Donnerstag, 16. Oktober 2008

Endlich Palladio und Schluss mit Venedig

Ja, solche Fortsetzungsgeschichten sind hart, man verbringt mehr Zeit mit Warten als mit Lesen und weiß nicht recht, was man in all der Wartezeit machen soll. Aber nun kommt, wie der Titel verspricht, endlich der letzte Teil des kleinen venezianischen Tagebuchs, und wir können alle wieder ruhig schlafen. Ehrlich gesagt habe ich mich die ganze Zeit am meisten auf den Inhalt dieses letzten Teils gefreut; vielleicht geht es euch ähnlich und die Freude nimmt nun Überhand im Bloggerland.
Mein zweiter Venedig-Tag war reserviert für einen ausgiebigen Vicenza-Besuch, weil mein Herr Tiepolo mit seinem Vater dort eine Villa ausgemalt hat. Das wusste auch schon Herr Goethe, der kannte wohl den Villenbesitzer, Herrn Valmarana, und hat ihn besucht auf seinem Anwesen. Herr Goethe dachte aber, dass die ganze Villa von Papa Tiepolo ausgemalt worden sei, was gar nicht stimmt, das Gasthaus hat mein Herr Tiepolo Junior ausgemalt, und deshalb bin ich hin. Goethe und mir hat die Villa dennoch gleichermaßen gefallen.
Dass ich in Vicenza genauso viel laufen musste wie in Venedig, lag vor allem daran, dass die Busfahrer dort streikten. Das passiert ja recht oft in Italien, und zum Glück ist Vicenza nicht so groß, aber die Villa Valmara liegt doch ein bisschen außerhalb auf einem Hügel, also wieder einiges zu tun für meine geplagten Füße. Die hatten wohl auch langsam Angst, sie befänden sich auf dem Jakobsweg, und taten mir dies durch mahnendes Schmerzen kund. Trotzdem zwang ich sie, mich erst auf einem Rundweg zu einigen Palladio-Bauten zu tragen (der wohl berühmteste Sohn Vicenzas feiert dieses Jahr seinen 500. Geburtstag) und dann stracks den Hügel hoch zur Valmarana-Villa.
Dieses schöne Herrenhaus heißt Villa Valmarana ai Nani, „mit den Zwergen“, weil die umgebende Mauer mit in Stein gemeißelten Zwergen in Lebensgröße verziert ist. Dazu gibt es eine schöne Geschichte, die ich nicht mehr ganz genau weiß, aber ungefähr geht sie so: Der Gutsherr, der die Villa bauen ließ, bevor Herr Valmarana sie kaufte und Herrn Goethe dorthin einlud, hatte eine kleinwüchsige Tochter. Diese kleine Principessa Giftspritze war immer sauer auf ihre Diener, weil die ihr alle zu groß waren und sie sich von ihnen nicht ernst genommen fühlte. Ein Angestellter nach dem anderen wurde von der kleinwüchsigen Principessa vor die Tür gesetzt. Bis ihr Vater eines Tages eine Idee hatte: Er ließ im ganzen Land verkünden, dass er Kleinwüchsige als Hausangestellte suchte, und stellte seiner Tochter eine komplette Zwergendienerschar zusammen. Da freute sich die Prinzessin sehr, und sie gewann ihre Zwergendiener so lieb, dass jeder von ihnen vom Hofbildhauer in Stein verewigt werden musste. Und so erinnern ihre Skulpturen noch heute daran, wie viel Ehre dem kleinen Volk hier einst zuteil wurde.
Meine Ehrerbietung galt nun aber vor allem dem jüngeren Herrn Tiepolo, und deshalb schaute ich mir seine Fresken sehr lange an und machte mir möglichst viele kluge Gedanken dazu. Und ich plauderte kurz mit der Signora Valmarana, einer sehr netten modernen Adligen. Irgendwann war es aber Zeit zu gehen, ich musste ja noch nach Venedig zurück, und so nahm ich einen kleinen Schotterweg hügelabwärts, den ich vorher nicht gegangen war. Und als dieser kleine Schotterweg auf halber Höhe des Hügels plötzlich auf die Straße mündete, stand sie auf einmal vor mir: Palladios wunderbare Villa Rotonda. Potzblitz, dachte ich (so wie es wahrscheinlich schon Goethe gedacht hatte), dass sie hier irgendwo steht, wusste ich ja, aber dass sie nun so wie aus dem Nichts auftaucht, ist schon ein kleines Wunder. Ich näherte mich zögernd, wusste ich doch Zeit und auch Geldbeutel gegen eine weitere Besichtigung. Ich hatte nämlich fast all mein Geld für Bücher über die Bilder des Herrn Tiepolo ausgegeben und besaß gerade noch genug für die Rückfahrt nach Venedig.
Direkt hinter dem Eingangstor der Villa ist ein Pförtnerhäuschen, in dem ein Pförtner sitzt und interessierte Laufkundschaft darüber informiert, dass die Außenbesichtigung fünf, die Innenbesichtigung zehn Euro kostet. Ganz schön stolze Preise, aber im Veneto ist eben alles teuer. Er merkte wohl, dass ich Interesse hatte, und wollte mir gern ein Ticket für die Außenbesichtigung verkaufen. Ich sagte ihm aber, dass ich schon zu viel ausgegeben hätte und nun ein bisschen sparen müsse. Das fand er sehr komisch, er brach in schallendes Gelächter aus. „Ähm, ja, ich geh dann mal“, murmelte ich und verließ ihn, der immer noch kicherte.
Etwas geknickt trottete ich die Straße hinunter, unschlüssig, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, und ein wenig erbost über die Wucherpreise in diesem Kulturland der unkultivierten Politiker. Unvermittelt blieb ich jedoch stehen. Ich dachte: Du kannst doch nicht zwanzig Schritte von Palladios Rotonda stehen und sie Dir nicht anschauen. Wer weiß, wann Du wieder hierhin kommst? Das half. Ich ging die zwanzig Schritte zurück und war schnell wieder bei dem humorvollen Pförtner. Der grinste schon; ich hielt ihm meine letzten fünf Euro hin und sagte: „Hier, habs mir anders überlegt. Ich mach die Außenbesichtigung.“ Flink zog er mir den Schein aus der Hand, wedelte damit vor meiner Nase herum und sagte schelmisch: „Tja, gibt wohl kein Abendessen heute, was?“- „Richtig, ich mach Diät heute. Für Palladio“, gab ich zurück.
Dann genoss ich den schönen Rotonda-Rundgang und die Ausssicht auf den herbstlichen Veneto im Abendlicht. Und dachte: Wäre Palladio ein Politiker und lebte er noch, dann könnte er sich ganz schön auf seinen Diäten ausruhen. Die werden nämlich sicher oft für ihn erhöht.
Meine Diät an jenem Abend bestand aus einem wirklich mickrigen Stück Pizza. Zurück in Deutschland freute ich mich vor allem über das gute Essen, das ich mir dort wieder leisten konnte, und über das Tragen anderer Schuhe sowie Fahrradfahren statt Laufen.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Venedig II

