Mein Augenlicht schwindet zunehmend. Und es ist noch lange keine Altersweitsichtigkeit, sondern Maturitätshornhautverkrümmung. Das ist insofern ziemlich blöd, als ich einfach nicht so gut sehe wie manche Menschen und ständig Sehhilfen tragen muss. Es hat mir aber andererseits einen wunderbaren Besuch bei Frau Hoppe beschert.
Frau Hoppe ist Augenärztin, und ich bin zu ihr gegangen, weil meine Augen wieder schlechter geworden sind. Ihre Praxis liegt, von außen nicht erkennbar, in einem schönen Gründerzeithaus im Hamburger Univiertel. Kein Schild weist draußen darauf hin, dass Frau Hoppe hier Augen untersucht, nur an der Klingel ist ein ganz kleiner verwaschener Pfeil angemalt. Die Tür und die Dielen knarren, wenn man eintritt. Ganz links in einem versteckten Räumchen sitzt eine grauhaarige Frau mit Haaren auf den Zähnen, das ist die Sprechstundenhilfe, die einzige. Während sie meine Personalien aufnimmt, betrachte ich die uralten augenmedizinischen Geräte, die aus wer weiß welcher Universitätssammlung geklaut und hier aufgestellt wurden. Vieles davon ist sicher über hundert Jahre alt. Im Wartezimmer sitzt außer mir nur ein älteres Ehepaar, auf dem Tisch liegen Fotozeitschriften, englische Kinderbücher aus den sechziger Jahren, Comics. Und an den Wänden das Beste: wunderschöne, professionell gemachte Bilder von Venedig und Griechenland. Auch eine überlebensgroße Tigerkatze; ich könnte schwören, die ist Griechin. Unter einem Stuhl an der Wand gegenüber steht ein ganz kleines, ganz altes Radio, das Klassik spielt. Ich finde es gleich klasse hier. Da werde ich auch schon aufgerufen und muss in einen kleinen Nebenraum, wo schon eine Frau steht, die auf einen Stuhl weist. Ich will ihr die Hand schütteln, vielleicht ist das schon Frau Hoppe, aber sie nimmt meine Hand nicht, sondern sagt: "Nein, ich bin's noch, von eben." Ach ja, die grauhaarige Frau mit Haaren auf den Zähnen. Sie will nur meine Krümmung messen. Ach so, denke ich, nee, dann wärs ja auch idiotisch, wenn wir uns hier die Hand schütteln würden. Fühle mich gleich furchtbar unprofessionell.
Dann gehts wieder zurück ins Wartezimmer, ich höre noch ein bisschen Klassik und gucke Venedig, und schon bald darf ich zur richtigen Frau Hoppe. Die ist so, wie man sein will als Frau um die Fünfzig: schlicht, dabei nicht unattraktiv, sehr gelassen, mit einer Spur trockenen Humors in vielem, was sie sagt. Ihre Guckmaschine macht sie nicht sauber, bevor ich meine Stirn dran lege; okay, denke ich, mischt sich eben mein Schweiß mit dem anderer. Sie guckt und probiert durch, wie das so ist mit meinem Sehvermögen. Als wir die richtige Stärke gefunden haben, gibt sie mir einen Auszug aus einem Buch, ich schätze, ein deutscher Spätromantiker, und bittet mich, laut vorzulesen. Das kann ich gut, ich fühle mich wie bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule und lese ganz toll vor, aber bald schon nimmt Frau Hoppe mir meinen Text weg und sagt: "Prima, Sie kommen ja trotz ihrer starken Hornhautverkrümmung auf hundert Prozent!" Das finde ich zwar schön, aber ich hätte auch gern noch ein bisschen weiter vorgelesen. Dann fragt sie mich, ob ich denn wirklich eine neue Stärke wolle oder ob mir das nicht eigentlich egal sei. Komisch, denke ich, deshalb bin ich doch hier und dafür sind Sie doch da, um mir eine neue Stärke zu geben. Ich sage, dass ich das schon schön fände mit der neuen Stärke, weil ich ja beim Autofahren die Schilder immer erst so spät lesen kann und beim Arbeiten oft meine Augen brennen. "Gut, dann schreib ich's Ihnen auf." Das ist nett, denke ich und finde, es ist an der Zeit, dass wir jetzt mal richtig ins Gespräch kommen. Ich frage sie, ob sie die Bilder gemacht hat. Hat sie und freut sich, dass sie mir gefallen. Prima, dann können wir uns ja jetzt richtig schön über Venedig unterhalten, denn mir scheint, wir haben da eine gemeinsame Leidenschaft, Frau Hoppe! Aber irgendwie kommt das Gespräch nicht so richtig ins Rollen, Frau Hoppe wirkt nicht so, als sei sie zum Plausch mit mir verabredet. Irgendwie ist sie eher dabei, mich zu verabschieden. Aberaber, Frau Hoppe, wir müssen uns doch unterhalten, denke ich verzweifelt, ich finde Sie doch so toll und wir haben so viel gemeinsam, ich bin Ihre Reinkarnation, Frau Hoppe, ich liebe Sie, wir sind seelenverwandt, und es interessiert Sie einen Scheißdreck?! Aber Frau Hoppe bleibt hart, unerbittlich weist sie mir den Weg zur Tür. Im Hinausgehen werfe ich ihr einen schmachtenden Blick und ein verzweifelt-hoffnungsvolles "Ich komme wieder!" zu, um dann wie im Rausch aus dem Haus zu stürmen. Gott, war das schön, denke ich auf der Straße. Ich werde einen Grund finden, wieder zu ihr zu gehen, das weiß ich. Und wenn sie mich wieder wegschickt, werde ich mich einfach unter ihren Balkon stellen und so viele Schwalben, gefaltet aus Werken venezianischer Maler, zu ihr hochschicken, bis sie mich einfach lieben muss.
Mittwoch, 18. Juni 2008
Montag, 9. Juni 2008
Wut am schwarzen Montagmorgen
Mein Gott, hat das lange gedauert mit dem neuen Eintrag. Ich hoffe, ihr seid noch alle da. Könnte verstehen, wenn nicht. Irgendwann verliert man ja doch die Lust. Für die, die noch dabei sind, hier nun, Entschuldigung im Voraus, ein Eintrag mit ziemlich viel negativer Emotion. Und dabei geht es noch nicht mal um Fäkalien.
Es ist nun einmal so: Ein Kind, das müde ist, bekommt schlechte Laune und fängt irgendwann an zu weinen. Der Erwachsene fängt nicht so schnell an zu weinen, aber er bekommt auch nicht selten schlechte Laune, wenn er müde ist, und er tut etwas, was noch viel schlimmer ist als Weinen: Er sucht einen Schuldigen, oder etwas Schuldiges, für seinen Unmut. Da viele Erwachsene montags besonders müde sind (denn sie sind, bis auf die eingefleischten Lerchen, nach dem Wochenende aus ihrem Wochenschlafrhythmus heraus), heißt der Montag im Volksmund (der auch nicht immer Gold in sich hat) oft blauer Montag. Da hat man den Blues. Man hat das Gefühl, alles gehe schief, da man zu unausgeschlafen ist, um die Dinge in ihre rechte Bahn zu bringen. Und immerhin macht man, statt sich an ethnischen Minderheiten zu vergreifen, etwas dafür verantwortlich, das sich faktisch nicht greifen lässt und dem also niemand Schmerz zufügen kann: Man schiebt es auf den Wochentag, diesen miesen, kleinen Scheißer.
Mir kam allerdings der heutige Montag viel mehr schwarz als blau vor, rabenschwarz fing er an. Fuckin' shitty black monday, unfortunately without blackcurrant flavour, which would have been surprisingly sweet in comparison to that. Schon dass ich überhaupt aufstehen und arbeiten musste, war eine Frechheit, das mache ich auch nur fürs Castro-Spezial, cien por Castro, könnte eine revolutionäre Gruppe sein, oder? Cien por Cienfuegos wäre natürlich noch besser.
