Montag, 14. Juni 2010

Sagen Sie jetzt nichts

...sagen Sie nicht, lieber Leser, so eine Unverschämtheit, hier wird man nicht anständig beliefert, da geh ich doch lieber zum Kiosk und hole mir eine Zeitschrift, die erscheint wenigstens regelmäßig! Geht doch alles nicht an hier mit diesen völlig unzuverlässigen Netzspielereien! Hätte ich ein Abo, ich hätte es längst gekündigt! Ich bin sowas von sauer!
Sie haben ja Recht, so Recht. Wir sind eine ganz schlechte Herausgeberin, wir Fraunoelle. Vielleicht haben Sie ja trotzdem Lust, wieder - oder neu - einzusteigen. Wir versuchen's mal wieder mit ein bisschen Regelmäßigkeit. Geht gleich los.

Dienstag, 5. Januar 2010

Auf die Ohren! An die Füße!

Ja, aufmerksame Leser haben es rechts schon ganz recht erkannt: Eine neue Bloglesung steht an, endlich! Diesmal gibt es nicht nur unterhaltsame Texte, klangvolle Musik und leckeren Wein, sondern drumrum auch noch schöne Schuhe. Die sind aber nur zum Angucken, nicht zum Klauen. Und es gibt statt der üblichen Spende für Getränke ein Eintrittsverfahren: Wer sich vorher bei fraunoelle@googlemail.com anmeldet oder einen Flyer mitbringt, zahlt 2 Euro, alle anderen 3 Euro Unkostenbeitrag. Getränke sind da natürlich mit drin. Also, werte Herrschaften, kommt zahlreich am Dienstag, dem 19.01. ab 19.15h zu Asja shoes & design in der Bornstraße 18! Wir freuen uns!

Gewalt am Schwein, ja oder nein?

Ich bin kein Vegetarier. Nicht mal ein bisschen. Ich esse allgemein ziemlich gern. Deshalb bin ich auch kein Model geworden. Aber ich habe viel Sinn für Ästhetik und manchmal auch für Ethik. Deshalb esse ich keine polnischen Mastgänse und niemals foie gras und habe mich heute gefragt, ob man Marzipanschweine ästhetisch und ethisch schänden darf, um an den Genuss ihres Fleisches zu kommen. Oder ob das Ausführen dieser Handlung nicht vielmehr die Sündigkeit des eigenen Fleisches belegt.
Marzipanschweine sind ja so possierliche Geschöpfe. Man bekommt sie gern zum Jahreswechsel geschenkt, denn sie sollen Glück bringen. Ich bekam zum letzten und zum vorletzten Jahreswechsel jeweils ein Marzipanschwein geschenkt und verfuhr damit auf ganz unterschiedliche Weise. Das Schwein für 2009 steht immer noch dort, wo ich es geschenkt bekam, an meinem Arbeitsplatz nämlich. Ich dachte mir vor einem Jahr, ach, so ein süßes Schwein, das mag zwar lecker sein, aber das isst man doch nicht. Viel zu schön. Und dann bringt es am Ende kein Glück mehr – wie soll etwas Glück bringen, das nicht da ist – das wäre ja furchtbar. Jetzt ist das Schwein schon ein Jahr alt und ich werde es nicht mehr essen, da auch Marzipan ein Verfallsdatum hat. Aber ich frage mich nun, was in Zukunft mit diesem Schwein geschehen soll. Einfach wegschmeißen, schließlich ist das Jahr seiner Bestimmung vorbei? Wäre das nicht ein Affront gegen die Schenkerin? Oder einfach stehenlassen bis zur Pensionierung? Oder wenigstens bis zur Pensionierung der Schenkerin? Letzteres wäre vielleicht die Lösung, die Schenkerin ist bedeutend älter als ich.
Sie erkennen daraus, geschätzte Leser, das Dilemma, in dem ich mich stellvertretend für alle Schweinebeschenkten befinde: Eigentlich ist so ein Schweinderl zu niedlich zum Essen, aber was macht man mit Dingen, die vornehmlich zum Essen da sind, wenn man sie nicht isst?
Deshalb machte ich meinem Schwein für 2010 den kurzen Prozess:
Sieht es nicht furchtbar aus? Dabei hatte ich noch nicht mal reingebissen, nur abgebrochen. Lecker Schwein. Es bietet einem leider keine unauffällige Angriffsfläche, die Devise ist hier: zerstören oder unberührt lassen. Ich wählte die erste Option, indem ich mich daran erinnerte, dass ich als Kind beim Kaninchenschlachten mit Begeisterung Broschen aus den plüschigen Karnickelschwänzchen bastelte und diese dann monatelang stolz an der Brust trug. Im Vergleich dazu erschien mir das heutige Schweineschlachten doch bar alles Makabren.
Tja. Soll man nun oder soll man das Marzipanschwein nicht essen? Was ist ästhetisch und vor allem ethisch vertretbarer? Und was bringt mehr Glück? Meinungen und Diskussionsbeiträge hierzu sind herzlich willkommen.
Die Schenkerin des diesjährigen Schweins, des Jahrzehntschweins sozusagen, war übrigens eine andere als die des Vorjahresschweins. Und ich möchte ihr hiermit diesen Text widmen und ihr sagen, dass ich mich, seit ich ihr Schwein bis auf den letzten Krümel aufgegessen habe, von einem saumäßigen Glück durchflutet fühle. Das Glück dieses Schweins sei das Gold meiner Hüften!