... ist besser als Hartz IV. Wenn es auch hier noch um Politik und Geld gehen wird. Aber nein, eigentlich kommen wir dazu erst in Venedig III. Zuerst ist doch der Mensch wichtig.
Am Abend meines ersten Venedig-Tages merkte ich, dass man zum Viellaufen dicke Sohlen braucht. Ich hatte einfach das Gefühl, den ganzen Tag über ein Geröllfeld gelaufen zu sein, und zwar barfuß. Gleichzeitig wollte ich aber, wie es meinem Naturell entspricht, nach getaner Arbeit nicht gleich ins Bett gehen. Und siehe da, die Rettung saß am Küchentisch meiner Herberge! Es waren die beiden weiblichen Wesen, mit denen ich unbekannterweise eine Nacht verbracht hatte, eine Mexikanerin und eine Argentinierin. Beide sehr unterhaltsam und beide viel älter, als sie aussahen (ja, man ist da doch manchmal erstaunt!). Und da sie gerade schon mal einen Wein auf hatten, nahm ich auch ein Glas und los wurde geplappert bei Wein und Weib, nur ohne Gesang. Die Mexikanerin gefiel mir besonders, ihr Name war Leticia. Und es hatte sich Venedig auch schon jemand in sie verliebt, nämlich... Giorgio! Ich konnte erst nicht glauben, dass sie überhaupt irgendeine Form der Kommunikation mit ihm gehabt hatte, in welcher Sprache?!
Es zeigte sich bald, dass es doch auch ohne viel Sprache geht. Giorgio kam nämlich alsbald und schenkte allen erst mal Wein nach. Und er schien sehr wohlgelaunt, allein das hatte ich ihm kaum zugetraut. Er wollte die beiden in einen anderen Ableger des Hostels bringen, und ich schlug vor, doch vorher noch gemeinsam etwas trinken zu gehen, wenn auch die Füße schmerzten, wann ist man schon mal abends in Venedig und hat Geld für ein paar Spritz in der Tasche, Lagunengetränk Nummer eins. So geschah's. Als lustiges Ausländerquartett setzten wir uns vor eine kleine Bar an einem ruhigen Kanälchen und zeigten dem einheimischen Publikum, wie interkulturelle Kommunikation ohne viel verbales Verständnis geht. Giorgio bemühte sich vor allem, Leticias Namen zu behalten und dann auch noch flüssig auszusprechen, was ihn die meiste Zeit beschäftigte. Sie machte sich einen Spaß daraus, ihn zappeln zu lassen und in schnellem mexikanischem Slang fortwährend zu foppen, wovon er natürlich kein Wort verstand. Und Karina, die Argentinierin, erzählte mir zu meinem Namen, sie habe in ihrem Wohnheim in Rom eine Chinesin, die auch Nina heiße. Sie war erstaunt, dass das offensichtlich ein Name sei, der in China und Deutschland gleichermaßen beliebt ist. Ich deutete an, dass ihre Nina wohl genauso wenig wirklich Nina hieß wie unser Giorgio Giorgio. "Was?! Er heißt nicht Giorgio? Warum behauptet er das denn, wenn es gar nicht stimmt?", entrüstete sie sich. Tja, Recht hat sie doch. Sollen denn Namen ausgewechselt werden können wie Unterhosen, nur damit sie irgendwelchen offensichtlich sprachgestörten Europäern etwas mehr Gedächtniskomfort bieten? Oder sollten wir, die globalisierte Generation, vielleicht gleich bei der Geburt ein Wörterbuch mit der Übersetzung unseres Namens in etwa 154 Sprachen bekommen?
Merke: Asiaten tragen gern Namen wie Tarnanzüge oder Chamäleons.

Freitag, 3. Oktober 2008

Von falschen Namen und Diäten für Palladio – kleines venezianisches Tagebuch in mehreren Teilen

Auf den Spuren von Giandomenico Tiepolo (über den ich ein schlaues Buch schreiben möchte und hoffentlich werde) bin ich drei Tage durch Venedig und seine Umgebung gelaufen. Das war ziemlich anstrengend, und einiges habe ich dabei erfahren. Davon will ich nun erzählen. Weil ich immer noch erschöpft bin von der Reise und außerdem beim Schreiben auch noch umziehen muss, werde ich mehrere Pausen einlegen; es wird also wieder ein schöner Fortsetzungseintrag.