Nachdem ich mich also mit größter Mühe aus dem Bett geschält und ins Bad geschleppt hatte, passierte tatsächlich das Schlimmste: Es kam kein warmes Wasser aus der Dusche. Ich wartete Minuten, aber vergebens. Kalt brauste das Wasser auf meine Füße, den Rest des Körpers hatte ich wohlweislich in Sicherheit gebracht. Wirklich: Wenn ich eines nicht ertragen kann, ja hasse, dann sind das kalte Duschen bei weniger als 35 Grad Celsius Umgebungstemperatur. Und es hatte weiß Gott weniger als 35 Grad im Bad heute Morgen. So schäumte ich denn auch vor Wut und Verzweiflung, schrie heulend meine stumme und unbelebte Umgebung an: "Ich will nicht kalt duschen! Ich will einfach nicht kalt duschen!!" Aber der Heizkessel war zu lange inaktiv gewesen und meine Haare einfach zu fettig, ich hatte keine Wahl. Und die allergrößte Folter ist ja das kalte Brausewasser auf dem Kopf. Das konnte ich auch nur unter lautem Schreien ertragen. Als ich endlich weinend der Dusche entstieg, fühlte ich mich durchaus nicht richtig schön erfrischt und aufgeweckt, sondern völlig durchgefroren.
Und an solchen Tagen bleibt es ja nicht bei dem einen Unglück, oder jede Misslichkeit erscheint einem gleich als eine sich immer weiter spinnende Unglückskette. Als ich mein Zimmer lüften und wenigstens die schöne Morgensonne reinlassen wollte, ging das Fenster nicht mehr auf. Am Tag zuvor hatte es sich noch problemlos öffnen lassen. Noch so ein Ding, das mir heute Böses will, dachte ich mir und frühstückte lieber. Im Sitzen befiel mich sogleich wieder bleierne Müdigkeit, vielleicht auch noch als Folge der erlittenen Erfrierungen.
Dann auf dem Fahrrad, mit Wind und Sonne im Gesicht, konnte ich dennoch nicht umhin, mich etwas besser zu fühlen; immer noch müde, aber doch etwas leichtmütiger. Sogar ein kleines Liedchen summte wie von selbst in meiner Kehle, als wollte es mich von dort drinnen necken.
Mensch Fidel, dachte ich bei mir, für dich mach ich das alles hier, kämpfe an einem blauschwarzen Montagmorgen gegen die Welt und mich selbst. Dabei bin ich gar nicht so einverstanden mit dir und deinen Taten. Und deine Revolution, die hätte ich auch nicht mitgemacht. Dafür bin ich viel zu empfindlich. Obwohl, bei kubanischen Temperaturen könnte ich immerhin ab und zu kalt duschen...
Es ist nun einmal so: Ein Kind, das müde ist, bekommt schlechte Laune und fängt irgendwann an zu weinen. Der Erwachsene fängt nicht so schnell an zu weinen, aber er bekommt auch nicht selten schlechte Laune, wenn er müde ist, und er tut etwas, was noch viel schlimmer ist als Weinen: Er sucht einen Schuldigen, oder etwas Schuldiges, für seinen Unmut. Da viele Erwachsene montags besonders müde sind (denn sie sind, bis auf die eingefleischten Lerchen, nach dem Wochenende aus ihrem Wochenschlafrhythmus heraus), heißt der Montag im Volksmund (der auch nicht immer Gold in sich hat) oft blauer Montag. Da hat man den Blues. Man hat das Gefühl, alles gehe schief, da man zu unausgeschlafen ist, um die Dinge in ihre rechte Bahn zu bringen. Und immerhin macht man, statt sich an ethnischen Minderheiten zu vergreifen, etwas dafür verantwortlich, das sich faktisch nicht greifen lässt und dem also niemand Schmerz zufügen kann: Man schiebt es auf den Wochentag, diesen miesen, kleinen Scheißer.
Mir kam allerdings der heutige Montag viel mehr schwarz als blau vor, rabenschwarz fing er an. Fuckin' shitty black monday, unfortunately without blackcurrant flavour, which would have been surprisingly sweet in comparison to that. Schon dass ich überhaupt aufstehen und arbeiten musste, war eine Frechheit, das mache ich auch nur fürs Castro-Spezial, cien por Castro, könnte eine revolutionäre Gruppe sein, oder? Cien por Cienfuegos wäre natürlich noch besser.
Nachdem ich mich also mit größter Mühe aus dem Bett geschält und ins Bad geschleppt hatte, passierte tatsächlich das Schlimmste: Es kam kein warmes Wasser aus der Dusche. Ich wartete Minuten, aber vergebens. Kalt brauste das Wasser auf meine Füße, den Rest des Körpers hatte ich wohlweislich in Sicherheit gebracht. Wirklich: Wenn ich eines nicht ertragen kann, ja hasse, dann sind das kalte Duschen bei weniger als 35 Grad Celsius Umgebungstemperatur. Und es hatte weiß Gott weniger als 35 Grad im Bad heute Morgen. So schäumte ich denn auch vor Wut und Verzweiflung, schrie heulend meine stumme und unbelebte Umgebung an: "Ich will nicht kalt duschen! Ich will einfach nicht kalt duschen!!" Aber der Heizkessel war zu lange inaktiv gewesen und meine Haare einfach zu fettig, ich hatte keine Wahl. Und die allergrößte Folter ist ja das kalte Brausewasser auf dem Kopf. Das konnte ich auch nur unter lautem Schreien ertragen. Als ich endlich weinend der Dusche entstieg, fühlte ich mich durchaus nicht richtig schön erfrischt und aufgeweckt, sondern völlig durchgefroren.
Und an solchen Tagen bleibt es ja nicht bei dem einen Unglück, oder jede Misslichkeit erscheint einem gleich als eine sich immer weiter spinnende Unglückskette. Als ich mein Zimmer lüften und wenigstens die schöne Morgensonne reinlassen wollte, ging das Fenster nicht mehr auf. Am Tag zuvor hatte es sich noch problemlos öffnen lassen. Noch so ein Ding, das mir heute Böses will, dachte ich mir und frühstückte lieber. Im Sitzen befiel mich sogleich wieder bleierne Müdigkeit, vielleicht auch noch als Folge der erlittenen Erfrierungen.
Dann auf dem Fahrrad, mit Wind und Sonne im Gesicht, konnte ich dennoch nicht umhin, mich etwas besser zu fühlen; immer noch müde, aber doch etwas leichtmütiger. Sogar ein kleines Liedchen summte wie von selbst in meiner Kehle, als wollte es mich von dort drinnen necken.
Mensch Fidel, dachte ich bei mir, für dich mach ich das alles hier, kämpfe an einem blauschwarzen Montagmorgen gegen die Welt und mich selbst. Dabei bin ich gar nicht so einverstanden mit dir und deinen Taten. Und deine Revolution, die hätte ich auch nicht mitgemacht. Dafür bin ich viel zu empfindlich. Obwohl, bei kubanischen Temperaturen könnte ich immerhin ab und zu kalt duschen...
Montag, 19. Mai 2008
Freier Tag mit Brille im Klo und mittags Langusten
An meinem heutigen freien Tag hatte ich ziemlich viel Körperkontakt mit Fäkalien. Nicht willentlich, sondern gezwungenermaßen, versteht sich.
Es fing damit an (nein, eigentlich fing es nicht damit an, es fing vielmehr schon gestern an, aber dazu später), dass die Sonne heute morgen so schön schien. Und da es mein freier Tag war, hab ich mich erst mal schön mit Zeitung und Sonnenbrille, ohne viel Kleidung in den Garten gesetzt. Das war auch ganz wunderbar. Irgendwann musste ich aber aufs Klo, mein Stoffwechsel ist morgens eins a. Pardon, dass ich solche Details andeuten muss, sie dienen aber hier der Anschaulichkeit: Da die Sonnenbrille für drinnen zu dunkel ist, setzte ich sie mir ganz keß auf den Kopf auf dem Klo, und da ist sie mir natürlich beim Aufstehen ausgerechnet nach hinten runtergefallen, direkt in die Schüssel - abgezogen hatte ich noch nicht. Die Sonnenbrille ist mit Stärke und deswegen durchaus keine Wegwerf- oder Abziehbrille. Was blieb mir also übrig als der Griff ins Klo. Waren ja immerhin meine Fäkalien und das Waschbecken direkt daneben. Aber gern macht man sowas nicht. Ich habe mir trotzdem erlaubt, es hier zu erzählen, weil es ja schließlich auch in dem schönen Film Brot und Tulpen gleich zu Anfang eine Szene gibt, in der die Protagonistin ganz Ähnliches durchleben muss. Kunst ist Kunst (übrigens habe ich, wie's der Teufel will, heute beim Stöbern auch Ferreris Das große Fressen als DVD entdeckt, aber vom Kauf abgesehen).
