Sonntag, 24. Mai 2009
Geschichten aus Kuba. Zweiter Teil: Begegnungen mit Gesetz und Verbrechen
Bevor ich aber unsere kubanischen Erlebnisse mit den dortigen Gesetzeshütern referiere, muss ich Ihre Geduld ein klein wenig strapazieren und das Thema vom anderen Ende der Gesellschaft her aufrollen: Zuerst nämlich trafen wir auf Kuba die Gesetzesbrecher.
In einer langen und beschwerlichen Wanderung hatten wir von Santiago de Cuba aus eine ehemalige Befestigungsanlage aufgesucht, el Morro. Der Weg war sehr viel weiter gewesen als angenommen und die Temperaturen konnten zentraleuropäischen Organismen ganz schön zu Kopf steigen, kurz: die Umstände luden nicht gerade dazu ein, auch den Rückweg zu Fuß zu bestreiten. Nun waren wir, endlich an einem kleinen Strand mit dem verheißungsvollen Namen La Estrella angekommen, dort von einer ganzen Horde kubanischer Halbstarker, von denen einige wirklich nicht vollkommen koscher wirkten, derart bedrängt worden, dass uns die Lust am Strandaufenthalt vorerst vergangen war; zudem war es bereits früher Abend, der Weg nach Santiago weit und die Art unseres Zurückkommens noch vollkommen ungeklärt. Der Bus, auf den zu warten wir uns hoffnungsvoll am Straßenrand postiert hatten, hatte seine nächste Durchfahrt offenbar für den St. Nimmerleinstag vorgesehen. Doch, wie es so ist auf Kuba: Ein Transportangebot für die beiden netten Touristinnen mit dem vermeintlich prall klingenden Geldbeutel ließ nicht lange auf sich warten. Aus einer nicht sonderlich einladenden Gaststätte am Strandesrand, deren Verköstigung wir zuvor dankend abgelehnt hatten, kam ein offensichtlich stark angetrunkener junger Herr auf uns zu und fragte, ob er uns nicht in die Stadt fahren solle mit seinem Wagen, der dort stand, er verlange lediglich zehn Dollar. "Prinzipiell gern, für die Hälfte des Preises und wenn du nicht der Fahrer bist", entgegnete ich mit träge erwachender Handelslust und einigem Argwohn. Letzterer war durchaus berechtigt, denn, so wurde uns bald klar, wir hatten es hier erstmals mit einem echten kubanischen jinetero, einem Unterhändler oder Schlepper, zu tun. Er grinste verächtlich und zog ab, um das Angebot seinem Patron zu unterbreiten. Zurück kam er mit einer Gegenofferte von acht Dollar. Aber so leicht gaben wir nicht nach; "sechs Dollar", gab ich eiskalt zurück, "und wir machen uns jetzt schon mal zu Fuß auf den Weg." Diesmal kam der Läufer, nicht ohne sich vorher kraft alkoholbedingter Gehschwierigkeiten fast ein Bein in einem Erdloch gebrochen zu haben, eilig zurück und brachte - Sakrament! - seinen Patron, seinen Herrn und Verwalter mit. Und augenblicklich fühlte ich mich ganz wie in einem Verbrecherfilm: Der Kerl war der Prototyp des Zuhälters, der andere für sich arbeiten lässt, auf diese Weise sein Geld vermehrt und dabei selbst nichts anderes tut als von Tag zu Tag fetter zu werden und seinen Lackaffenbart zu trimmen. An jedem Finger steckte ein goldener Ring, auch der Stiernacken war goldbehangen, die aus den Shorts ragenden Beine konnten den beleibten Körper kaum tragen, aus dem