Ich kannte Venedig schon von einer früheren Reise vor vier Jahren, aber sich in dieser seltsamen Stadt wirklich auszukennen ist eine Kunst für sich, und deshalb hatte ich das Angebot gern angenommen, mich von einem der Mitarbeiter meiner Pension am Bahnhof abholen zu lassen. Das Zimmer hatte ich per Telefon bei einer netten Frau vorbestellt; es würde zwar nicht für mich allein sein, dafür aber günstig und mit Frühstück. Wunderbar. Ich nannte der Frau meine Ankunftszeit und sie sagte, ihr Bruder würde mich am Bahnhof abholen. Ich gab ihr als Erkennungszeichen meine orange Jacke durch. „Und wie sieht dein Bruder aus?“, wollte ich wissen, schließlich gibt es dort eine Menge Menschen, die warten und eine weitere Menge, die die Wartenden abholt. Die Herbergsmutter wirkte etwas verwundert ob meiner Frage, sagte dann aber: „Naja, er heißt Giorgio und ist dunkelhaarig.“ Aha, dachte ich, da ist er wirklich die große Ausnahme unter allen Italienern. Wie verabredet am Fuß der großen Brücke über den Canal Grande angekommen, positionierte ich mich dort also möglichst auffällig mit meiner gottlob knallorangen Jacke und hoffte, Giorgio würde mir ein ähnliches Zeichen senden.
Dort wartete ich so eine ganze Weile und blickte jedem herannahenden dunkelhaarigen Italiener (meistens kann man die ja ganz gut von den Touristen unterscheiden, sind besser gekleidet) tief in die Augen, während ich gleichzeitig mit einem oder zwei Fingern unauffällig auf meine Jacke zu deuten versuchte. Aber keiner achtete auf meine Zeichen, und die Minuten verstrichen zu fünft, zu zehnt und mehr. Plötzlich baute sich wie aus dem Nichts ein kleiner, gehetzt wirkender Asiate vor mir und fragte in sehr schlechtem Englisch, ob ich Nina sei. „Äh, yes“, erwiderte ich zögernd, „aber – you are not Giorgio, are you?!“ – „Oh yes, itali: Jiojio.“ Ich verstand; einer der vielen Asiaten, die sich ihren europäischen Gastlandbewohnern zuliebe einen für diese aussprechbaren Namen geben. Trotzdem seltsam, dachte ich, seine angebliche Schwester hatte am Telefon sehr professionell Italienisch gesprochen. Und Pseudo-Giorgio sprach noch weniger Italienisch als Englisch, das merkte ich schnell. In meiner Verdutztheit fragte ich dann tatsächlich etwas wie „And is your sister really your sister?“, fühlte mich irgendwie veräppelt in meiner romantischen Hoffnung, im Haus einer italienischen Familie aufgenommen und erst mal ordentlich mit Pasta bekocht zu werden, und sei’s auch gegen Geld und mit anderen Touris zusammen. Giorgio verstand meine unverschämte Frage zum Glück falsch und antwortete irgendwas anderes. Er und seine Schwester sind aus Thailand und er jobbt gelegentlich in ihrem Hostel, so viel bekam ich aus ihm heraus, aber auch nur auf ausdrückliche Nachfrage. Eigentlich schwieg er die ganze Zeit – auf immerhin gut fünfzehn Minuten Weg – und fragte mich auch nichts, wohl auch aus sprachlichem Unvermögen. So wurde es eine recht eigenartige abendliche Wanderung: Wenn wir nicht gerade schwiegen oder er mir mit der Hand und einem „this“ den Weg wies, kam ich mir vor wie eine neugierige Polizistin, die den armen thailändischen Schwarzarbeiter verhört. Ich sollte Giorgio noch anders erleben, aber dazu später.
Nach der ersten Nacht im Dreibettzimmer, die ich mit zwei in der Dunkelheit nicht erkennbaren weiblichen Wesen verbracht hatte – sie verließen das Haus schon in aller Herrgottsfrühe – , machte ich mich also auf den Weg der Wissenschaft. Für den hatte ich mir einiges vorgenommen, musste also schauen, dass alles zügig voranging. Da es aber nahezu unmöglich ist, sich bei einer Dreivierteldurchquerung Venedigs nicht zu verlaufen, wenn man gerade vier Jahre lang nicht da war, dauerte das Ankommen an meinem ersten Ziel, Ca’ Rezzonico, dann doch etwas länger als geplant. Damit ich beim Verirren bei Laune blieb, lief mir in einer Sackgasse Sonja über den Weg. Die heißt aber gar nicht wirklich Sonja, sondern eigentlich Songün, lebt in Dresden und ist vor acht Jahren aus der Türkei dorthin gezogen. Sie meinte, ihren wirklichen Namen könnten ihre deutschen Freundinnen nicht aussprechen, deshalb habe sie sich an Sonja gewöhnt. Und sie war hoch erfreut, als sie mein Deutsch hörte, sie konnte sich nämlich weder auf Englisch noch auf Italienisch, sondern nur auf Türkisch oder Deutsch verständigen und war so ein bisschen verloren dort jenseits der Alpen; noch dazu hatte sie Stöckelschuhe mit etwa acht Zentimetern Absatzhöhe an, „Ich dachte, ich fahre heute nur Boot“. Wir nahmen dann auch gemeinsam den Vaporetto, nachdem wir endlich die Station gefunden hatten. Ich fuhr mehr zufällig schwarz, aber Sonjagün meinte lächelnd, „Ich bringe dir Glück, du brauchst keine Fahrkarte.“ So war es dann auch, die Sonne schien, Venedig zog rechts und links des Canal Grande an uns vorbei und hatte sein Sonntagsgesicht aufgesetzt, niemand kontrollierte die Fahrkarten, und der Vaporetto setzte uns direkt an der Ca’ Rezzonico ab. Wirklich kunstinteressiert war Sonja nicht, was ich an ihrer sprudelnden Beschreibung eines „alten“ Bildes merkte, „total verrückt, was die Leute darauf machen, total verrückt!“ Ich glaube, sie wusste ohnehin nicht ganz genau, warum sie nach Venedig gekommen war. Sie wollte gern Salsa tanzen und hatte gelesen, es gäbe dafür donnerstags ein Lokal in Venedig, aber wo das war und wie es hieß, wusste sie nicht. Wir trafen uns nach getrennten Wegen zum Essen wieder, wo ich erfuhr, dass sie schon zwei gescheiterte Ehen hinter sich hat – und das mit schätzungsweise Ende Dreißig. Offenbar suchte sie in Italien vor allem ein wenig Abenteuer und Abstand von allem. Zuletzt entschied sie aber, zwei Tage früher als geplant zurückzufliegen, zu ihrem Freund nach München, weil der sie ständig anrief und darum bat. „Aber ich weiß nicht, das ist alles noch nicht so ernst mit dem... Wenn der sähe, wie ich Salsa tanze, wäre er total eifersüchtig. Ist halt Türke.“
Dieses war der erste Teil. Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe. Schalten Sie also wieder ein und seien Sie dabei.