Irgendwann bekam ich trotz des Exkrementeerlebnisses Hunger. Vom gestrigen Kochclubessen (da hatte es nämlich im Grunde angefangen) hatte ich noch jede Menge Paella und Langusten übrig. Also, eigentlich heißen die hierzulande gar nicht Langusten, sondern Gambas, aber für mich sind es spanische Langostinos a la plancha. Streng genommen also Langüstchen, oder Langüsteken, wie der Niederrheiner wohl sagen würde. Langusten habe ich für den Titel gewählt, weil es sich so schön und mediterran anhört. Die Gambas oder Langüstchen habe ich dann also schön mit ajoleo, mit Knoblauch und Olivenöl, gebraten, dazu eine Prise Kräuter der Provence. So hatte ich es mal bei irgendeinem Fernsehkoch gesehen (und das war, ich schwöre, das einzige Mal, dass ich einem Fernsehkoch zugeschaut habe). Dieser Koch hatte die Tiere allerdings vorher gehäutet und ausgeweidet, ich fand sie schöner ganz. Hinterher ist mir aber aufgegangen, dass das mit dem Ausweiden gar keine so schlechte Idee ist, denn macht man es nicht, hat man zwar den Spaß des Knackens und Pulens vor dem Essen, aber die Tiere haben ja auch alle mal was gegessen, und deshalb haben sie auch einen Darm. Der liegt direkt unter ihrer Rückenhaut und ist, wie sollte es anders sein, voll mit Meeresaa (ein seltenes Wort mit zwei Doppelvokalen). Und man bekommt ihn in der Regeln in die Finger, wenn man das Tier entschalt hat; er lässt sich aber im gegarten Zustand kaum noch herauslösen, ohne dass der Inhalt sich über Tier und Hände verteilt. Gut, könnte man sagen und habe ich mir gesagt, solange sie zu Lebzeiten in keine Ölpest geraten sind, ist das ja alles Natur pur, aber man muss sich doch mal vor Augen führen, was wir da im Glauben, eine Delikatesse zu verspeisen, in der Regel mitzuessen in Kauf nehmen: Exkremente! Alle größeren Tiere werden vor dem Verzehr ausgeweidet, nur Schalen- und Weichtiere werden dabei wohl allzu oft übersehen. Oder habt Ihr etwa immer Eure Weinbergschnecken und Gambas vor dem Genuss entdarmt? Werden die in Asien und Afrika sehr beliebten Heuschrecken und Käfer etwa ausgeschlachtet, bevor sie geröstet und als Exotikfastfood feilgeboten werden? Ich gebe zu, all das sind nicht die gängigsten Nahrungsmittel, aber irgendwann hat vermutlich jeder von uns schon mal Aa gegessen.
Je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger schmeckten mir die Langusten, die ich höchstens noch als olle Krabben empfand. Gleichzeitig erschien mir mein Tun auch plötzlich sehr barbarisch: Da reißt man einem Tier, das man zuvor am ganzen Leib in heißes Öl geworfen hat und das einen noch aus toten, seltsam ausdruckslosen Augen anguckt, erst den Kopf und dann die Beine ab, um es dann vollends zu häuten. Und schließlich verspeist man es mitsamt seinen Eingeweiden.
Nach der vierten Schlammguste brach ich ab. Seitdem ist mir ein bisschen schlecht. Das liegt bestimmt an dem vielen Langustenaa. Gott, im Herzen bin ich doch ein echter Vegetarier. Oder sogar Veganer. Pflanzen haben wenigstens keinen Darm.
Es fing damit an (nein, eigentlich fing es nicht damit an, es fing vielmehr schon gestern an, aber dazu später), dass die Sonne heute morgen so schön schien. Und da es mein freier Tag war, hab ich mich erst mal schön mit Zeitung und Sonnenbrille, ohne viel Kleidung in den Garten gesetzt. Das war auch ganz wunderbar. Irgendwann musste ich aber aufs Klo, mein Stoffwechsel ist morgens eins a. Pardon, dass ich solche Details andeuten muss, sie dienen aber hier der Anschaulichkeit: Da die Sonnenbrille für drinnen zu dunkel ist, setzte ich sie mir ganz keß auf den Kopf auf dem Klo, und da ist sie mir natürlich beim Aufstehen ausgerechnet nach hinten runtergefallen, direkt in die Schüssel - abgezogen hatte ich noch nicht. Die Sonnenbrille ist mit Stärke und deswegen durchaus keine Wegwerf- oder Abziehbrille. Was blieb mir also übrig als der Griff ins Klo. Waren ja immerhin meine Fäkalien und das Waschbecken direkt daneben. Aber gern macht man sowas nicht. Ich habe mir trotzdem erlaubt, es hier zu erzählen, weil es ja schließlich auch in dem schönen Film Brot und Tulpen gleich zu Anfang eine Szene gibt, in der die Protagonistin ganz Ähnliches durchleben muss. Kunst ist Kunst (übrigens habe ich, wie's der Teufel will, heute beim Stöbern auch Ferreris Das große Fressen als DVD entdeckt, aber vom Kauf abgesehen).
Irgendwann bekam ich trotz des Exkrementeerlebnisses Hunger. Vom gestrigen Kochclubessen (da hatte es nämlich im Grunde angefangen) hatte ich noch jede Menge Paella und Langusten übrig. Also, eigentlich heißen die hierzulande gar nicht Langusten, sondern Gambas, aber für mich sind es spanische Langostinos a la plancha. Streng genommen also Langüstchen, oder Langüsteken, wie der Niederrheiner wohl sagen würde. Langusten habe ich für den Titel gewählt, weil es sich so schön und mediterran anhört. Die Gambas oder Langüstchen habe ich dann also schön mit ajoleo, mit Knoblauch und Olivenöl, gebraten, dazu eine Prise Kräuter der Provence. So hatte ich es mal bei irgendeinem Fernsehkoch gesehen (und das war, ich schwöre, das einzige Mal, dass ich einem Fernsehkoch zugeschaut habe). Dieser Koch hatte die Tiere allerdings vorher gehäutet und ausgeweidet, ich fand sie schöner ganz. Hinterher ist mir aber aufgegangen, dass das mit dem Ausweiden gar keine so schlechte Idee ist, denn macht man es nicht, hat man zwar den Spaß des Knackens und Pulens vor dem Essen, aber die Tiere haben ja auch alle mal was gegessen, und deshalb haben sie auch einen Darm. Der liegt direkt unter ihrer Rückenhaut und ist, wie sollte es anders sein, voll mit Meeresaa (ein seltenes Wort mit zwei Doppelvokalen). Und man bekommt ihn in der Regeln in die Finger, wenn man das Tier entschalt hat; er lässt sich aber im gegarten Zustand kaum noch herauslösen, ohne dass der Inhalt sich über Tier und Hände verteilt. Gut, könnte man sagen und habe ich mir gesagt, solange sie zu Lebzeiten in keine Ölpest geraten sind, ist das ja alles Natur pur, aber man muss sich doch mal vor Augen führen, was wir da im Glauben, eine Delikatesse zu verspeisen, in der Regel mitzuessen in Kauf nehmen: Exkremente! Alle größeren Tiere werden vor dem Verzehr ausgeweidet, nur Schalen- und Weichtiere werden dabei wohl allzu oft übersehen. Oder habt Ihr etwa immer Eure Weinbergschnecken und Gambas vor dem Genuss entdarmt? Werden die in Asien und Afrika sehr beliebten Heuschrecken und Käfer etwa ausgeschlachtet, bevor sie geröstet und als Exotikfastfood feilgeboten werden? Ich gebe zu, all das sind nicht die gängigsten Nahrungsmittel, aber irgendwann hat vermutlich jeder von uns schon mal Aa gegessen.