feisten Gesicht starrten zwei listige, emotionslose Augen. Dunnerlittchen, dachte ich, dir und deinen Schergen möchte ich nicht des Nachts allein und wehrlos begegnen. Aber ich nahm mich zusammen und dachte, ruhig, nur Herr der Lage bleiben, nur nicht einschüchtern lassen. Der Zuhälter musterte uns, nickte herablassend von meiner Begleiterin Almut und mir zum Auto und sagte nur: "Tennbagh." Ob seiner Unverfrorenheit bei fehlender Bildung und der Geringschätzigkeit, mit der er uns aus seinen Schlitzaugen anstierte, gefror nun mein Gesicht zum Pokerface und ich dachte, du mieser Zuhälterfettwanst, dir werd ich's zeigen. Lern du erst mal anständig ten bucks sagen, bevor du zwei Frauen, die eindeutig schlauer sind als du, unverschämte zehn CUC für die Strecke nach Santiago abknöpfen willst, und glaub ja nicht, dass ich Angst vor deinem gemeinen Babyface habe. All diese Gedanken legte ich in den Blick, mit dem ich ihm unverwandt in die Augen sah, während ich in meinem feinsten Iberospanisch sagte: "Wir waren bei sechs. Sechs und keinen Centavo mehr, sonst gehen wir halt zu Fuß." Der Fettwanst starrte zurück, wollte mich mit seinem Blick durchbohren, seine Augen sagten: "Du bist für mich nicht mehr als zwei Titten", und fragte: "Spanierinnen, was?" - "So was Ähnliches", entgegnete ich, ohne den Blick zu senken. Nach einigen Sekunden des Schweigens, das nur vom leicht durch den heißen Staub säuselnden Wind untermalt wurde, hatten wir gewonnen. Ohne den Blick von mir zu wenden - ich war wirklich noch nie mit so viel Gemeinheit und Missbilligung angeschaut worden - bedeutete der Patron seinem Jinetero und einem weiteren Angestellten, der sich als Fahrer entpuppte, mit einer Kopfbewegung, uns für sechs CUC nach Santiago zu fahren. Meine Knie zitterten ein wenig nach dem Blickgefecht, auch vor Wut, dass wir uns auf solch zwielichtige Gestalten einlassen mussten. Und ganz gebannt schien die Gefahr noch nicht. Ohne es auszusprechen, wussten Almut und ich beide, dass wir den gleichen Gedanken hatten: Hoffentlich fahren die uns jetzt nicht sonstwo hin, vergewaltigen uns und rauben uns aus. Also: Pokerface bewahren, auf alles gefasst sein!
Es ging gut. Außer ohrenbetäubend lauter Musik und dem unverhohlenen Angebot seitens des Betrunkenen, doch gleich noch ein kleines Nümmerchen zu schieben ("Dein Körper ist nämlich ganz gut"), wurde uns kein Leid zugefügt. Der Fahrer war sogar nüchtern. Endlich wieder im sicheren Gewimmel von Santiagos Plaza Dolores, atmeten wir beide tief auf und machten unserer Empörung über die Arten von Männern und Behandlung, denen wir soeben entkommen waren, lauthals Luft. Es sollte gottlob unsere einzige Erfahrung mit derart zwielichtigem Volk während der Reise bleiben. Es gibt jedoch auf Kuba, und das bestätigt einem jeder Kubaner, eine Spezies, die fast ebenso unangenehm sein kann wie die trüben Gestalten am Rand des Gesetzes: Die sogenannten Hüter des Gesetzes. Weil der Eintrag droht, Überlänge zu bekommen, beschneide ich ihn hier und mache einen hübschen Zweiteiler daraus. Gleich geht's weiter!