Mittwoch, 17. September 2008

Die Temperamente der Händler

Wer den vorvorletzten und dann diesen Eintrag hier liest, könnte den Eindruck bekommen, ich sei besessen von Verkäufern. Vielleicht bin ich das. Na, und wenn! Es sei! Andere sind besessen von Spielzeugautos oder Plüschelefanten. Und über die kann man lange nicht so viel erzählen wie ich über meine Verkäufer. Also:
Gestern hatte ich innerhalb von weniger als zwei Stunden drei sehr unterschiedliche Begegnungen mit drei sehr unterschiedlichen Verkäufern (zugegeben waren sie auch sehr verschiedene Menschen, aber ich traf sie alle im Handelsumfeld). Jede einzelne ist erzählenswert, und zusammen ergeben sie diese schöne Komödie in drei Akten:
Nach der Arbeit nutzte ich die verbleibende Zeit bis zum Monatstreffen meines Kochclubs und ging zunächst zum Optiker, weil inzwischen meine Brille meine Sehschwäche nicht mehr vollends behebt und ich wissen wollte, ob das normal ist oder ich mir Sorgen machen muss. Der Optiker, ein agiler, schicker Herr mit grauem Haar in den besten Jahren, ging gleich auf Frontalkonversationskurs mit Komplettpaket: plaudern, scherzen, kalauern und flirten. Ich bin da ja durchaus nicht zimperlich, aber da musste ich schon einiges auffahren aus meiner Profikommunikationskiste, um mitzuhalten. Ich arbeitete hauptsächlich mit der Taktik der offenen Tür, ließ ihn einfach reden mit ermunternden Kommentaren hier und da. Und so erfuhr ich einiges über ihn: Triathlet, seine letzten Wettkämpfe, Alter, Wohnort (Sankt Georg, "im Puff"), Mietpreis (seiner Wohnung, monatlich), Lieblingscafé, bevorzugter Supermarkt, Vorname seines Bruders (deckt sich mit meinem Nachnamen). Ich könnte ihn nun nach Herzenslust ausspionieren oder ihm ein Verbrechen in die Schuhe schieben (man kann nämlich Menschen besonders gut beschuldigen oder decken, wenn man möglichst viel über sie weiß, alte Ganovenweisheit). Ich überlege mir noch was. Das mit der Sehschwäche haben wir nicht so richtig beheben können, aber dafür hat er meine Brillenbügel wieder schön festgeschraubt und ich habe eine Menge gelacht, insgesamt war ich also wieder mal sehr zufrieden mit der Händlerleistung.
So beschwingt, ging ich flugs zum Rathaus-Edeka, um nur schnell Zigaretten zu kaufen. Die Zigaretten sind dort - und nur dort, so weit ich weiß - in einem Tante-Emma-ähnlichen Holzregal vor der Nase der Kassiererin gestapelt, man muss entweder vor die Nase der Kassiererin greifen und sich selbst bedienen oder sich von der guten Frau bedienen lassen. Ich sah eine Kassiererin ohne Schlange, steuerte in heiterer Optikerstimmung auf sie zu und sagte lächelnd im Plauderton: "Da komm ich doch gleich zu Ihnen, hab ja sonst nix." Und wumm, wurde ich vom Optikerhimmel auf den Boden der Tatsachen gestürzt. Die Kassierin sagte nämlich original: nichts. Und sie zeigte exakt: keine Reaktion. Sie starrte einfach nur teilnahmslos in meine Richtung. Oh, dachte ich, jetzt bloß nicht die Fassung verlieren, höflich bleiben. "Äh, ich wollte eine blaue Pall Mall, da muss ich dann mal eben so unverschämt an Ihnen vorbei greifen, oder..." Und es passierte: nichts. Sie half mir auch nicht, als die Packung nicht gleich aus ihrem Schacht herauskommen wollte, blickte mich einfach nur teilnahmslos an. "So, dreisechzig kosten die, ne?" versuchte ich es noch einmal. Nee, nix. Sie wartete auf ihr Geld. Und auch das war ihr wahrscheinlich egal, weil's ja eh nicht für sie war, sondern für Herrn Edeka. Ich sagte noch danke und tschüß, was aber wie erwartet keine Reaktion hervorrief. Oha, dachte ich, Lektion des Tages: Herr Fielmann und Frau Edeka haben sich abgesprochen und wollen mir das Prinzip von Yin und Yang beibringen. Okay, muss ich wohl noch mal nachlesen.