Je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger schmeckten mir die Langusten, die ich höchstens noch als olle Krabben empfand. Gleichzeitig erschien mir mein Tun auch plötzlich sehr barbarisch: Da reißt man einem Tier, das man zuvor am ganzen Leib in heißes Öl geworfen hat und das einen noch aus toten, seltsam ausdruckslosen Augen anguckt, erst den Kopf und dann die Beine ab, um es dann vollends zu häuten. Und schließlich verspeist man es mitsamt seinen Eingeweiden.
Nach der vierten Schlammguste brach ich ab. Seitdem ist mir ein bisschen schlecht. Das liegt bestimmt an dem vielen Langustenaa. Gott, im Herzen bin ich doch ein echter Vegetarier. Oder sogar Veganer. Pflanzen haben wenigstens keinen Darm.
Montag, 12. Mai 2008
Guten Tag, Herr Kakerlak
Ich liebe Südamerika. Nicht nur wegen der schönen Landschaft und der tollen Stimmung, sondern auch wegen der mutigen Männer dort. So ein Latin Macho ist doch noch ein richtiger Kerl. Zumindest, was den Umgang mit sechs- bis achtbeinigen Krabbeltieren angeht. Egal, ob Kakerlaken, Spinnen oder andere, sich unserem europäischen Benennungshorizont entziehende Spezies sich ins Zimmer eingeschlichen haben (bzw. sie prinzipiell dort wohnen, wo unsereins sich einschleicht): Ich sage einem männlichen Wesen in greifbarer Umgebung Bescheid, und er macht’s weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Da brauche ich mich in meinen Ekel gar nicht groß hineinzusteigern. Einmal hatte ich in Brasilien eine Zecke in der Achselhöhle, und weil ich mich so geekelt habe, bin ich ins örtliche Krankenhaus gegangen (war mehr so eine Bretterkneipe mit Ambulanz, sehr kleiner Ort) und habe, zur Erheiterung der Anwesenden, mein Problem geschildert, mit erhobenem Arm. Und ein älterer Herr, der einfach nur so da rumsaß in dem Vorzimmer, wahrscheinlich weil’s kühler war als draußen, ist einfach aufgestanden und hat das Tier rausgezogen. Zack. Und geschmunzelt. Und ich dachte: Was für ein Mann!
Hierzulande ist frau mit solchen Problemen auf sich gestellt. Ich zumindest kenne hauptsächlich Männer, die sich mindestens genauso viel vor gewissen Tierchen ekeln wie ich selbst. Und in meinem Hamburger Zuhause wohnt ja gar kein Mann. Dafür ein Kakerlak, unten im Bad. Er ist da natürlich nicht allein, es ist ein altes, sicher nicht überall ganz dichtes Haus und das Bad liegt im Keller. Nachbarn des Kakerlaken sind etliche Spinnen und immer mal wieder ein paar Silberfischchen. Aber die Spinnen sind in der Regel so klein, dass ich sie unter ungefährlich abhaken kann, und die Silberfische kommen nur manchmal kurz aus ihrem Versteck, um die Lage zu peilen und verabschieden sich dann meist schnell wieder. Aber dieser Kakerlak, das ist ein ganz schlimmer. Führt sich auf wie der König des Kellers und weigert sich zu sterben.
Bei unserer ersten Begegnung habe ich ihn erst gar nicht erkannt, ich saß nämlich ohne Sehhilfe auf dem Klo und er saß auf dem Badewannenvorleger in zwei Metern Entfernung; ich hielt ihn für Dreck oder einen großen Flusen. Gut, dass ich meine Brille aufsetzte, bevor ich weitere Schritte unternahm, denn unterm Glas nahm der Flusen plötzlich Gestalt an und wurde zu diesem schwarzen Vieh! Blitzschnell kalkulierte ich meine Verteidigungs- und Rettungschancen und kam zu dem Schluss: Okay, du bist allein, niemand kann dir jetzt helfen, das hier ist ganz allein dein Ding. Und mit einem lauten „You are not welcome!“ nahm ich den Schrubber und fegte ihn erst mal an den Badewannenrand, trieb ihn in die Enge. Und dann, ich gestehe es, schlug ich ein paarmal mit dem Schrubber auf das Objekt meines Ekels ein, aber mit der Borstenseite. Als ich vorsichtig nachsah, lag der schwarze Krieger reglos am Boden. Ich wagte es nicht, die Leiche aufzuheben und zu entsorgen, daher fegte ich sie erst mal ein Stück weit hinter den Schrank, so dass sie wenigstens aus meinem Blickfeld verschwand. Endlich konnte ich in Ruhe meine Nachttoilette beenden.
Der findige Leser wird aber schnell – und richtig – vermuten, dass die Geschichte hier nicht zu Ende ist: Am Tag darauf war die Leiche auf seltsame Weise verschwunden. Mir schwante Schlimmes, ich versuchte aber, nicht zu viel drüber nachzudenken. Bis noch einen Tag später wer quietschfidel den Badewannenrand entlangspaziert? Richtig, der liebe Herr Kakerlak.
Zuerst überlegte ich, ihn einfach zu ingnorieren, mich ganz Herrin der Lage zu geben. Aber der kleine Schweinehund legte es offensichtlich auf Konfrontation an, er bog von seinem Weg ab und kam direkt auf mich zu. „Na gut, du willst es nicht anders“, warnte ich ihn und holte den Besen. Diesmal versuchte ich nicht, ihn zu erschlagen, sondern fegte ihn so geschickt in die Ecke zwischen Schrank und Badewanne, dass er nicht nur aus meinem Wirkungsbereich verschwand, sondern auch hilflos auf dem Rücken liegen blieb. Grausam, aber da ließ ich ihn zappeln. Verletzung fremden Herrschaftsgebiets muss bestraft werden, das wissen wir seit der jüngsten Andenkrise. Wieder führte ich dann meine Toilette zu Ende und versuchte, nicht an das strampelnde Etwas am anderen Ende des Raumes zu denken. Als ich mich aber zum Gehen wandte, kreuzte zu meinem Entsetzen ein schwarzer, unverwüstlicher Ninjakämpfer auf sechs Beinen meinen Weg. Dass er mich nicht frech angrinste, war alles. In der Hoffnung, dass er mir nicht auch dorthin folgen würde, verließ ich fluchtartig das Bad und rettete mich in mein Zimmer. Dort überlegte ich: Ich habe einen Territorialkonflikt mit einem Kakerlaken. Ist ein Territorialkonflikt nicht im Grunde auch ein Beziehungsproblem? Gerade wenn die Beteiligten nicht des anderen Sprache sprechen, reduzieren sich persönliche Probleme schnell auf die reinen Besitzverhältnisse. Vielleicht müsste ich also einfach ganz offen mit ihm über das reden, was mich an ihm stört. Aug in Aug fällt mir sowas immer schwer, deshalb entschied ich mich für die Briefvariante, da kann man die Worte sorgfältig abwägen und der andere unterbricht einen nicht dauernd. Und so schrieb ich auf feinem Büttenpapier einen Brief an den Feind in meinem Bad, auf einem ganz kleinen Blatt in klitzekleinen Buchstaben, damit er hinterher nicht behaupten könnte, er habe Schwierigkeiten beim Lesen gehabt. und diesen Brief werde ich ihm unten in seine Ecke stellen, dorthin, wo ich ihn schon zweimal tot oder todgeweiht zurückgelassen geglaubt hatte. Ich gebe den Wortlaut hier wieder:
Werter Herr Kakerlak,
ich weiß mir nicht mehr anders zu helfen als mit diesem Brief an Sie. Ich kann verstehen, wenn Sie nicht gut auf mich zu sprechen sind, Sie haben in der Tat allen Grund dazu. Auch Hass Ihrerseits könnte ich nachvollziehen. Aber lassen Sie mich, bevor Sie diese Zeilen blind vor Wut in Stücke reißen, meinen Standpunkt erklären:
Es tut mir Leid – zumindest vom moralischen Standpunkt her gesehen – dass ich versucht habe, Sie umzubringen. Zweimal wollte ich Sie töten, und das mit einiger Brutalität, und zweimal sind Sie wie ein frecher Phönix aus der Pottasche flugs wieder auferstanden. Vielleicht hinken Sie nun ein bisschen, aber bestimmt haben Sie noch genug Manneskraft übrig, um viele kleine Kakerlakenkinder zu zeugen. Erfreuen Sie sich daran!