Samstag, 2. Januar 2010

Zum neuen Jahr eine Kniefeige

Willkommen, liebe Leser, im neuen Jahrzehnt und im dritten Septentryo-Jahr. Schön, dass Sie auch in den Zehnerjahren weiter vorbeischauen. Kinder, die im Jahr 2000 geboren wurden, werden dieses Jahr zehn Jahre alt. Wie finden wir das? Wissen Sie auch noch so genau, was Sie Silvester 1999 gemacht haben?
Das neue Jahr begann für mich passenderweise mit einem Neologismus. Es war die fortgeschrittene Uhrzeit, zu der man an Neujahr aufzustehen pflegt, wenn man keine kleinen Kinder hat und nicht zur Gruppe der überzeugten Lerchen gehört. Später Nachmittag also. In einer trägen, im Sitzen ausgetragenen Keilerei schlug ich dem Spanier an meiner Seite (gut, diese Formulierung habe ich von Petra Reski geklaut, aber bei ihr ist es ein Italiener) eigentlich scherzhaft aufs Knie. Es klatschte ziemlich laut, ich erschrak ein wenig, weil ich ja niemandem ernsthaft Schmerz zufügen will, und sagte entschuldigend: "Tut mir Leid, jetzt habe ich dich wirklich geohrfeigt." Besagter Spanier blickte einige Sekunden lang ernst auf sein Knie und sagte dann ebenso ernst: "Geohrkniet." Diese bezaubernde Wortschöpfung erheiterte mich nun so sehr, dass ich im folgenden Lachanfall zu ersticken drohte, dabei aber noch mühsam herausbrachte, dass es ja, wenn überhaupt, dann doch gekniefeigt heißen müsse. Darauf besagter Spanier, im Hinausgehen: "Siehst du, wenn du mich ohrkniest, kniefeige ich dich mit Worten."
Diese Wortspielerei führt nun zu einer Menge linguistischer und küchenphilosophischer Schlüsse, von denen ein Teil das neue Jahr als Vorsatz oder doch als Wunsch begleiten könnte:
  • Eine Ohrfeige muss strenggenommen das Ohr treffen, sonst ist es nur eine Feige.
  • Eine Feige allein macht noch keinen Schmerz, sondern ist ein Obst, und zur Gewalthandlung wird sie nur in Verbindung mit dem Ohr. Aber wird sie es auch mit dem Knie?
  • Man kann jemanden nicht feigen. Feigen ist kein Verb. Aber in Verbindung mit dem Präfix ohr- wird es zu ebendem.
  • ohr- ist also ein Präfix im Deutschen, das aus einem Importobst eine Gewalthandlung macht.
  • Als Neuerung für das Einbürgerungsverfahren in Deutschland schlage ich anstelle des Sprachtests folgende Aufgabe vor: Kreieren Sie mindestens drei deutsche Neologismen, vorzugsweise durch Verbaffigierung. Die schönsten Neuschöpfungen werden mit einem Eintrag in den Duden belohnt.
  • Ich bin auf jeden Fall dafür, dass Deutschland sich in seiner Eigenschaft als Einwandererland weiter entwickelt. Damit unsere Sprache lebendig bleibt.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Glaubens-Heureka mit Teufelsaustreibung