Freitag, 15. Mai 2009
Geschichten aus Kuba. Erster Teil: Das Prinzip Mi Amor oder wie man sich (k)einen Kubaner angelt
Nun also Kuba, ay! Cuba. Wie sollte ich je all die Zeit aufbringen, um alle Geschichten zu erzählen, die es zu erzählen gäbe von dieser wunderbaren, wundersamen und grausamen Insel. Ich fange einfach in der Mitte an, womit dann vielleicht auch schon das Ende erreicht ist, aber der Alltag tritt sich schon die Füße an der Schwelle ab, und es bleibt wenig Zeit, bis er wieder im Hause ist und alles in seinen Bann zieht. Vorher also noch geschwind:
Das Prinzip Mi Amor
Ich kann jeder heiratswilligen Frau, die dem Speeddating sowie einer gewissen Beschränkung auf das Oberflächliche in Sachen intersexueller Annäherung im Grundsatz nicht abgeneigt und nicht gerade völlig insolvent ist, nur Folgendes raten: Fahren Sie nach Kuba. Ziehen Sie sich etwas Nettes an, ein Kleid ist ideal, muss aber nicht sein. Sie müssen weder blendend aussehen noch besonders gut Spanisch sprechen, das ist nicht so wichtig. Gehen Sie einfach auf die Straße und laufen Sie dort wiegenden Schrittes, nicht zu schnell, auf und ab. Sollte Ihnen die sich nach wenigen Minuten bietende Auswahl pfeifender, schnalzender und kontaktwilliger Männer dort nicht gefallen, probieren Sie es einfach ein paar Straßen weiter oder auch einmal in der nächsten Stadt. Sagt Ihnen ein Exemplar zu, können Sie schon nach etwa einer halben Stunde zur Planung der Überführungsformalitäten nach Europa übergehen. Sie müssen lediglich das Geld für sein Flugticket zuschießen. Wenn Sie aber mal eine Pause von den Strapazen des karibischen Heiratsmarktes brauchen, versuchen Sie, möglichst schnell und unbemerkt Ihre Unterkunft zu erreichen und bleiben Sie dort, bis Sie sich erholt haben - setzen Sie sich auf keinen Fall in ein Café, eine Bar oder gar auf eine Parkbank!
Das Gute an all dem ist: Man muss auf Kuba niemals allein sein. Man findet immer Gesellschaft, und es geht dabei nicht immer nur um das Eine. Und die allermeisten Kubaner sind in fast jeder Situation zu einem Schwatz aufgelegt. Dabei zeigen sie ihrem Gesprächspartner (m/w) gern, wie lieb und teuer er/sie ihnen ist, indem sie ihn/sie mit Kosenamen bedenken, die sich sämtlich etwa mit "mein Schatz, mein Liebling" übersetzen ließen. Dabei spielt die Vertrautheit oder die Dauer der Bekanntschaft der Kommunizierenden keine Rolle. Man muss einander auf Kuba nicht kennen, um des anderen Schatz zu sein. Man muss dem anderen auch nichts Nettes sagen wollen, um ihn dabei Schatz zu nennen.
Ich kam irgendwann an den Punkt, an dem ich beschloss, es einfach genauso zu machen. Eigentlich bin ich ein Gegner partnerschaftlicher Kosenamen, aber schließlich ging es für mich hier ja gar nicht um Partnerschaften und außerdem passe ich mich gern meinem Umfeld an. Als wir also eines schönen Abends im idyllischen Remedios auf der Terrasse einer Bar saßen, dauerte es nicht lange, bis wir von einer kleinen Gruppe ins Gespräch gezogen wurden. Diesmal waren sogar auch Frauen dabei, zwei Paare, um genau zu sein. Der Mann des einen Paares machte gemeinsam mit einem weiteren Singlemann (dessen Alkoholpegel etwa dem von 15 Dosen Bier entsprach) alle möglichen absurden Vorschläge, wie man den nächsten Tag gemeinsam mit allen Anwesenden gestalten könnte. Das wollten wir, meine Begleitung Almut und ich, aber gar nicht. Wir wollten den nächsten Tag absolut nur zu zweit gestalten. Da unsere aufdringlichen Gesprächspartner aber nicht locker ließen, beschloss ich irgendwann, es nun einmal auf die vermeintlich kubanischere Art zu versuchen und sagte in etwas barscherem Ton zu dem Paarmann: "Nein, mi amor, ihr werdet morgen nirgendwo mit uns hinfahren. Wir fahren allein." Huch, da hatte ich aber was falsch gemacht! In plötzlich aufgeregtem Gezeter fuhr man mich an - nicht etwa ob des Inhalts meiner Worte, nein, es ging um den einen Ausdruck: "He, das darfst du nicht sagen, er ist nicht dein Schatz, er ist ihr Schatz!" Mit Verweis auf die blondgefärbte Begleiterin des Paarmannes. Ich murmelte irgendeine Entschuldigung, dachte aber, meine Güte, ich werde hier ständig verbal gekost, was aus meiner Sicht absolut keine Bedeutung haben kann, darf aber nicht mi amor zu einem sagen, dessen echte amor dabei sitzt. Okay, versuche ich zu verstehen.