Denn ich versichere Ihnen, Herr Kakerlak: Meine Absicht, Sie zu töten, entsprang durchaus keinem Tötungswunsch aus einer perversen Lust an der Sache, sondern vielmehr einer sehr persönlichen, zutiefst menschlichen, vielleicht speziell weiblichen Schwäche: Sie sind mir zuwider. Dabei anerkenne ich Ihr Recht auf Existenz, letztlich auch das auf Grund und Boden, denn wir sind Teil einer Schöpfung und bewohnen denselben Planeten. Doch ich bitte Sie mit allem nötigen Respekt, diese meine eine Forderung zu akzeptieren: Ich will Sie nicht mehr sehen. Ich will Ihr Dasein nicht mehr sinnlich erfahren. Leben Sie meinethalben weiter Ihr Leben dort unten in dem Kellerraum, der mir als Bad dient, aber verschonen Sie mich in Zukunft mit Ihrem Anblick. Verstecken Sie sich einfach, wenn ich da bin, vielmehr ziehen Sie sich zurück, machen Sie von mir aus ein Nickerchen oder essen Sie still einen Silberfisch, was auch immer, aber sorgen Sie bitte dafür, dass meine Augen nicht mehr in Ihr mir zutiefst widerwärtiges Antlitz blicken müssen. Dann, Herr Kakerlak, können wir uns auf unserem gemeinsamen Territorium (zu dieser Konzession bin ich immerhin bereit) vielleicht zu unser beider Zufriedenheit arrangieren. Anderenfalls seien Sie gewarnt, dass ich auch zu drastischeren Schritten bereit sein werde. Bewaffnete Vertreter meiner Spezies – wir nennen sie Kammerjäger – werden nicht ruhen, bevor von Ihnen nur noch ein Häufchen Staub übrig ist, das sich kinderleicht unter den nächsten Teppich kehren lässt.
In Erwartung Ihrer Reaktion verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,
Ihre Frau Nölle
Hierzulande ist frau mit solchen Problemen auf sich gestellt. Ich zumindest kenne hauptsächlich Männer, die sich mindestens genauso viel vor gewissen Tierchen ekeln wie ich selbst. Und in meinem Hamburger Zuhause wohnt ja gar kein Mann. Dafür ein Kakerlak, unten im Bad. Er ist da natürlich nicht allein, es ist ein altes, sicher nicht überall ganz dichtes Haus und das Bad liegt im Keller. Nachbarn des Kakerlaken sind etliche Spinnen und immer mal wieder ein paar Silberfischchen. Aber die Spinnen sind in der Regel so klein, dass ich sie unter ungefährlich abhaken kann, und die Silberfische kommen nur manchmal kurz aus ihrem Versteck, um die Lage zu peilen und verabschieden sich dann meist schnell wieder. Aber dieser Kakerlak, das ist ein ganz schlimmer. Führt sich auf wie der König des Kellers und weigert sich zu sterben.
Bei unserer ersten Begegnung habe ich ihn erst gar nicht erkannt, ich saß nämlich ohne Sehhilfe auf dem Klo und er saß auf dem Badewannenvorleger in zwei Metern Entfernung; ich hielt ihn für Dreck oder einen großen Flusen. Gut, dass ich meine Brille aufsetzte, bevor ich weitere Schritte unternahm, denn unterm Glas nahm der Flusen plötzlich Gestalt an und wurde zu diesem schwarzen Vieh! Blitzschnell kalkulierte ich meine Verteidigungs- und Rettungschancen und kam zu dem Schluss: Okay, du bist allein, niemand kann dir jetzt helfen, das hier ist ganz allein dein Ding. Und mit einem lauten „You are not welcome!“ nahm ich den Schrubber und fegte ihn erst mal an den Badewannenrand, trieb ihn in die Enge. Und dann, ich gestehe es, schlug ich ein paarmal mit dem Schrubber auf das Objekt meines Ekels ein, aber mit der Borstenseite. Als ich vorsichtig nachsah, lag der schwarze Krieger reglos am Boden. Ich wagte es nicht, die Leiche aufzuheben und zu entsorgen, daher fegte ich sie erst mal ein Stück weit hinter den Schrank, so dass sie wenigstens aus meinem Blickfeld verschwand. Endlich konnte ich in Ruhe meine Nachttoilette beenden.
Der findige Leser wird aber schnell – und richtig – vermuten, dass die Geschichte hier nicht zu Ende ist: Am Tag darauf war die Leiche auf seltsame Weise verschwunden. Mir schwante Schlimmes, ich versuchte aber, nicht zu viel drüber nachzudenken. Bis noch einen Tag später wer quietschfidel den Badewannenrand entlangspaziert? Richtig, der liebe Herr Kakerlak.
Zuerst überlegte ich, ihn einfach zu ingnorieren, mich ganz Herrin der Lage zu geben. Aber der kleine Schweinehund legte es offensichtlich auf Konfrontation an, er bog von seinem Weg ab und kam direkt auf mich zu. „Na gut, du willst es nicht anders“, warnte ich ihn und holte den Besen. Diesmal versuchte ich nicht, ihn zu erschlagen, sondern fegte ihn so geschickt in die Ecke zwischen Schrank und Badewanne, dass er nicht nur aus meinem Wirkungsbereich verschwand, sondern auch hilflos auf dem Rücken liegen blieb. Grausam, aber da ließ ich ihn zappeln. Verletzung fremden Herrschaftsgebiets muss bestraft werden, das wissen wir seit der jüngsten Andenkrise. Wieder führte ich dann meine Toilette zu Ende und versuchte, nicht an das strampelnde Etwas am anderen Ende des Raumes zu denken. Als ich mich aber zum Gehen wandte, kreuzte zu meinem Entsetzen ein schwarzer, unverwüstlicher Ninjakämpfer auf sechs Beinen meinen Weg. Dass er mich nicht frech angrinste, war alles. In der Hoffnung, dass er mir nicht auch dorthin folgen würde, verließ ich fluchtartig das Bad und rettete mich in mein Zimmer. Dort überlegte ich: Ich habe einen Territorialkonflikt mit einem Kakerlaken. Ist ein Territorialkonflikt nicht im Grunde auch ein Beziehungsproblem? Gerade wenn die Beteiligten nicht des anderen Sprache sprechen, reduzieren sich persönliche Probleme schnell auf die reinen Besitzverhältnisse. Vielleicht müsste ich also einfach ganz offen mit ihm über das reden, was mich an ihm stört. Aug in Aug fällt mir sowas immer schwer, deshalb entschied ich mich für die Briefvariante, da kann man die Worte sorgfältig abwägen und der andere unterbricht einen nicht dauernd. Und so schrieb ich auf feinem Büttenpapier einen Brief an den Feind in meinem Bad, auf einem ganz kleinen Blatt in klitzekleinen Buchstaben, damit er hinterher nicht behaupten könnte, er habe Schwierigkeiten beim Lesen gehabt. und diesen Brief werde ich ihm unten in seine Ecke stellen, dorthin, wo ich ihn schon zweimal tot oder todgeweiht zurückgelassen geglaubt hatte. Ich gebe den Wortlaut hier wieder:
Werter Herr Kakerlak,
ich weiß mir nicht mehr anders zu helfen als mit diesem Brief an Sie. Ich kann verstehen, wenn Sie nicht gut auf mich zu sprechen sind, Sie haben in der Tat allen Grund dazu. Auch Hass Ihrerseits könnte ich nachvollziehen. Aber lassen Sie mich, bevor Sie diese Zeilen blind vor Wut in Stücke reißen, meinen Standpunkt erklären:
Es tut mir Leid – zumindest vom moralischen Standpunkt her gesehen – dass ich versucht habe, Sie umzubringen. Zweimal wollte ich Sie töten, und das mit einiger Brutalität, und zweimal sind Sie wie ein frecher Phönix aus der Pottasche flugs wieder auferstanden. Vielleicht hinken Sie nun ein bisschen, aber bestimmt haben Sie noch genug Manneskraft übrig, um viele kleine Kakerlakenkinder zu zeugen. Erfreuen Sie sich daran!
