008

Schieb ordentlich, Mann!

Ich weiß nicht, ob das außer mir noch jemandem auffällt. Aber folgende Beobachtung häuft sich seit geraumer Zeit: Es gibt ja immer mehr Männer, die Kinderwagen schieben. Sogar türkische Männer, habe ich anerkennend gesehen. Allein oder mit Frau, die darf nebenher laufen und ein Eis schlecken oder trägt das zweite Kind in ihrem Tragedings. Bis hierhin alles prima. Die vielbeschworenen neuen Väter scheinen sich vom Diktat der Männlichkeit emanzipiert zu haben und benutzen ihre naturgegebenen Bärenkräfte, um Charmepunkte zu sammeln und der ebenso, wenngleich auf andere Art emanzipierten Frau unter die Arme zu greifen.
Aber, mit Verlaub: So richtig gut finden das Schieben, glaube ich, die wenigsten. Und wisst ihr, Väter, woran frau das merkt? Ihr schiebt nur mit einer Hand! Und telefoniert dabei zuweilen noch mit der anderen! In der Regel ist es sogar so, dass ihr den Kinderwagen gar nicht mittig vor euch her schiebt, sondern seitlich neben ihm her lauft, während die, sagen wir, linke Hand den rechten Griff des Wagens schiebt und die rechte des Telefon ans Ohr hält. Keine Frau würde je ein solch absurdes und noch dazu das Kindeswohl gefährdendes Verhalten an den Tag legen! Stellt euch nur vor, während ihr schräg rechts hinter dem Kinderwagen herlauft, telefoniert und mühsam mit einer Hand den Wagen auf Kurs zu halten versucht (was gar nicht so einfach ist), kommt von schräg links vorne ein aggressiver Dreijähriger pfeilschnell auf seinem Bobbycar dahergebraust und rammt in voller Absicht das Gefährt eures zarten Pflänzchens Nachwuchs. Natürlich ist der Gehweg leicht abschüssig, dazu recht schmal und grenzt an eine stark befahrene Straße. Der lächerliche rechte Griff wird euch aus der schwachen linken Hand gerissen, die Rechte weiß nicht wohin mit dem Telefon, der Buggy gerät ins Schleudern, euer Kind schreit in Panik, es kann sich nicht befreien, schleudert unaufhaltsam der Straße entgegen, von hinten hupt es, ihr wollt euer Kind retten, stürzt aber bei dem Versuch über den mit offenem Mund glotzenden Dreijährigen auf seinem Bobbycar... Wir wollen das Szenario nicht weiterspinnen; das hier ist wie Lola rennt, jeder darf sich ein passendes Ende aussuchen.
Nachdem nun endlich mal jemand ausgesprochen hat, was für fatale Folgen euer sorgloses Verhalten haben kann, kommen wir zur psychologisch tieferen, da gesellschaftspolitisch relevanten Dimension des ganzen: Warum verhaltet ihr euch so? Doch wohl kaum, um eine Hand frei zu haben. Auch nicht so sehr, weil ihr wirklich dringend telefonieren müsstet. Und schon gar nicht, weil es in irgendeiner Weise bequemer oder rückenschonender wäre, mit nur einer Hand zu schieben. Nein, liebe Herren der Schöpfung, in Wirklichkeit verhält es sich doch so: Ihr wollt bei dieser eigentlich typisch weiblichen Tätigkeit des Wagenschiebens möglichst lässig aussehen und bloß nicht so bescheuert, wie ihr euch dabei fühlt. Weil ihr eben doch noch nicht so ganz eins seid mit der beidgeschlechtlichen Emanzipation. Im Grunde Eures Herzens denkt ihr doch oft ein wenig ängstlich an all die FHM-Leser, die euch so sehen und sagen könnten, oh Mann, den hat die Alte aber ganz schön unter der Knute, der bringt ihr wahrscheinlich abends noch den Tee gegen Menstruationsbeschwerden ans Bett!
Und um wenigstens äußerlich solchen Imagetodesurteilen vorzubeugen, möchtet ihr das Ganze möglichst als von euch mit links ausgeführte Begleiterscheinung "der Umstände" erscheinen lassen, die euch aber keinesfalls erfüllt, schon gar nicht mit Freude oder Ähnlichem. Aber seid gewarnt: Es könnte euch so ergehen wie dem jungen Inder, der neulich - ganz gegen die Tradition seiner Kultur und seines Geschlechts - auf dem Weg aus dem U-Bahnschacht einen leeren Kinderwagen (natürlich mit einer Hand) vor sich herschob und sich sichtlich uncool dabei fühlte. Es war ja noch nicht mal was drin, das er als sein Erzeugnis hätte bezeichnen können. Und auf der Treppe ins Freie wollte er den Wagen so was von lässig mit einer Hand über die Schulter schwingen, dass dieser nicht nur in hohem Bogen die Treppe wieder hinunterflog, sondern dabei auch noch Passanten verletzte und den Inder mehrere Stufen mit sich riss. Wollt ihr das?
Ich kann euch nur raten: Macht's hundertprozentig! Ein bisschen schwanger ist ja auch nicht, genauso wenig ein bisschen Vater sein oder ein bisschen Kinderwagen schieben. Nur ein ordentlicher Schieber ist auch ein ordentlicher Kerl.