Ich lernte die Lektion dann noch bei anderer Gelegenheit zu Ende bzw. erfasste ihren vollen Inhalt: Schon einige Male war mir aufgefallen, dass Kubaner Sätze, die sich an einen - gern unbekannten - Gesprächspartner richten, am liebsten mit "mi vida" beenden, "mein Leben". Etwa: "Ja richtig, ein Kilo kostet 5 Pesos, mi vida." Ich hatte das als besagtes, für meine zentraleuropäischen Begriffe übertriebenes verbales Gekose abgetan. Die wahre Bedeutung dieses Anhängsels erschloss sich mir aber erst auf einer nächtlichen Gewaltfahrt, deren Geschichte ein andermal erzählt werden soll, während der unser kubanischer Begleiter (ein Freund) sich aus dem Fenster lehnte und eine ihm durchaus nicht bekannte Passantin fragte: "Ist das die Straße zur Polizeistation, mi vida?" Pling! machte es da in meinem Kopf: Nicht Liebe, sondern Leben ist also die übliche Koseform für jedermann auf Kuba, und mehr als das, es ist die übliche Anrede. Wo wir Deutschen uns mit einem verkorkst-gehaltlosen Tschuldigung zu behelfen versuchen und der Franzose immerhin noch ein elegantes Monsieur/Madame zur Hand hat, fahren die Kubaner gleich alles auf: Ich kenne dich nicht, aber du bist mein Leben, und wenn ich dich schon nicht gleich lieben kann, so bedeutest du mir doch so viel wie der Pulsschlag meines Herzens, auch wenn ich dich nur nach dem Weg frage.
Um also noch einmal auf die Strategien der Partnersuche auf Kuba zurückzukommen: Wenn Ihnen einer besonders gut gefällt und keine zu ihm gehörige Frau in Sicht ist, nennen Sie ihn meine Liebe. Wenn einer Ihnen nicht so gut gefällt und Sie ihn freundlich oder auch nicht so freundlich zurückweisen wollen, nennen Sie ihn mein Leben. Und halten Sie sich nicht mit eventuellen ethischen Fragen an Ihr Empfinden auf, was Ihnen denn nun wichtiger ist: Leben oder Liebe.
Samstag, 25. April 2009
Fraunoelle fährt beschwipst in Urlaub
Hochverehrtes Publikum. Ich werde mich für eine Weile verabschieden, weil ich in die Kraibik fahre zu Fidel. Sie werden meine Abwesenheit aber gar nicht bemerken, weil ich ja schon seit geraumer Zeit auch ohne Fidel genauso selten schreibe wie ab morgen mit Fidel. Es wird Ihnen also nicht weiter auffallen. Ein Glück. Ich fahre nämlich obendrein betrunken zu Fidel. Ich hoffe, er merkt es nicht so. Als Revolutionär ist man doch Asket. Aber ich ließ mich gerade auf einer sehr erfreulichen Party hinreißen zu vermehrtem Alkoholkonsum und hab hinterher noch ein ganzes Cookiekamel (ein schönes Geschenk aus der niederrheinischen Heimat) gegessen, und jetzt darf ich nicht mehr ins Bett gehen, denn dann krieg ich nicht die Karawane, die zu Fidel zieht. Ich muss also aufbleiben, geschätztes Publikum. Und mit wem könnte das schöner sein als mit Dir, Leser? Geschätztes Publikum, ich vertippe mich wahnsinnig oft. Aber ich habe noch die Klarheit, meine Fehler zu korridieren. Oder Gieren. Und weil's so schön passt, empfehle ich nebenbei zu lesen: Daniel Glattauer, Gut gegen Nordwind. Weil's so schön ist. Aber ich hab es leider schon ausgelesen und den Folgeband auch, der war aber nicht so gut.
Mann, immer noch anderthalb Stunden bis der Wecker klingelt. Ach so, den hab ich noch gar nicht gestellt. Vielleicht mach ich das noch. Damit ich nicht einschlafe.