An diesem Wochenende wurde ich mehrfach geläutert und am Ende bekehrt. Aber ich muss anders anfangen.
Es ist ja wieder in Mode, sich zu einem Glauben zu bekennen. Christen, Juden und Muslime haben ihren einen Gott, Hindus ihren Brahma-Vishnu-Shiva, Buddhisten ihre innere Ruhe, Esoteriker ihren Esoteros und Atheisten immerhin ihren Nichtglauben. Und was mach ich, dachte ich bisher. Ich muss ohne diese Sicherheit im Rücken klarkommen und gerate bei der Gretchenfrage immer in Verlegenheit. Diese Probleme bin ich seit heute los. Aber der Weg dorthin war steinig und schmerzhaft.
Begonnen hat es damit, dass ich gestern Abend zum ersten Mal das Vergnügen hatte, an einer Queimada teilzunehmen. Das ist ein galizischer Brauch, dessen rituellen Teil sich mit Sicherheit irgendwelche Kelten ausgedacht haben, auch wenn die vielleicht nur der Legende nach in Galizien waren, in grauer Vorzeit. Der Brauch geht so: Zuerst trinkt man viel Alkohol und isst kalorienreiche Sachen wie Kastanien, belädt sich auf diese Weise also ordentlich mit Sünde, aber: Die Sünde ist hier heidnisch und taucht deshalb in Form von Dämonen auf. Diese Dämonen gilt es nun auszutreiben, was traditionell in der Nacht vor Allerheiligen geschieht, wenn man nicht der Halloween-Mode anhängt (gegen die ich mich bei der Gelegenheit gern zwar in Klammern, gleichwohl mit aller Deutlichkeit aussprechen möchte). Heutzutage ist man mit den Terminen ein wenig flexibler. Idealerweise um Mitternacht wird dann ein großer Tontopf mit einem Trank aus starkem galizischen Schnaps, Früchten und Kaffeebohnen auf den Tisch gestellt und – hier beginnt die eigentliche Queimada – angezündet. Und was ein richtiger Zaubertrank ist, braucht natürlich einen Zauberspruch, mit dem die mächtigen Elemente angerufen werden, kraft des einzunehmenden Gebräus die bösen Dämonen, Satyren und Verwünschungen zu vertreiben, die auf den Seelen der Anwesenden und deren Freunden in der Ferne lasten (vor allem bei denjenigen, die keiner der eingangs aufgeführten Glaubensrichtungen anhängen). Unter anderem geht es in dieser Beschwörung um "Fürze aus höllischen Ärschen". Mir, die als deutsche Muttersprachlerin die Ehre hatte, den aus dem magischen Galizischen ins Deutsche übersetzten Text vorzutragen, wollten aber partout keine höllischen Ärsche über die Lippen kommen – es wurden immer holländische Ärsche. Mir tat das sehr leid, ich bin ja nun ein Grenzkind und unseren holländischen Nachbarn eigentlich wohlgesonnen. Aber da sieht man mal, was jahrelange nächstenfeindliche Indoktrinierung in der niederrheinischen Heimat ausmachen kann – der Diskriminierungsdämon in mir wollte einfach ums Verrecken den Holländern eins auswischen. Gott sei Dank (eigentlich sage ich das jetzt gar nicht mehr, nach meiner Glaubensfindung, aber dazu später) habe ich ihn dann zusammen mit all den anderen Dämonen ausgetrieben mit dem brennenden Gebräu, das einem wirklich die Kehle verbrennt, dass es einen schüttelt. Wenn bei der Hitze noch irgendwas an Dämonen-Bazillen überlebt, will ich nicht mehr Fraunoelle heißen.