Donnerstag, 3. Juli 2008

Kein Tag ohne Kakerlak

Hiermit eröffne ich die ersten offiziellen crazy Kakerlakentage. Sie dauern ewig und jeder, wirklich jeder, kann mitmachen. Wenn die Zuschriften so üppig sind wie bei den anderen Mitmach-Posts hier, muss ich wohl anbauen, ich seh's schon kommen. También son bienvenidas las cucarachadas. Als Vorlage von mir also das

Lied vom khakifarbenen Kakerlaken (zum Mitsummen):

Als ein kranker Kakerlak
ganz khakifarben in der Kacke lag
worüber er sehr wohl erschrak,
(es war ein Kaiserkakerlak,
daher der Khaki-Farbauftrag)
sagte er sich: "Shit happens",
kakelte noch kurz mit einem Krak
und tauchte ab -
um ihn geklagt
hat niemand.

Mittwoch, 18. Juni 2008

Schön beim Augenarzt

Mein Augenlicht schwindet zunehmend. Und es ist noch lange keine Altersweitsichtigkeit, sondern Maturitätshornhautverkrümmung. Das ist insofern ziemlich blöd, als ich einfach nicht so gut sehe wie manche Menschen und ständig Sehhilfen tragen muss. Es hat mir aber andererseits einen wunderbaren Besuch bei Frau Hoppe beschert.
Frau Hoppe ist Augenärztin, und ich bin zu ihr gegangen, weil meine Augen wieder schlechter geworden sind. Ihre Praxis liegt, von außen nicht erkennbar, in einem schönen Gründerzeithaus im Hamburger Univiertel. Kein Schild weist draußen darauf hin, dass Frau Hoppe hier Augen untersucht, nur an der Klingel ist ein ganz kleiner verwaschener Pfeil angemalt. Die Tür und die Dielen knarren, wenn man eintritt. Ganz links in einem versteckten Räumchen sitzt eine grauhaarige Frau mit Haaren auf den Zähnen, das ist die Sprechstundenhilfe, die einzige. Während sie meine Personalien aufnimmt, betrachte ich die uralten augenmedizinischen Geräte, die aus wer weiß welcher Universitätssammlung geklaut und hier aufgestellt wurden. Vieles davon ist sicher über hundert Jahre alt. Im Wartezimmer sitzt außer mir nur ein älteres Ehepaar, auf dem Tisch liegen Fotozeitschriften, englische Kinderbücher aus den sechziger Jahren, Comics. Und an den Wänden das Beste: wunderschöne, professionell gemachte Bilder von Venedig und Griechenland. Auch eine überlebensgroße Tigerkatze; ich könnte schwören, die ist Griechin. Unter einem Stuhl an der Wand gegenüber steht ein ganz kleines, ganz altes Radio, das Klassik spielt. Ich finde es gleich klasse hier. Da werde ich auch schon aufgerufen und muss in einen kleinen Nebenraum, wo schon eine Frau steht, die auf einen Stuhl weist. Ich will ihr die Hand schütteln, vielleicht ist das schon Frau Hoppe, aber sie nimmt meine Hand nicht, sondern sagt: "Nein, ich bin's noch, von eben." Ach ja, die grauhaarige Frau mit Haaren auf den Zähnen. Sie will nur meine Krümmung messen. Ach so, denke ich, nee, dann wärs ja auch idiotisch, wenn wir uns hier die Hand schütteln würden. Fühle mich gleich furchtbar unprofessionell.