Hochgeschätzter Leser, ich werde allein von Glück reden können, wenn ich in vier Stunden im Flieger sitze. Naja, fünf. Aber dann hebt er auch schon ab. Bis dahin lege ich mich noch ein wenig aufs Sofa, öffne das Fenster und lausche dem Morgengesang der Vögel. Ab morgen Abend sprechen die nämlich Spanisch und tanzen Salsa und Son in den Bäumen. Wiederseeeehn!
Mittwoch, 15. April 2009
Verhindert Gott Sport?
Letzte Woche musste ich immer lange arbeiten und konnte dadurch nie meinen geliebten Kampfsport trainieren. Umso mehr freute ich mich darauf, es diese Woche endlich wieder zu tun. Ostermontag hat Gott einen Feiertag gemacht, da ist Trainieren tabu. Gut. Dann also am heutigen Mittwoch. Alles lief fast nach Plan, ich war nur wenige Minuten zu spät dran und fuhr flugs im frischen Frühsommerwind vom Büro in Richtung Jungfernstieg. Da blies mir jedoch eben jener frische Wind - gelenkt von Gottes Hand? - mit einer Bö etwas ins Auge und auf die Kontaktlinse. Bei harten Linsen, wie ich sie trage, schmerzt das ziemlich, man muss sie dann sofort kurz rausnehmen und ablecken. Ich steige also geschwind vom Fahrrad ab, hole die Linse heraus, lecke sie ab und habe sie gerade wieder zum Einsetzen auf dem Finger, als eine weitere tückische Bö sie mir einfach vom Finger auf die Straße weht. Und zwar geschah dies, meine Damen und Herren, direkt und exakt vor der Tür der Scientology Kirche Hamburg.
Da stand ich nun mit nur einer Kontaktlinse zum Sehen, kniete nieder und begann, mit den Händen den Bürgersteig abzusuchen. Ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen bei einem durchsichtigen Gegenstand in halber Erbsengröße, den der gemeine Wind schon sonstwohin geweht haben konnte. Ganz nebenbei stellte ich dabei fest, dass der Hamburger Bürger in den meisten Fällen sehr freundlich und hilfsbereit ist: Viele Passanten hielten an und fragten besorgt, ob ich etwas "Bestimmtes" suche, knieten sich zuweilen sogar kurz mit mir nieder, um mir zu helfen. Und ich glaube, sie fragten alle nach diesem "bestimmten" Etwas, weil sie vermuteten, ich könnte soeben bei Scientology ausgetreten (kniete ich doch buchstäblich vor deren Schwelle) und nun endlich auf der Suche nach dem rechten Glauben sein.
Der Herr des rechten Glaubens jedoch hatte sich an diesem Tag offenbar nicht nur vorgenommen, meine sportliche Betätigung zu verhindern, sondern für die Ausführung dieses Plans ausgerechnet Tom Cruise und seine Freunde gekauft. Als ich nämlich gerade Hoffnung und Suche aufgeben wollte, traten sie plötzlich in mein Blickfeld, das noch immer auf den Asphalt gerichtet war: ein paar blitzblank polierte schwarze Schuhe. Darauf steckte eine Anzughose mit astreiner Bügelfalte. Und von oben fragte eine listige Stimme: "Kann ich Ihnen helfen?" Langsam blickte ich auf, sah den Rest des dunklen Anzugs, sah die akkurat gebundene Krawatte, die verspiegelte Sonnenbrille, schließlich das zurückgegelte blonde Haar. Kein Zweifel, das war er. Ein Scherge Toms und seiner Bande, gekommen um mich einzufangen. Und in Komplizenschaft des Herrn hatten sie mich dafür der Hälfte meiner Sehhilfen beraubt. Aber so leicht würde ich es ihnen nicht machen, oh nein! Wie der Blitz sprang ich auf, in Kämpferpose, und direkt weiter in den Sattel meines unruhig schnaubenden Fahrradhengstes. Und schleuderte dem unheimlichen Anzugträger entgegen, schon eine Pedale unter dem Fuß: "Ich pfeif auf Ihre Hilfe! Ich brauch Sie nicht! Gucken Sie mal, ich kann wunderbar sehen, auch mit einer Linse! Guten Tag!" Und wie der Wind stoben wir davon, mein Fahrradhengst und ich, außer Reichweite der linken Hand Gottes. Wir hielten erst an, als wir den sicheren Hafen der nächsten Fielmann-Filiale erreicht hatten, wo ich wusste, dass mir weltliche Hilfe in Form modernster Technik gewiss war. Mit dem Karatetraining war es dann natürlich vorbei.