Denn ich versichere Ihnen, Herr Kakerlak: Meine Absicht, Sie zu töten, entsprang durchaus keinem Tötungswunsch aus einer perversen Lust an der Sache, sondern vielmehr einer sehr persönlichen, zutiefst menschlichen, vielleicht speziell weiblichen Schwäche: Sie sind mir zuwider. Dabei anerkenne ich Ihr Recht auf Existenz, letztlich auch das auf Grund und Boden, denn wir sind Teil einer Schöpfung und bewohnen denselben Planeten. Doch ich bitte Sie mit allem nötigen Respekt, diese meine eine Forderung zu akzeptieren: Ich will Sie nicht mehr sehen. Ich will Ihr Dasein nicht mehr sinnlich erfahren. Leben Sie meinethalben weiter Ihr Leben dort unten in dem Kellerraum, der mir als Bad dient, aber verschonen Sie mich in Zukunft mit Ihrem Anblick. Verstecken Sie sich einfach, wenn ich da bin, vielmehr ziehen Sie sich zurück, machen Sie von mir aus ein Nickerchen oder essen Sie still einen Silberfisch, was auch immer, aber sorgen Sie bitte dafür, dass meine Augen nicht mehr in Ihr mir zutiefst widerwärtiges Antlitz blicken müssen. Dann, Herr Kakerlak, können wir uns auf unserem gemeinsamen Territorium (zu dieser Konzession bin ich immerhin bereit) vielleicht zu unser beider Zufriedenheit arrangieren. Anderenfalls seien Sie gewarnt, dass ich auch zu drastischeren Schritten bereit sein werde. Bewaffnete Vertreter meiner Spezies – wir nennen sie Kammerjäger – werden nicht ruhen, bevor von Ihnen nur noch ein Häufchen Staub übrig ist, das sich kinderleicht unter den nächsten Teppich kehren lässt.
In Erwartung Ihrer Reaktion verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,
Ihre Frau Nölle
Dienstag, 6. Mai 2008
In Tüddelchen mit dem Tüdelband rumtüddeln
In Hamburg wird oft und gern getüddelt (oder getüdelt, je nach Neigung), und zwar auf vielerlei Art. Mir ist das auch schon widerfahren, ich wurde sozusagen ordentlich dürchgetüddelt. Nun fragt sich natürlich der gemeine Rheinländer: Was ist hier passiert? Oder auch: Waddisdattenn?! Dann wollen wir mal nicht so gemein sein zum gemeinen Rheinländer und ihn aufklären.
Leider kann ich das Folgende nur unzureichend sekundärliterarisch belegen, ich habe nämlich meinen dtv-Atlas Deutsche Sprache nicht zur Hand, der ist im Rheinland (nä, wat is dat Reimen schön). Ich kann also keinen rechten Aufschluss über den etymologischen Ursprung des Objektes meiner heutigen Betrachtungen geben (werde das bei Gelegenheit vielleicht noch nachreichen, sonst bleibe ich selbst am Ende als Philologin unzufrieden), habe dafür aber einige populärwissenschaftliche Quellen zum Thema parat.
So wie in Köln dat Trömmelsche jeht, rennt der Jung mit’m Tüdelband durch das kulturelle Gedächtnis der Hamburger, anner Hand ’n Bodderbrod mit Kees. Und wenn er sich mal wehtut, indem er mitm Dassel opn Kantsteen rasselt, macht ihm das nichts, is nämlich n Klacks für son Hamburger Jung. Das Lied kennt jeder richtige Hamburger, so schreibt die ZEIT, und so versicherten es mir meine beiden Kollegen, als wir neulich das Tüdelthema erörterten. Und als ich den Test mit Maggy machte, konnte sie es auch gleich vorsingen, die These scheint also durchaus haltbar. Nun interessierte mich ja weniger der Jung als die Tüdelei an sich, denn so kamen wir bei besagter Gelegenheit drauf: Es regnete mal wieder, nachdem noch Minuten zuvor die Sonne geschienen hatte, und mit einem Blick aus dem Fenster meinte meine Kollegin S. kopfschüttelnd: „Is doch tüddelüddel!“ Ich musste erst überlegen, um zu verstehen (das kommt ja in den besten Kreisen vor), war mir doch diese Verwendung der beiden bedeutungsschwangeren Silbchen neu. Für mich konnte man bis dahin nur tüddelig sein, und das auch im Rheinland, wenn ich nicht irre, oder etwas vertüddeln, dies aber doch eher hier im Norden. Aber nun war zum Tüddel noch ein Lüddel gekommen, und das Wetter sollte so sein, bestehend aus einem Sonne-Wolkenmix. Yepa. Ich wollte dann wissen, ob es sich nun korrekt mit zwei d tüddelt (wie es sich anhört) oder mit einem. Da ist man sich in Plattexpertenkreisen durchaus nicht einig. Dafür bekam ich spontan ein wenn auch unzusammenhängendes Tüdelband- (wir einigten uns auf diese Schreibweise) Ständchen. Und ich fragte, was denn ein Tüdelband sei. „Na, ein Tüdelband, einfach so’n Tüdelband“, erklärte mir S., aber da fragte ich mich dann weiter, wie denn ein einfaches Tüdelband, das in meinem Kopf einfach keine Gestalt annehmen wollte, Schuld daran sein könne, dass jemand mit’m Dassel auf den Kantsteen rasselt. Dank unseres recherchestarken Arbeitsumfelds konnte die Sache geklärt werden, und der plattmaster.de und andere Internetquellen erklären’s auch noch mal zum Mitschreiben: Tüdelband heißt eigentlich Faden oder Seil, und das Tüdelband aus dem Lied müsste eigentlich Trudelband heißen, ist es doch „´n iesern Band vun´n höltern Fatt“, also ein Trudelreifen. Ist als Spielzeug ein wenig aus der Mode gekommen und deshalb vielleicht nicht mehr allen präsent, aber vielleicht mag ja der eine oder andere mal seine Großeltern fragen, sofern es die noch gibt, oder das Familienalbum mit Bildern aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konsultieren. Fazit ist jedenfalls, dass sich da jemand ein bisschen vertüddelt hat bei der Namensgebung.
Aber wie es so ist mit Murphy’s Law, ein Tüddel kommt selten allein, und wenn man einmal von ihrer Existenz weiß, verfolgen sie einen überall. Kurz darauf sprach ich nämlich mit Maggy über Generationenprobleme, und sie erzählte mir von der großen Spaltung nach dem 68er-Aufbruch, „da waren die Tüddelchen Politischen und die Tüddelchen Feministinnen und so weiter, und die einen konnten mit den anderen nich, und man musste sich auf jeden Fall abgrenzen.“ Auch hier dauerte es eine Weile, bis ich begriff: Die Politischen, die Feministinnen, die Esoteriker und all die anderen hatten zumindest auf der Metaebene gemeinsam, dass sie in Anführungszeichen standen. Und Tüddelchen ist so ein heiterer Begriff auf der ansonsten eher trockenen Metaebene, da erscheinen die verhärteten Post-68er-Fronten doch gleich etwas freundlicher.