Begegnung Nummer drei war dann kurz vor Ladenschluss mit einer mir schon bekannten Verkäuferin in der Marktstraße, Karoviertel. Bei ihr hatte ich vor ein paar Wochen Schuhe gekauft. Die Marktstraße ist eine Art großes Wohnzimmer mit Asphaltschneise, unterteilt in kleine Parzellen voller schicker und mehr oder weniger nützlicher Dinge, wo sich Menschen aller Art treffen, unterhalten und ab und zu einer dem anderen etwas abkauft. Und über allem weht ein leichter Duft von Räucherstäbchen. Ich wollte nach dem Schockerlebnis mit Frau Edeka noch ein bisschen Konsumspaß haben und erinnerte mich an die nette Frau in dem Schuh- und Klamotten-Laden von neulich. Da war ich auch kurz vor Ladenschluss gekommen und hatte ein nettes, kommunikatives tête-à-tête mit der Besitzerin und einzigen Verkäuferin gehabt, die uns zusammen einschloss (nicht die ganze Nacht, nur bis zum fertigen Deal) und mir zwanzig Prozent Rabatt auf ein Paar Schuhe gab. Ich kam also wieder rein, wir begrüßten einander sehr freundlich, und ich stellte gleich meine Sachen ab und zog die Jacke aus, wusste ja, dass es gemütlich wird. Ich glaube nicht, dass sie sich an mich erinnerte, aber sie war trotzdem sehr nett, und wahre Gefühle sind mir in solchen Fällen egal, ich will nur gut bedient werden.
Sie hatte gerade neue Ware bekommen und packte einen großen Karton aus, wobei sie sich über dessen Bauart amüsierte, er war nämlich eine Art Kleiderschrank, mit Stange und aufgehängten Klamotten drin. Ich probierte den einen oder anderen Schuh an, aber ohne rechte Überzeugung. Bei unseren Tätigkeiten plauderten wir ein bisschen. Einmal kamen ein paar Mädels rein, aber das waren keine richtigen Kundinnen, sie interessierten uns nicht weiter und gingen auch nach einer Ladendurchquerung gleich wieder. Und wir waren wieder schön unter uns, meine Verkäuferin und ich. Allerdings war die Rollenverteilung an diesem Tag etwas anders, wie sich bald herausstellte. Ich fand nämlich nicht so recht den Schuh, der meinen Vorstellungen entsprach. Dafür war sie aber ganz begeistert von einer Jacke, die mit der neuen Lieferung gekommen war. Und die stand ihr auch ganz wunderbar, sagte ich ihr. Ich war selbst interessiert an der Jacke und probierte sie an, aber sie spannte etwas zu sehr über meinem Busen. Trotzdem guckte meine Verkäuferin für mich nach, was sie kostete. Zu teuer, dachte ich gleich. Schade. Aber ich blieb trotzdem noch ein bisschen, es war grad so nett und meine Verkäuferin wollte noch ein paar Sachen anprobieren. Als nächstes zog sie die gleiche Jacke in grau an, „das ist aber nicht so deine Farbe“, gab ich zu bedenken. „Stimmt, hab ich auch schon öfter gemerkt, bei meiner Freundin ist das ganz anders, die kann sich vollkommen in Grau kleiden und sieht toll aus, aber ich brauch immer so kräftige Farben.“ Lieber zog sie dann noch den passenden Rock zur Jacke an. „Bohr, der steht dir auch super“, fand ich. Sie mochte auch das Oberteil, das ich gerade trug und ließ sich davon zur Anprobe eines ähnlichen Stücks aus der neuen Kollektion inspirieren. „Aber ich glaub’, mein Stil ist das nicht so, du bist da eher der Typ für“, zweifelte sie vorm Spiegel. „Naja, stimmt schon, das ist ein bisschen zu mädchenhaft für dich“, pflichtete ich ihr bei. „Ich bin die Jacke, oder?“ – „Du bist die Jacke, eindeutig. Die in schwarz. Und ich glaub’, die kaufst du auch.“ Da waren wir uns beide einig, und wir waren nun auch beide sehr zufrieden – sie wegen ihrer schönen neuen Jacke und ich, weil sie ihr so gut stand und ich sie so gut beraten hatte. Sie lud mich dann noch zu einer Neueröffnung ein und gab mir mit auf den Weg, ich sollte doch immer mal wieder reinschauen, sie bekäme auch immer wieder neue Schuhe. Klar, mach ich sowieso.