Nun bleiben für mich folgende Fragen offen: 1. Ist Gott grundsätzlich gegen Sport, oder ist es nur die martialische Handlung, die er in meinem Fall missbilligt? Im Film "Dogma" spielt Gott in Gestalt von Alanis Morissette am liebsten Golf - eine eher friedvolle Sportart, allerdings können auch Golfschläger tödliche Waffen sein.
2. Steht Gott nun im Bunde mit zwielichtigen Schergen wie den Scientologen oder gar den Piusbrüdern oder nicht?
3. Wenn dieser Bund traurige Realität ist - wer ist dann der Boss? Hat der Herr sich von Tom Cruise und Partnern kaufen lassen und schickt einen Windstoß, damit ein hilflos gewordenes Schäfchen sich in die nächstbesten vermeintlich rettenden Arme begebe oder war es vielmehr der Höchste persönlich, der den armseligen Anzugträgern gesagt hat, "Hier, ich werfe sie euch kniend vor die Schwelle, nun sammelt sie gefälligst für mich ein und sorgt dafür, dass sie nie wieder Sport treibt!"?
Vielleicht sollte ich es tatsächlich einmal mit Golfspielen versuchen und schauen, was dann passiert.
Sonntag, 5. April 2009
Endlich: das Hörerlebnis mit Hafenblick!
Wenn Sie das alles wollen, kommen Sie am Sonntag, dem 19.04. dieses Jahres in die Hafenstraße 129a (nicht wundern, das Haus steht direkt neben der Nummer 112) im schönen St. Pauli und seien Sie kurz vor 19 Uhr da, damit wir pünktlich anfangen können. Bringen Sie Ihre Freunde und Ihre Familie mit. Für Getränke wird gesorgt sein und dafür darf gespendet werden, abgesehen davon ist das Erlebnis wie immer gratis.
Dienstag, 31. März 2009
Eine Rose ist eine Hose ist eine Frau
Also, geschätztes Publikum, ich lade Sie ein, mit mir folgenden zweifellos etwas übers Knie gebrochenen Syllogismus gedanklich durchzuspielen und sich danach auf die Fortführung des so angeschnittenen Themas umso mehr zu freuen:
Der des Portugiesischen nicht Mächtige Deutsche hält das portugiesische Wort für "Rose" beim reinen Hören desselben leicht für das deutsche Wort "Hose".
Als guter Latin Lover setzt der Portugiese, hat er nur genug Portwein getrunken, gern Frauen verbal mit Rosen gleich.
Also hält der des Portugiesischen unkundige Deutsche in Portugal (oder auch - natürlich! Brasilien) beschriebene Frauen oft für Hosen.
Fortführung folgt, werte Leser! Und bald gibt es auch wieder eine schnuckelige kleine Lesung in gediegener Umgebung. Bleiben Sie uns also treu und haben Sie uns weiter lieb, auch wenn wir Sie zuweilen ein wenig vernächlässigen!
Donnerstag, 12. März 2009
Besoffene Vögel mit Hauben
Es ist doch erstaunlich, wie lange der Mensch mit Überzeugungen durch die Welt laufen kann, ohne sich jemals von ihrer Richtigkeit zu überzeugen. Ich erinnere mich da an eine ältere Dame, die etwa um die Jahrtausendwende vor mir in der Schlange am Postschalter stand. Als sie an der Reihe war, wollte sie dem Postbeamten nicht glauben, der ihr sagte, diese Postleitzahl sei falsch, die gebe es nicht mehr. Sie habe aber immer an diese Postleitzahl geschrieben, beharrte die Dame. Vielleicht hatte sie nie überprüft, ob ihre Post auch ankam in den sieben Jahren davor. Oder sie hatte seit der Umstellung auf die fünfstelligen Postleitzahlen 1993 einfach keinen Brief verschickt.