Von dem vielen Alkohol und der anstrengenden Dämonenaustreibung muss man sich dann allerdings einen ganzen Tag erholen, man sollte sich also am nächsten Tag nichts Großes vornehmen. Die so gereinigte Seele braucht Ruhe. Ich brauchte allerdings noch ein weiteres exorzistisches Erlebnis bis zur Erleuchtung, und das war fast noch schmerzhafter als das erste. Am heutigen Abend war ich nämlich endlich wieder bereit zur Nahrungsaufnahme und entschied mich aufgrund akuter Kochfaulheit für eine koreanische Suppe, die ich gleich beim netten Koreaner um die Ecke zu mir nahm. Ich musste ziemlich lange warten und las währenddessen einen Zeitschriftenartikel. Als die Speise endlich kam, löffelte ich beherzt zu – doch Satan, Luzifer und Beelzebub! Die unschludig klar dreinblickende dünne Gemüsesuppe war nicht nur so heiß, dass sie mir meinen gesamten Gaumen verbrannte, sondern auch so scharf, dass mir sofort Tränen in die Augen schossen, die gleich weiter auf meine Zeitschrift tropften. Allmächtiger, war ich versucht zu denken, wer immer du auch bist, du machst es mir nicht leicht, du stellst mich auf eine harte Probe. Ich erkannte jedoch auch zugleich, dass diese Probe nun noch von mir verlangt wurde, dass ich der Erkenntnis ganz nah war, dass es nur noch dieses eine Hindernis zu überwinden galt. Und so kämpfte ich mich weiter durch die Feuerqualen , die ich doch schon gestern Nacht erlitten hatte, wenn auch auf andere Art. Tapfer löffelte ich weiter, laut schniefend und stöhnend, so dass sich einige Restaurantgäste besorgt zu mir umdrehten, und wischte mir mit der bald durchnässten Serviette immer wieder Schweiß und Tränen aus dem Gesicht.
Ich schaffte es nicht ganz. Ein wenig musste ich übrig lassen von der Läutersuppe, ich konnte einfach nicht mehr. Doch offensichtlich hatte es gereicht: Denn als ich endlich wieder auf die Straße trat, Gesicht und Kehle immer noch von Feuer glühend, und mich der strömende Regen sogleich angenehm abkühlte, da merkte ich: Sapperlot, ich bin ganz leicht! Alle Flüche, Hexensprüche und Dämonenexkremente sowie sämtliche Fürze der Höllen dieser Welt waren plötzlich von meiner Seele genommen. Das Wasser aus der Luft löschte endlich den Brand in mir, und da kam mir der glasklare Gedanke: Mensch Meier, was bin ich, wenn nicht eine waschechte Heidin? Die durchlebten Rituale haben mir gezeigt, ja, ich fahre gut mit dem Glauben an Dämonen und Gegenzauber, das ist mein Ding, da weiß ich, was ich hab. Ich finde Gefallen an den vier Elementen der Natur und kann ganz gut damit leben, ein- bis zweimal im Jahr eine Feuerprobe durchlaufen zu müssen, wenn man sich danach so rein, wach und frisch fühlt. Ich spare dadurch Ayurveda und Kirchensteuer und muss mich endlich nicht mehr verstecken, wenn es um Glaubensfragen geht. Und ein Gefühl großer Zufriedenheit erfüllt mich seitdem. Ich glaube, mein nächster Feuertermin ist die Johannisnacht. Muss mich unbedingt informieren, was ich da genau machen muss.