Dann gehts wieder zurück ins Wartezimmer, ich höre noch ein bisschen Klassik und gucke Venedig, und schon bald darf ich zur richtigen Frau Hoppe. Die ist so, wie man sein will als Frau um die Fünfzig: schlicht, dabei nicht unattraktiv, sehr gelassen, mit einer Spur trockenen Humors in vielem, was sie sagt. Ihre Guckmaschine macht sie nicht sauber, bevor ich meine Stirn dran lege; okay, denke ich, mischt sich eben mein Schweiß mit dem anderer. Sie guckt und probiert durch, wie das so ist mit meinem Sehvermögen. Als wir die richtige Stärke gefunden haben, gibt sie mir einen Auszug aus einem Buch, ich schätze, ein deutscher Spätromantiker, und bittet mich, laut vorzulesen. Das kann ich gut, ich fühle mich wie bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule und lese ganz toll vor, aber bald schon nimmt Frau Hoppe mir meinen Text weg und sagt: "Prima, Sie kommen ja trotz ihrer starken Hornhautverkrümmung auf hundert Prozent!" Das finde ich zwar schön, aber ich hätte auch gern noch ein bisschen weiter vorgelesen. Dann fragt sie mich, ob ich denn wirklich eine neue Stärke wolle oder ob mir das nicht eigentlich egal sei. Komisch, denke ich, deshalb bin ich doch hier und dafür sind Sie doch da, um mir eine neue Stärke zu geben. Ich sage, dass ich das schon schön fände mit der neuen Stärke, weil ich ja beim Autofahren die Schilder immer erst so spät lesen kann und beim Arbeiten oft meine Augen brennen. "Gut, dann schreib ich's Ihnen auf." Das ist nett, denke ich und finde, es ist an der Zeit, dass wir jetzt mal richtig ins Gespräch kommen. Ich frage sie, ob sie die Bilder gemacht hat. Hat sie und freut sich, dass sie mir gefallen. Prima, dann können wir uns ja jetzt richtig schön über Venedig unterhalten, denn mir scheint, wir haben da eine gemeinsame Leidenschaft, Frau Hoppe! Aber irgendwie kommt das Gespräch nicht so richtig ins Rollen, Frau Hoppe wirkt nicht so, als sei sie zum Plausch mit mir verabredet. Irgendwie ist sie eher dabei, mich zu verabschieden. Aberaber, Frau Hoppe, wir müssen uns doch unterhalten, denke ich verzweifelt, ich finde Sie doch so toll und wir haben so viel gemeinsam, ich bin Ihre Reinkarnation, Frau Hoppe, ich liebe Sie, wir sind seelenverwandt, und es interessiert Sie einen Scheißdreck?! Aber Frau Hoppe bleibt hart, unerbittlich weist sie mir den Weg zur Tür. Im Hinausgehen werfe ich ihr einen schmachtenden Blick und ein verzweifelt-hoffnungsvolles "Ich komme wieder!" zu, um dann wie im Rausch aus dem Haus zu stürmen. Gott, war das schön, denke ich auf der Straße. Ich werde einen Grund finden, wieder zu ihr zu gehen, das weiß ich. Und wenn sie mich wieder wegschickt, werde ich mich einfach unter ihren Balkon stellen und so viele Schwalben, gefaltet aus Werken venezianischer Maler, zu ihr hochschicken, bis sie mich einfach lieben muss.