Bei mir dauerte die Zeit bis zur Fehlerrealisierung allerdings noch etwas länger, nämlich mein ganzes bisheriges Leben – immerhin bald 30 Jahre – minus ein paar Tage. In dieser ganzen Zeit war ich der festen Überzeugung, eine Haubitze sei ein kleiner mitteleuropäischer Singvogel mit haubenähnlichem Kopffederwuchs. Ähnlich wie die Elritze, von der ich immerhin mit Sicherheit weiß, dass sie ein Fisch und somit dem Tier-, wenn auch nicht dem Vogelreich zuzuordnen ist. Rehkitze, Kiebitze, Elritze, Hundezitze – bei so vielen „itzen“ in Deutschlands Fauna konnte auch die Haubitze für mich nur dort beheimatet sein.
So hatte ich denn jahrzehntelang immer dann, wenn der inzwischen etwas antiquierte Kommentar „Er/sie/wir war(en) voll wie eine Haubitze“ fiel, folgendes schöne Bild im Kopf: Die betreffenden Personen saßen, zu kleinen hübschen Singvögeln mit Menschengesichtern und haubenähnlichem Kopffederwuchs mutiert, volltrunken und schwankend mit ihren Singvogel-Saufkumpanen auf überirdischen Stromleitungen und bogen sich vor Lachen oder sangen beschwipste Lieder, und manchmal fielen sie auch von der Stromleitung, weil sie so besoffen waren. Warum gerade den Vogel Haubitze ein solcher Hang zum übermäßigen Alkoholkonsum kennzeichnen sollte, war mir schleierhaft – aber wer denkt schon über die Bedeutungsherkunft jedes einzelnen Sprichworts nach.
Neulich dann, kurz nach Karneval, redeten meine Mitbewohnerin (eine echte Norddeutsche) und ich über eben jenes Volksfest. Dass dort eine Menge Alkohol konsumiert wird, ist in der Regel Thema Nummer eins, gerade wenn man mit Nicht-Karnevalisten darüber spricht. In diesem Zusammenhang entfuhr mir die Redewendung, die ich eigentlich für antiquiert halte und so gut wie nie benutze, dann aus nicht erkennbarem Grund: „Klar sind alle voll wie die Haubitzen“, oder etwas Ähnliches. Wahrscheinlich dachte ich unbewusst daran, dass im Karneval ja auch viel gesungen wird, und dabei fielen mir meine singenden Haubenvögel ein. Und abends im Bett dachte ich dann, was ich schon ein paar Mal in meinem bisherigen Leben gedacht, dann jedoch nie in die Tat umgesetzt hatte: Du musst doch einmal nachschauen, ob eine Haubitze wirklich ein Vogel ist. Irgendwie schwante mir wohl schon länger, dass sich meine Überzeugung nicht auf verifizierter Erfahrung, sondern rein auf intuitiv motivierten Vermutungen gründete. Und schaute tags darauf nach, natürlich in der gütigen Mutter aller Informationsquellen, unserer schönen Wikipedia. Und da sah mich dann drohend vom Foto ein riesiges, auf einen Panzer montiertes Kanonenrohr an! Kein Haubenvogel, sondern ein „Artilleriegeschütz“! Nicht niedlich, sondern tödlich! Kein Gesang, sondern Geschosse! Und „voll“ konnten die älteren Haubitzen wohl vor allem deshalb sein, weil in sie ordentlich dicke Kanonen gestopft wurden.
So ist denn, wenige Monate bevor ich mein drittes Lebensjahrzehnt beschließe, meine Gedankenwelt wieder um eine schöne Illusion kindlicher Unschuld ärmer geworden. Ja, ich weiß, Desillusionierung gehört zum Erwachsenwerden wie die Krise zum Börsenboom. Alkoholkonsum hat im kulturellen Gedächtnis des Volksmundes nichts mit Singen, dafür einiges mit Krieg zu tun. Als ich dies erkannte, nahm ich eine Flasche Fernet Branca (da ist immerhin ein Vogel drauf) und trank, bis ich voll war wie ein Kanonenrohr.