Donnerstag, 17. September 2009

Enshanteled

Heute tue ich etwas, was ich sonst nie tue: Ich schreibe eine Hommage. Eine ganz kleine nur für einen kleinen Mann, der Großes vollbringt in seinem Element. Man muss auch mal eine Hommage schreiben im Bloggerleben.
Der kleine Mann, dem diese Homme-age gewidmet ist, gibt sich den schönen Namen Shantel. Und er kann innerhalb von Minuten hunderte von Menschen zum Tanzen bringen. Das ist seine Kunst. Letzten Samstag verzauberte er mich mit vielen hundert anderen im Grünspan.
Da kommt man hin, ist wohlweislich pünktlich zum angekündigten Veranstaltungsbeginn gekommen, hat trotzdem zwanzig Minuten in der Schlange gestanden, betritt schließlich den Raum – und er ist schon da. Und macht schon Musik. Shantel hat uns den Balkan in die Beine gebracht und die Bukovina in unsere Herzen, mit Partybeats gemischt an seinem Mischpult. Manchmal singt er auch selbst ein bisschen dazu. Aber erst mal springt er ein paarmal runter von der Bühne, auf der sein Pult aufgebaut ist wie ein Altar, und hört von hier und hört von da und fragt durchs Mikro, ob der Sound so in Ordnung sei. Ja sicher, man will ja sofort tanzen. Man kann gar nicht anders. Ich habe noch nie eine Tanzfläche sich so schnell füllen sehen. Man kommt ja aber auch gar nicht zum Pinkeln oder zum Rauchen, weil Shantels schöne Balkan-Klangpotpurris den Körper beständig zur Bewegung anstoßen, die Beine eintakten und das Gesicht zu einem Dauerlächeln formen. Wirklich, ich habe auch noch nie so viele glückliche Gesichter beim Tanzen gesehen. Nach 25 Minuten sind die ersten auf die Bühne gesprungen, oder der kleine Herr Shantel hat sie zu sich raufgeholt, er mag das offensichtlich, sich mitten unter seinen Untertanen zu bewegen. Und er tanzt ja auch, sehr elegant und minimalistisch, sein ganzer Körper in dem schönen hellen Anzug ein einziges Rhythmusgefühl. Ab und zu springt er aufs Mischpult, um sich die jubelnde Meute mal von oben anzugucken. Und die Menge bezeugt ihm ihre Liebe, in einem sechsstündigen Akt ohne Pause mit Höhepunkten am laufenden Band. Sogar oben auf der Empore tanzen sie, es gibt einfach keine Flucht vor dem Tanz, immer grabscht die Musik neckisch nach den Beinen. Und als die erste Staffel der Tänzer nach vier Stunden Dauerbewegung erschöpft das Etablissement verlässt, steht da draußen die nächste Ladung seit einer Stunde Schlange und ist glücklich, dass sie nun endlich reinkann, und sogar das Hinaus- und Hineingehen im engen Flur geschieht rhythmisch, nicht einmal der Türsteher kann stillstehen. "Disko Disko, Partizani!" Und die geheimnisvolle Königin aus Tasmanien bleiben als Mantren des Abends. Dankel, Shantel.