Montag, 9. Juni 2008

Wut am schwarzen Montagmorgen

Mein Gott, hat das lange gedauert mit dem neuen Eintrag. Ich hoffe, ihr seid noch alle da. Könnte verstehen, wenn nicht. Irgendwann verliert man ja doch die Lust. Für die, die noch dabei sind, hier nun, Entschuldigung im Voraus, ein Eintrag mit ziemlich viel negativer Emotion. Und dabei geht es noch nicht mal um Fäkalien.
Es ist nun einmal so: Ein Kind, das müde ist, bekommt schlechte Laune und fängt irgendwann an zu weinen. Der Erwachsene fängt nicht so schnell an zu weinen, aber er bekommt auch nicht selten schlechte Laune, wenn er müde ist, und er tut etwas, was noch viel schlimmer ist als Weinen: Er sucht einen Schuldigen, oder etwas Schuldiges, für seinen Unmut. Da viele Erwachsene montags besonders müde sind (denn sie sind, bis auf die eingefleischten Lerchen, nach dem Wochenende aus ihrem Wochenschlafrhythmus heraus), heißt der Montag im Volksmund (der auch nicht immer Gold in sich hat) oft blauer Montag. Da hat man den Blues. Man hat das Gefühl, alles gehe schief, da man zu unausgeschlafen ist, um die Dinge in ihre rechte Bahn zu bringen. Und immerhin macht man, statt sich an ethnischen Minderheiten zu vergreifen, etwas dafür verantwortlich, das sich faktisch nicht greifen lässt und dem also niemand Schmerz zufügen kann: Man schiebt es auf den Wochentag, diesen miesen, kleinen Scheißer.
Mir kam allerdings der heutige Montag viel mehr schwarz als blau vor, rabenschwarz fing er an. Fuckin' shitty black monday, unfortunately without blackcurrant flavour, which would have been surprisingly sweet in comparison to that. Schon dass ich überhaupt aufstehen und arbeiten musste, war eine Frechheit, das mache ich auch nur fürs Castro-Spezial, cien por Castro, könnte eine revolutionäre Gruppe sein, oder? Cien por Cienfuegos wäre natürlich noch besser.
Nachdem ich mich also mit größter Mühe aus dem Bett geschält und ins Bad geschleppt hatte, passierte tatsächlich das Schlimmste: Es kam kein warmes Wasser aus der Dusche. Ich wartete Minuten, aber vergebens. Kalt brauste das Wasser auf meine Füße, den Rest des Körpers hatte ich wohlweislich in Sicherheit gebracht. Wirklich: Wenn ich eines nicht ertragen kann, ja hasse, dann sind das kalte Duschen bei weniger als 35 Grad Celsius Umgebungstemperatur. Und es hatte weiß Gott weniger als 35 Grad im Bad heute Morgen. So schäumte ich denn auch vor Wut und Verzweiflung, schrie heulend meine stumme und unbelebte Umgebung an: "Ich will nicht kalt duschen! Ich will einfach nicht kalt duschen!!" Aber der Heizkessel war zu lange inaktiv gewesen und meine Haare einfach zu fettig, ich hatte keine Wahl. Und die allergrößte Folter ist ja das kalte Brausewasser auf dem Kopf. Das konnte ich auch nur unter lautem Schreien ertragen. Als ich endlich weinend der Dusche entstieg, fühlte ich mich durchaus nicht richtig schön erfrischt und aufgeweckt, sondern völlig durchgefroren.
Und an solchen Tagen bleibt es ja nicht bei dem einen Unglück, oder jede Misslichkeit erscheint einem gleich als eine sich immer weiter spinnende Unglückskette. Als ich mein Zimmer lüften und wenigstens die schöne Morgensonne reinlassen wollte, ging das Fenster nicht mehr auf. Am Tag zuvor hatte es sich noch problemlos öffnen lassen. Noch so ein Ding, das mir heute Böses will, dachte ich mir und frühstückte lieber. Im Sitzen befiel mich sogleich wieder bleierne Müdigkeit, vielleicht auch noch als Folge der erlittenen Erfrierungen.
Dann auf dem Fahrrad, mit Wind und Sonne im Gesicht, konnte ich dennoch nicht umhin, mich etwas besser zu fühlen; immer noch müde, aber doch etwas leichtmütiger. Sogar ein kleines Liedchen summte wie von selbst in meiner Kehle, als wollte es mich von dort drinnen necken.
Mensch Fidel, dachte ich bei mir, für dich mach ich das alles hier, kämpfe an einem blauschwarzen Montagmorgen gegen die Welt und mich selbst. Dabei bin ich gar nicht so einverstanden mit dir und deinen Taten. Und deine Revolution, die hätte ich auch nicht mitgemacht. Dafür bin ich viel zu empfindlich. Obwohl, bei kubanischen Temperaturen könnte ich immerhin ab und zu kalt duschen...

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