Montag, 1. September 2008

Doch nicht so mit Technik

In diesem Eintrag geht es nicht nur um Technik, noch nicht einmal nur um Nichttechnik. Es geht auch ziemlich viel um Faulheit, genauer: um Prokrastination, die Lust am Verschieben. Trotzdem finde ich die Technik als Titel ganz schön, so gibt’s für die Männer auch ein bisschen Vorfreude.
Technisches Gerät empfinde ich wie zu erledigenden Papierkram: Alles, was nicht reibungslos funktioniert oder sich nicht quasi von selbst erledigt, versursacht mir körperliches Unbehagen und führt dazu, dass ich versuche, es aus meinem Alltag zu verbannen. Gleichzeitig fühle ich mich aber durchaus nicht hilflos gegenüber zu lösenden technischen Aufgaben und möchte auch gar nicht zu viel Hilfe in diesem Bereich in Anspruch nehmen, da dies meiner Unabhängigkeit und Emanzipation widerspräche. Und prinzipiell ist mein Glaube daran, im Grunde alles zu können, nicht so leicht zu erschüttern. Auf der anderen Seite ist da diese unglaubliche Unlust Dingen gegenüber, die keinen Spaß machen. Beispiel Steuererklärung: Ich verstehe, was man tun muss, um nach einem Jahr der Arbeit Geld zu bekommen, das man zwar verdient hat, das einem aber aus komplizierten Gründen nicht ausgezahlt wurde. Ich kann auch, rein praktisch gesehen, sehr gut Formulare ausfüllen, Additionen – per Taschenrechner – durchführen und vorher gesammelte Unterlagen und Belege zusammenheften. Aber der Wille, Herrgott, der Wille! Der sträubt sich wie ein wildes Pferd. Der findet Formularkram das Unnötigste und Ödeste, womit ein Mensch sich beschäftigen kann. Und da sich ein wildes Pferd nicht einfach von jetzt auf gleich zureiten lässt, lasse ich den Gaul erst mal in Ruhe grasen, vulgo: verschiebe die Steuererklärung. Um einige Wochen, einige Monate, gern ein Jahr, bis sich eben irgendein Finanzamt meldet. Bin in letzter Zeit eh so oft umgezogen, die wissen gar nicht mehr, wo ich bin.
Ähnlich verhält sich mein Wille bei der Aussicht auf, sagen wir, das Installieren eines Druckers oder das Verlegen eines neuen Telefon- und Internetanschlusses. Letzteres wurde bei uns nun nötig. Und meine Mitbwohnerin Maggy und ich ähneln uns sehr in den Wildheiten unseres Willens. Es ist für uns beide die größte vorstellbare Qual, die angehäuften Dokumente auf unseren Schreibtischen zu ordnen, zu sortieren und – GAU – zu bearbeiten. Deshalb tun wir es in der Regel nicht, bis etwas mehr oder weniger Schlimmes uns dazu zwingt (wie etwa eine Mahnung, die den zu zahlenden Betrag um mehr als zwanzig Prozent erhöht). Und wir können beide ganz gut Fahrräder reparieren (Maggy noch besser als ich), aber ich lasse die Handbremse jetzt erst mal baumeln, solange sie nicht verloren geht. Auch wenn es schon stört, dass ich sie samt Gangschaltung beim Fahren die ganze Zeit festhalten muss.
Und nun hatten wir also eine neue Telefon- und Internetflatrate bekommen, die allerdings nur funktioniert, wenn man die dazugehörige Box mit Rooter und Kabeln und Owehlan installiert.
An dem Tag, als die Box kommen sollte, bin ich noch ein bisschen länger in der Stadt geblieben, um nicht allzu früh nach Hause zu kommen. Beim Betreten des Hauses erfüllten sich jedoch meine schlimmsten Befürchtungen: Der Flur war ein Wald aus Kabeln, Rootern, Hämmern, Zangen und Nägeln. Und im Nebenzimmer saß eine rauchende Maggy, die starr und reglos auf ihren Comupter blickte und mich nur mit einem Brummen begrüßte. Das tut sie nur, wenn sie sehr angespannt ist. Ich erfasste sofort den Ernst der Lage und stellte mich auf einen unliebsamen Abend ein, denn ich wusste ja, was zu tun war und tat es auch besser gleich: Ich bot ihr meine Hilfe an. Zu meiner heimlichen Erleichterung ging sie gar nicht richtig darauf ein, sondern murmelte nur irgendwas und starrte weiter verbissen auf den Bildschirm. Denn Maggy hat wie ich den Ehrgeiz, die unangenehmen Dinge, wenn sie schon sein müssen, dann doch wenigstens alleine zu schaffen.
Ich kam denn auch ganz gut weg an jenem Abend; meine Aufgabe beschränkte sich auf das Vorlesen einer sehr kleinen Nummer auf der Rooterrückseite. Das war okay. Nicht so ganz okay ist bis jetzt unsere heimische Telekommunikation. Man kann telefonieren, unter bestimmten Voraussetzungen (zum Beispiel ist es nicht so gut, sich anrufen zu lassen, da kommt die Verbindung oft nicht zustande. Aber man kann zurückrufen). Man kann auch ins Internet, aber nicht mehr über Wehlahn, der is über de Wupper. Die ersten Tage dachte ich, ich sollte mir das auch mal in Ruhe angucken mit der Installation, eigentlich kapier ich sowas immer ganz gut, aber erst mal warte ich, ob’s nicht doch irgendwann von selbst geht. Es ging nicht von selbst, aber wir haben jetzt zwei Kabel statt Owehlan. Ein ganz kurzes, das reicht genau von der Anlage bis zu Maggys Computer und ist eine straff gespannte Stolperfalle in Oberschenkelhöhe. Und ein ganz langes, das ziehe ich, wenn ich ins Internet will, über die Treppe hoch in den ersten Stock, wobei meistens erst mal die Telefonanlage runterfällt. Und hinterher rolle ich es wieder auf und bringe es runter und stecke es hinters Fax (wobei meistens das Fax runterfällt), damit nicht nachts auf dem Weg zum Klo jemand drüber stolpert. Oder sich daran würgt, es hängt nämlich bei Benutzung quer durch den Flur in der Luft. Es soll auch demnächst jemand kommen, der sich mit sowas auskennt. Diese Aussicht finde ich gut und bin solange einfach heilfroh, dass ich nichts machen muss außer ein bisschen aufpassen mit dem Kabel. Früher hat man nämlich auch sehr gut ohne WLAN gelebt. Da wusste man ja gar nicht, was das heißt. Ich dachte erst, das wäre ein türkischer Freundeskreis.
Und noch früher, als der ganze Computerkram gerade anfing, da wusste man noch viel weniger. Man wusste nicht, wie so ein Computer bedient wird. Bei Maggy lief der erste Versuch so: Sie hatte gehört, das sei alles sehr einfach mit so einem PC, man müsse nur ein paar Befehle eingeben und er mache alles, was man wolle. Sie bekam ein älteres Exemplar geschenkt, es war MS-DOS-Zeit. Das war das mit der grünen Schrift vor schwarzem Hintergrund. Maggy war allein, sie fand den Anschaltknopf und sah die grüne Schrift, hatte aber keine Maus gefunden und wusste, dass man die braucht. Also schrieb sie einfach auf der Tastatur: WO IST DIE MAUS? ENTER Als der Computer nicht antwortete und auch sonst nichts tat, versuchte sie es auf Englisch: WHERE IS THE MOUSE? ENTER Wieder keine Reaktion; sie beschloss, die Befehle zu verkürzen: MAUS? ENTER, nichts. Dann also: MOUSE? ENTER
Inzwischen sind wir da alle fixer und schlauer geworden. Ich sage nur noch manchmal zum Blackberry (das heißt, zum Blackberry anderer Leute, ich selbst bin noch nicht so weit) versehentlich Blueberry. Klingt auch irgendwie netter, leckerer. Und am Ende sind mir Sprache und Essen doch wichtiger und angenehmer als Technik.