Ganz nebenbei stellt sich hier wieder die Frage der Generationenzugehörigkeit: Ist Maggy eine 68erin, weil oder obwohl sie vor allem beim Verhärten und Aufweichen der 68er-Fronten mitgewirkt hat? Bin ich eine Golferin, obwohl niemand aus meiner Familie jemals einen Golf besessen hat und ich sieben Jahre jünger bin als Florian Illies, ich aber dennoch früher Nutellabilder gesammelt und alle drei Moderatoren von „Wetten, dass?“ miterlebt habe?
Wer legt fest, wann eine Generation, die einen Namen hat, beginnt und wann sie aufhört, Mitglieder aufzunehmen? Zur Not, als eine Art Trost auch für die Angehörigen einer „Generation Garnischt“, könnten wir uns alle an einem Ort treffen: In Tüddelchen.
Leider kann ich das Folgende nur unzureichend sekundärliterarisch belegen, ich habe nämlich meinen dtv-Atlas Deutsche Sprache nicht zur Hand, der ist im Rheinland (nä, wat is dat Reimen schön). Ich kann also keinen rechten Aufschluss über den etymologischen Ursprung des Objektes meiner heutigen Betrachtungen geben (werde das bei Gelegenheit vielleicht noch nachreichen, sonst bleibe ich selbst am Ende als Philologin unzufrieden), habe dafür aber einige populärwissenschaftliche Quellen zum Thema parat.
So wie in Köln dat Trömmelsche jeht, rennt der Jung mit’m Tüdelband durch das kulturelle Gedächtnis der Hamburger, anner Hand ’n Bodderbrod mit Kees. Und wenn er sich mal wehtut, indem er mitm Dassel opn Kantsteen rasselt, macht ihm das nichts, is nämlich n Klacks für son Hamburger Jung. Das Lied kennt jeder richtige Hamburger, so schreibt die ZEIT, und so versicherten es mir meine beiden Kollegen, als wir neulich das Tüdelthema erörterten. Und als ich den Test mit Maggy machte, konnte sie es auch gleich vorsingen, die These scheint also durchaus haltbar. Nun interessierte mich ja weniger der Jung als die Tüdelei an sich, denn so kamen wir bei besagter Gelegenheit drauf: Es regnete mal wieder, nachdem noch Minuten zuvor die Sonne geschienen hatte, und mit einem Blick aus dem Fenster meinte meine Kollegin S. kopfschüttelnd: „Is doch tüddelüddel!“ Ich musste erst überlegen, um zu verstehen (das kommt ja in den besten Kreisen vor), war mir doch diese Verwendung der beiden bedeutungsschwangeren Silbchen neu. Für mich konnte man bis dahin nur tüddelig sein, und das auch im Rheinland, wenn ich nicht irre, oder etwas vertüddeln, dies aber doch eher hier im Norden. Aber nun war zum Tüddel noch ein Lüddel gekommen, und das Wetter sollte so sein, bestehend aus einem Sonne-Wolkenmix. Yepa. Ich wollte dann wissen, ob es sich nun korrekt mit zwei d tüddelt (wie es sich anhört) oder mit einem. Da ist man sich in Plattexpertenkreisen durchaus nicht einig. Dafür bekam ich spontan ein wenn auch unzusammenhängendes Tüdelband- (wir einigten uns auf diese Schreibweise) Ständchen. Und ich fragte, was denn ein Tüdelband sei. „Na, ein Tüdelband, einfach so’n Tüdelband“, erklärte mir S., aber da fragte ich mich dann weiter, wie denn ein einfaches Tüdelband, das in meinem Kopf einfach keine Gestalt annehmen wollte, Schuld daran sein könne, dass jemand mit’m Dassel auf den Kantsteen rasselt. Dank unseres recherchestarken Arbeitsumfelds konnte die Sache geklärt werden, und der plattmaster.de und andere Internetquellen erklären’s auch noch mal zum Mitschreiben: Tüdelband heißt eigentlich Faden oder Seil, und das Tüdelband aus dem Lied müsste eigentlich Trudelband heißen, ist es doch „´n iesern Band vun´n höltern Fatt“, also ein Trudelreifen. Ist als Spielzeug ein wenig aus der Mode gekommen und deshalb vielleicht nicht mehr allen präsent, aber vielleicht mag ja der eine oder andere mal seine Großeltern fragen, sofern es die noch gibt, oder das Familienalbum mit Bildern aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konsultieren. Fazit ist jedenfalls, dass sich da jemand ein bisschen vertüddelt hat bei der Namensgebung.
Aber wie es so ist mit Murphy’s Law, ein Tüddel kommt selten allein, und wenn man einmal von ihrer Existenz weiß, verfolgen sie einen überall. Kurz darauf sprach ich nämlich mit Maggy über Generationenprobleme, und sie erzählte mir von der großen Spaltung nach dem 68er-Aufbruch, „da waren die Tüddelchen Politischen und die Tüddelchen Feministinnen und so weiter, und die einen konnten mit den anderen nich, und man musste sich auf jeden Fall abgrenzen.“ Auch hier dauerte es eine Weile, bis ich begriff: Die Politischen, die Feministinnen, die Esoteriker und all die anderen hatten zumindest auf der Metaebene gemeinsam, dass sie in Anführungszeichen standen. Und Tüddelchen ist so ein heiterer Begriff auf der ansonsten eher trockenen Metaebene, da erscheinen die verhärteten Post-68er-Fronten doch gleich etwas freundlicher.
Ganz nebenbei stellt sich hier wieder die Frage der Generationenzugehörigkeit: Ist Maggy eine 68erin, weil oder obwohl sie vor allem beim Verhärten und Aufweichen der 68er-Fronten mitgewirkt hat? Bin ich eine Golferin, obwohl niemand aus meiner Familie jemals einen Golf besessen hat und ich sieben Jahre jünger bin als Florian Illies, ich aber dennoch früher Nutellabilder gesammelt und alle drei Moderatoren von „Wetten, dass?“ miterlebt habe?
Wer legt fest, wann eine Generation, die einen Namen hat, beginnt und wann sie aufhört, Mitglieder aufzunehmen? Zur Not, als eine Art Trost auch für die Angehörigen einer „Generation Garnischt“, könnten wir uns alle an einem Ort treffen: In Tüddelchen.
Mittwoch, 30. April 2008
Frust und Frustabbau
Wir sind alle nur Menschen. Deshalb steht hier auch nicht der unterhaltsame, interessante und geniale Eintrag, den ich mir für heute vorgenommen hatte, sondern dieses Stück über persönliche und globale Frustrationen, dessen Notwendigkeit sich leider heute im Laufe des Tages immer mehr herauskristallisiert hat. Die eigentlich vorgesehene Geschichte kommt noch, keine Sorge. Aber erst mal sind die Emotionen wichtiger, und die kochten heute hoch.
Heute morgen in der Bahn las ich Günter Wallraffs neue Reportage über die Lidl-Brotbackfabrik. Wahnsinn, wie Wallraff es immer noch schafft, sich in solche Betriebe einzuschleusen, er sieht ja nun wirklich nicht mehr aus wie 50. Und was er immer noch bereit ist, auf sich zu nehmen. Nachhaltig prägt sich mir das Bild des Fabrikarbeiters ein, der schreiend in der Halle steht, weil er sich verbrannt hat, und keiner hilft ihm, aus Angst oder aus Gleichgültigkeit.
An meinem Arbeitsplatz geht es weiter mit den menschlichen Scheußlichkeiten: Ich habe den Allerwertesten voll Arbeit, weil Amstetten in Österreich liegt und Österreich in mein Gebiet fällt und der Inzest-Fall bei uns thematisiert wird. Nun soll es also dem Österreicher an sich angelastet werden, weil er ja doch irgendwie a Komischer is. So'n Quatsch, als ob das nicht sonstwo hätte passieren können, aber es herrscht halt Erklärungsnot. Die Anfragen werden immer mehr und immer absurder. Ich bin froh, als endlich Essenszeit ist.