Freitag, 14. August 2009

Toi toi beim wackeren Kacken im Dixi

Vielleicht ist das jetzt wieder so wie mit der Haubitze (wer sich nicht erinnert, lese den Eintrag "Besoffene Vögel mit Hauben"): Ich habe eine Erkenntnis, und alle Welt weiß es schon. Dennoch, auch auf diese Gefahr hin:
Vor unserem Haus steht zur Zeit eine mobile Toilette (was für ein lebloser Euphemismus). Sie steht dort, damit die Bauarbeiter, die gerade unsere Fassade renovieren, nicht in aller Öffentlichkeit an einen der Bäume in der Straße oder, noch schlimmer, im Garten pinkeln müssen. Mein Fahrrad schließe ich immer an dem Metallbogen direkt vor dieser Toilette an, um den Bauarbeitern zu zeigen: Hey, alles in Ordnung, ich parke auch vor eurem Klo, bin da nicht so etepetete und es stört mich auch nicht, dass ihr da ab und zu Aa und Pipi reinmacht. Ich will ihnen ein gutes Gefühl geben hier vor unserem Haus. Bei einem meiner An- oder Abschließvorgänge fiel mir auf, dass auf dem Häuschen ein Schild klebt mit der Aufschrift: "Immer gut versorgt - mit Toi Toi und Dixi". So ähnlich. Wichtig ist das Ende: Ganz entgegen meiner bisherigen Überzeugung firmieren Toi Toi und Dixi, die Embleme mobiler Geschäfteverrichtung in Deutschland und anderswo, als eine Marke! Ich hatte Toi Toi immer für den minderwertigen kleinen Konkurrenten von Dixi gehalten. Denn seien wir mal ehrlich: Es geht doch niemand, will er zum Beispiel beim Festival in Wacken kacken, "mal eben aufs Toi Toi", und es gibt auch nicht "irgendwo hier bestimmt ein Toi Toi". Dixi ist doch wie Tempo oder Pampers (und hat mit letzteren ja auch einiges gemein), der Markenname hat sich hier über die Bezeichnung des Gegenstands erhoben. Dixi ist, sicher nicht nur in meinem bescheidenen Teil des kollektiven Weltverständnisses, längst zum Synonym für mobiles Kacken geworden. Und ich dachte immer, armer Toi Toi, der versucht verzweifelt, einen Fuß in die öffentliche Jauchegrube zu bekommen und es gelingt ihm kaum, immer bringen die Leute ihr Verdautes lieber zu Dixi, oder sagen das zumindest. Aber es ist gut, dass es dich gibt, Toi Toi, so pflegte ich weiter zu denken, auch wenn man dich nicht so auf dem Zettel hat - du bist der David im Kampf gegen den Gülle-Goliath. Und nun muss ich entsetzt feststellen (sowas weiß natürlich unsere oberschlaue Wikipedia): Es gibt ihn schon lange nicht mehr, den David. Goliath hat ihn sich schon 1997 einverleibt. Ihm aber dennoch seinen Namen gelassen. Und seither scheißt die ganze westliche Hemisphäre (denn DixiToiToi entjaucht auch in Europa und Übersee) - in einen einzigen gierigen Exkrementeschlund! Jeder Bauarbeiter, jeder Konzert- und Festivalbesucher, alle bedienen denselben Monopolisten der Ausscheidungen! Ja du liebe Güte, hat da nicht mal jemand das Kartellamt informieren wollen? War wohl allen ein zu schmutziges Thema, was? Da regen sich alle immer über Globalisierung auf, und niemanden kümmert es, dass unser Ausgeschiedenes längst atlantiküberspannend entsorgt wird. Und natürllich, liebe Globalisierungskritiker, Biohaushaltsführer und Obamafans, war es mal wieder der Ami, der den kleinen Aamann aus Wiesbaden geschluckt hat.
Wenn sich also noch irgendjemand in diesem scheinheiligen Land wehren will gegen die monopolistische Ausbeutung unserer Exkremente, dann kann es nur einen Weg geben: zurück zur Natur! Macht wieder mehr in die Büsche! Bei "nur Pipi" ist das auch für das olfaktorische Empfinden viel angenehmer, und für "Groß" gilt die goldene Regel, die ich im afrikanischen Sahel lernte: Das Papier hinterher anzünden, sonst fliegt's dem Nächsten ins Gesicht und sieht unschön aus. Das wird ab jetzt mein konsequenter Anti-Globalisierungs-Beitrag.

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