Montag, 18. August 2008

Der Weg der Schnecke führt ins Haus

... vor allem dann, wenn sie kein eigenes hat. Kann man ja auch irgendwie verstehen.
Ich habe vor kurzem einen neuen Nebenberuf ergriffen: Nacktschneckenforscherin. Mein Betätigungsfeld ergab sich zugegeben eher aus den Umständen denn aus einem brennenden Interesse heraus.
Harburg ist nämlich absolutes Hoheitsgebiet der Nacktschnecken (die eigentlich Wegschnecken heißen, wie meine Forschungen ergeben haben), sie haben hier fast alle anderen Tierarten verdrängt. Selbst die Vögel kommen nicht mehr her, denn die Schnecken schmecken so schrecklich, dass ein Vogel davon nicht leben kann. So ist es also still geworden in meiner Heimat, das geräuschlose Schneckenkriechen wird nur vom Säuseln des Windes untermalt.
Wenn ich mit dem Fahrrad vom Bahnhof nach Hause fahre, muss ich ja diesen endlosen Hügelanstieg bewältigen. Meistens ist mein innerer Schlappschwanz aktiv und ich schiebe den größten Teil. Eigentlich eine ganz meditative Übung, wäre da nicht diese Armada von Nacktschnecken, die mich bei dem meist feuchten Wetter regelmäßig zu einer Rallye komplizierter Ausweichmanöver zwingt. Denn ich schiebe ja anständig auf dem Fußgängerteil des Weges, und da sind auch die Nacktschnecken, die als Quasi-Fußgänger ebenfalls brav die Grenze zum Radweg respektieren. Und ich finde die Vorstellung, eine Nacktschnecke unter meinem Fuß zu zerquetschen, einfach widerlich. Auch wenn mir meine gärtnernden Kollegen einstimmig erklärt haben, man müsse Nacktschnecken mit dem Spaten zerteilen, sonst fräßen sie einem alles weg. Jawohl, liebe Leser, so kriegerisch ist der gern zum Pazifisten stilisierte Gärtner (andererseits fällt mir gerade ein, dass er in Krimis ja oft als Verdächtiger herhalten muss, wenn er's auch dann meistens nicht war).
Ich mache mir um die Nacktschnecken in unserem Garten gar nicht sooo viele Gedanken, da ich den Garten ehrlich gesagt nur zum Sonnenbad und Frühstück im Freien nutze und darin mal eine tote Taube begraben habe, ansonsten dort aber recht wenig tätig werde. Aber etwas anderes bereitet mir Stirnrunzeln: Die Schnecken haben unser Haus erobert. Und zwar, wie sollte es anders sein, mal wieder das invasionsgeplagte Bad im Keller. Zuerst war mir schleierhaft, wie sie dort hinkamen. Es bewegte sich nur eines Tages, und auch tags darauf, eine getigerte (ehrlich, getigert) Nacktschnecke mittlerer Größe auf den Fliesen vor dem Klo. Klar, da war es schön glatt für sie, da konnte sie sich nach Herzenslust zusammen- und auseinanderziehen, was sie auch tat, ungeachtet der Tatsache, dass ich meine Füße vor das Klo stellen wollte aus gegebenem Anlass. Nun finde ich Schnecken nicht so widerlich wie Kakerlaken, aber irgedwie dachte ich doch, Frollein, du gehörst hier nicht hin, Liebelein, und was zum Teufel suchst Du hier überhaupt? Zu Boden gefallene Haare und Hautschuppen, ist es das, was dein Allesfressermagen begehrt? Sie antwortete nicht, sondern zog nur die Fühler ein. War aber so dreist, am nächsten Tag wiederzukommen. Ich glaube, es war tatsächlich dieselbe, oder zumindest ihre Zwillingsschwester. Und noch ein paar Tage später sah ich auch, wie sie hereingekommen war, ich fand dann nämlich ein Exemplar auf dem rauen grünen Rasenteppich im Badvorzimmer (das im Grunde ein bescheidener Kellerraum ist), wo das Fenster offen stand. Alle Achtung, dachte ich, die muten sich ganz schön was zu, um auf die schönen glatten Fliesen zu kommen, der Teppich muss für einen Schneckenleib das reinste Nagelbrett sein. Aber die können so einiges machen mit ihrem Schleim, habe ich bei meinen Recherchen erfahren. Es gibt Schnecken, die können sich an ihrem Schleim von einem Baum abseilen, manche paaren sich sogar in der Luft, nur von einem Schleimfaden am Absturz gehindert. Im Schleim liegt also das Wunder des Lebens dieser seltsamen Tiere begründet. Wenn man mit menschlichem Nasenschleim so viel anfangen könnte, wir alle wollten ständig erkältet sein!
Irgendwann war aber doch Schluss mit meiner Anerkennung: An dem Tag nämlich, als sich eine der dicksten braunen Wegschnecken knapp unterhalb des Badezimmerfensters an der Wand festgesaugt hatte und dort stundenlang nicht wegging. Ich fass die nicht an, dachte ich. Irgendwann hat das dann wohl auch jemand für mich gemacht, die Schnecke war weg, aber sie musste gewaltsam von der Wand gerissen worden sein, denn übrig geblieben waren sowas wie zwei Saugnäpfe. Vielleicht waren das auch ihr After und ihr Mund, jedenfalls muss der Schnecke jetzt was fehlen, sofern sie noch lebt, denn das klebt nach wie vor an unserer Badezimmerwand. Vielleicht möchte das ja eine andere Schnecke essen. Die Damen und Herren fressen sich nämlich auch gegenseitig, habe ich erforscht und selbst beobachtet. Also, liebe Nacktschnecken: Es ist angerichtet und inzwischen bestimmt so gut wie ein richtiger Parmaschinken, schön luftgetrocknet und gereift, noch keine 16 Monate, aber vielleicht mögt ihr ja nächstes Jahr wiederkommen.

Montag, 4. August 2008

Der gute Verkäufer

Ich bin wohl, was mein Konsumverhalten angeht, etwas altmodisch. Ich habe mich vom Fernsehen abgewendet, als die Programmansager abgeschafft wurden. Ich muss, wenn die Marktforschung mich anruft, bei jeder zweiten Frage "null" oder "gar nicht" angeben, weil ich das Produkt oder die Sendung nicht kenne. Ich besitze keine Dinge von Wert außer meinem Laptop. Wenn mir jemand am Telefon etwas verkaufen will, um das ich nicht gebeten habe, werde ich kalt wie Eis und hart wie Krupphusten. Dennoch gibt es eine marktwirtschaftliche Instanz, in deren Händen ich zu Wachs werde: Menschen, die mit Leib und Seele Händler sind.
Auf den dringenden Rat meiner Mutter wollte ich mir schon seit Wochen ein orthopädisches Nackenstützkissen kaufen. Man braucht sowas als Schreibtischarbeiter, wirklich. Nicht jeder kann sich schließlich einen eigenen thailändischen Masseur leisten, und deshalb sollte man wenigstens im Schlaf etwas für die geplagten Schultern tun. Meine Mutter hatte mir aber eingeschärft, nicht mehr als vierzig Euro dafür auszugeben, denn das sei nicht nötig. Und gern hört man auf seine Mutter, wenn es darum geht, das Leben und Liegen angenehmer zu gestalten. Ich schaute mich also auf meinen Wegen durch die Geschäftswelt um nach orthopädischen Nackenstützkissen zum Preis von höchstens vierzig Euro. Ein Laden auf meinem üblichen Weg zur Arbeit war mir dafür als geeignetes Ziel aufgefallen, ein Matratzengeschäft. Bei meinem mehrmaligen beiläufigen Hineinschauen im Vorbeifahren (ich wollte mich nicht zu leicht ködern lassen) hatte ich tatsächlich eine Reihe orthopädischer Nackenstützkissen im Eingangsbereich des Geschäfts entdeckt. Aber die für Spione wie mich angenehm groß gestalteten Preistafeln kündeten von Fehlanzeige: Fünfen bis Siebenen an erster Zahlenstelle, das ging also nicht. Da ich aber auch nirgendwo anders auf orthopädische Nackenstützkissen stieß, wagte ich es doch eines Tages, meine Schultern schmerzten mal wieder von der ungesunden Schlafhaltung, vom Fahrrad abzusteigen und es zunächst möglichst langsam an dem Laden vorbeizuschieben. Dabei äugte ich so angestrengt aber beiläufig wie möglich auf die Auslage mit den orthopädischen Nackenstützkissen. Und da! Runtergesetzt! 39, 90! Nix wie das Fahrrad abgeschlossen und rein also.
Ich mag es ja nicht, von Verkäufern gleich beim Betreten eines Geschäftes bedrängt zu werden. Zum guten Handel gehört, wie ich finde, ein anfängliches beidseitiges Beobachten und Einschätzen zwischen Händler, Kunde und Ware. Dann erst kann der Händler vorsichtig versuchen, das Interesse des Kunden für eine bestimmte Ware zu kanalisieren bzw. zu verstärken. In jenem Fall war der Verkäufer gerade noch mit anderen Kunden beschäftigt, was mir sehr zupass kam, denn ich wollte mir auf keinen Fall etwas aufschwatzen lassen, sondern das heruntergesetzte orthopädische Nackenstützkissen für 39,90. Mit ebendiesem in der Hand und gezücktem Geldbeutel stellte ich mich also direkt an die Kasse und wartete geduldig.
Am Blick des Verkäufers, der schließlich auf mich zugeschlendert kam, erahnte ich jedoch schon, dass ich so einfach nicht dort weg käme. Mit der Andeutung eines Lächelns musterte er mich und die Ware in meiner Hand. Ich versuchte einen festen, seriösen Blick aufzusetzen. Und doch wusste ich schon, dass er mich und meine Schwäche für gute Verkäufer durchschaut hatte, bevor er seinen einleitenden Satz ausgesprochen hatte: „Sooo, Sie habbesisch also e Kisse ausgsucht.“ Mensch, e Hesse, versuchte ich nicht zu denken, so weit oben! „Wissese denn schon, obss Rischtische is?“ – „Och ja, dann kann man ja nicht so viel falsch machen“, gab ich mich betont locker. Er lachte kurz spötttisch auf, seiner Stärke gewiss, und befahl mir, zum Probeliegen mitzukommen. Fix nötigte er mich auf eine Matratze und schob mir das ausgesuchte Stützkissen unter. Man fühlt sich da ja schon recht ausgeliefert auf einer Matratze in einem Bettengeschäft liegend, das Gesicht des Händlers etwa anderthalb Meter über dem eigenen. „Un?“, fragte das Gesicht. „Öh, ja, geht doch“, meinte ich unsicher. „Tss“, macht das Gesicht nur wieder mit feinem Spott und tippt mir ans Kinn, das fast auf meiner Brust liegt, „wollese mim Kinn aufde Brust schlafe?!“ Er vermutet völlig richtig, dass ich das eigentlich nicht will, sondern nur meine letzte Barriere des Kundenstolzes aufrechterhalten möchte und fügt hinzu, dass dieses Kissen nämlich eher eins für Herren mit Boxerstatur sei, also mit unglaublich breiten Schultern und Nacken wie Stiere. Ich überlege noch, warum denn sowas überhaupt als Standardmodell hergestellt wird, schließlich hat auch der durchschnittliche Mann selten die Statur eines Boxers, da schiebt er mir schon sein Lieblingsmodell unter, „Vilona Visco“, das ist viel dünner als das Boxerkissen und aus Latex. In der Tat fühle ich sofort, wie sich meine Wirbelsäule glättet und ich wesentlich komfortabler liege, das kann nur gesund sein. Meint mein Verkäufer offensichtlich auch, besonders nachdem er mich kurz auf die Seite gerollt und gesehen hat, dass auch in der Position meine Wirbelsäule schön gerade liegt.
Damit ist es vorbei mit meinem Widerstand, das wissen wir beide. Es schockt mich dann auch kaum noch, dass Vilona Visco nicht 39,90, sondern 60 Euro kostet, und die warnende Stimme meiner Mutter in meinem Hinterkopf ist fast verstummt. Nein, ich finde alles super, freue mich auf meinen gesunden Schlaf und lasse mir noch ein bisschen auf Hessisch erzählen, dass der Herr Händler diese Woche sehr viele Überstunden gemacht hat und dass er weit weg wohnt von seinem Geschäft. Und den Bezug kann ich bei 60 Grad waschen, ist doch prima. Ich schlafe übrigens sehr gut auf dem Kissen und habe in der gleichen Woche noch ein Kleid gekauft, das so teuer war wie überhaupt nur ein einziges Kleidungsstück aus meinem Bestand zuvor. Und im Rücken hat es auch noch ein großes Loch. Absichtlich natürlich, wegen sexy und so. Die Verkäuferin war einfach klasse.

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