Beim Kaffee aber passiert mein persönlicher Eklat: Während meine Kollegen noch in der Kassenschlange stehen, will ich schon mal rausgehen mit meinem Glas Apfelschorle in der Hand und einen Tisch auf der Terrasse suchen. Und in der vollen Überzeugung, vor mir liege die freie Luft, laufe ich raus - und voll gegen die Glasscheibe. Es gibt einen ordentlichen Rumms, Apfelschorle ergießt sich über meine Brust und die Scheibe, meine Stirn hinterlässt dort einen großen Abdruck (ich hoffe, die wischen das bis morgen weg), ich taumele benommen zurück, alles starrt mich an, ein Raunen geht durch die volle Bar. Augenblicklich durchfährt mich neben dem Schmerz heftige Scham. Die Tür, durch die ich überzeugt war zu treten, ist gute 2 Meter weiter rechts. Tränen schießen mir in die Augen, gutgemeinte Fragen nach meinem Wohlergehen weise ich ab, will nur raus hier, zur Terrasse. Auf dem Weg dorthin laufe ich ins nächste Fiasko: Ein Kamerateam einer norddeutschen Rundfunkanstalt will wissen, wie ich zur Geschäftsführung stehe, eine Frau streckt mir ein Mikrofon entgegen. Ich murmele unter Tränen und im Davonlaufen, dass ich dazu nichts sagen könne. Die Reporterin erblickt dann auch meine apfelschorlengetränkte Brust und sagt etwas wie "Ach nee, Sie ham sich da ja auch total..." Ich kann also jedem, der sich vor unangenehmen Fragen drücken will, nur empfehlen, sich einfach vorher mit Apfelschorle zu übergießen, möglichst an prominenter Stelle, und möglichst auch noch etwas weinerlich zu gucken.
Als meine Kollegen zu mir stoßen, muss ich kurz richtig losheulen, und in die Apfelschorle auf meinem Busen mischt sich Rotze. Letztere lässt sich hinterher leichter entfernen als die Schorle. Merke: Besser ordentlich heulen als mit Apfelschorle bekleckern. Das geht natürlich nicht recht mit der vorher gemachten Empfehlung zusammen, aber die Situationen sind ja auch verschieden.
Irgendwie, mit viel Kaffee, Durchhaltevermögen und Fluchen, stehe ich den Rest des Arbeitstages durch. Nicht gerade stimmungshebend wirkt die Tatsache, dass ich morgen trotz des Feiertags arbeiten muss, nachdem ich heute und gestern schon einige Überstunden gemacht habe. Doch ein Gedanke an Wallraffs Brotbackarbeiter lässt mein innerliches Murren fast verstummen. Und ich kann ja dem Frust entgegenwirken mit einem Mittel, das denen von ganz unten selten zur Verfügung steht: Konsum. Und das tue ich auf dem Heimweg, auch wenn es fünfzehn Minuten vor Geschäftsschluss ist, mir egal. Ich tue, was jede gefrustete Frau tut, um sich das gute Quäntchen ausgleichenden Glücks materieller Art zu verschaffen: Schuhe kaufen. Gestern gab's nämlich Geld. Und ihr könnt ruhig schon die Tür abschließen, ihr Verkäuferinnen, ich möchte auch um zehn vor sieben noch ordentlich bedient und beraten werden, dafür kauf ich ja auch eure blöden Schuhe und drei Paar Socken gleich dazu. Danach geht es mir schon besser. Vor der Heimkehr kaufe ich dann noch schnell einen Dreierpack Piccolo-Prosecco, angeblich del Veneto, glaub ich aber nicht, weil draufsteht "abgefüllt in Trier", bestimmt auch so eine Halsabschneider-Zulieferfirma. Egal, ich will einen trinken. Und ich trinke gleich zwei, zu Hause. Und esse und rauche. Dazu setze ich mich auf die Treppe zum Garten und höre den Vögeln zu, der Rhododendron blüht und die Sonne verabschiedet sich langsam. Puh. Friede, du bist wieder mit mir. Dann ziehe ich meine neuen Schuhe an - sie erfüllen den wunderbaren Kompromiss aus Schönheit und Komfort - und tanze darin, erst zu rockiger Rockmusik, dann zu souliger Soulmusik, und ich sah meinen Schuhen beim Tanzen zu und sah, dass es gut war. Und jetzt höre ich ganz ruhige Musik, habe meine schönen neuen Schuhe an, bin a bisserl beschwipst und denke: Dank dir, Konsum. Du hast mich gerettet. Und mich packt ein leises schlechtes Gewissen gegenüber den Brotfabrikarbeitern und den Kindern im Keller. Kommt, wir spenden ihnen allen Sekt und Schuhe.
Heute morgen in der Bahn las ich Günter Wallraffs neue Reportage über die Lidl-Brotbackfabrik. Wahnsinn, wie Wallraff es immer noch schafft, sich in solche Betriebe einzuschleusen, er sieht ja nun wirklich nicht mehr aus wie 50. Und was er immer noch bereit ist, auf sich zu nehmen. Nachhaltig prägt sich mir das Bild des Fabrikarbeiters ein, der schreiend in der Halle steht, weil er sich verbrannt hat, und keiner hilft ihm, aus Angst oder aus Gleichgültigkeit.
An meinem Arbeitsplatz geht es weiter mit den menschlichen Scheußlichkeiten: Ich habe den Allerwertesten voll Arbeit, weil Amstetten in Österreich liegt und Österreich in mein Gebiet fällt und der Inzest-Fall bei uns thematisiert wird. Nun soll es also dem Österreicher an sich angelastet werden, weil er ja doch irgendwie a Komischer is. So'n Quatsch, als ob das nicht sonstwo hätte passieren können, aber es herrscht halt Erklärungsnot. Die Anfragen werden immer mehr und immer absurder. Ich bin froh, als endlich Essenszeit ist.
Beim Kaffee aber passiert mein persönlicher Eklat: Während meine Kollegen noch in der Kassenschlange stehen, will ich schon mal rausgehen mit meinem Glas Apfelschorle in der Hand und einen Tisch auf der Terrasse suchen. Und in der vollen Überzeugung, vor mir liege die freie Luft, laufe ich raus - und voll gegen die Glasscheibe. Es gibt einen ordentlichen Rumms, Apfelschorle ergießt sich über meine Brust und die Scheibe, meine Stirn hinterlässt dort einen großen Abdruck (ich hoffe, die wischen das bis morgen weg), ich taumele benommen zurück, alles starrt mich an, ein Raunen geht durch die volle Bar. Augenblicklich durchfährt mich neben dem Schmerz heftige Scham. Die Tür, durch die ich überzeugt war zu treten, ist gute 2 Meter weiter rechts. Tränen schießen mir in die Augen, gutgemeinte Fragen nach meinem Wohlergehen weise ich ab, will nur raus hier, zur Terrasse. Auf dem Weg dorthin laufe ich ins nächste Fiasko: Ein Kamerateam einer norddeutschen Rundfunkanstalt will wissen, wie ich zur Geschäftsführung stehe, eine Frau streckt mir ein Mikrofon entgegen. Ich murmele unter Tränen und im Davonlaufen, dass ich dazu nichts sagen könne. Die Reporterin erblickt dann auch meine apfelschorlengetränkte Brust und sagt etwas wie "Ach nee, Sie ham sich da ja auch total..." Ich kann also jedem, der sich vor unangenehmen Fragen drücken will, nur empfehlen, sich einfach vorher mit Apfelschorle zu übergießen, möglichst an prominenter Stelle, und möglichst auch noch etwas weinerlich zu gucken.
Als meine Kollegen zu mir stoßen, muss ich kurz richtig losheulen, und in die Apfelschorle auf meinem Busen mischt sich Rotze. Letztere lässt sich hinterher leichter entfernen als die Schorle. Merke: Besser ordentlich heulen als mit Apfelschorle bekleckern. Das geht natürlich nicht recht mit der vorher gemachten Empfehlung zusammen, aber die Situationen sind ja auch verschieden.
Irgendwie, mit viel Kaffee, Durchhaltevermögen und Fluchen, stehe ich den Rest des Arbeitstages durch. Nicht gerade stimmungshebend wirkt die Tatsache, dass ich morgen trotz des Feiertags arbeiten muss, nachdem ich heute und gestern schon einige Überstunden gemacht habe. Doch ein Gedanke an Wallraffs Brotbackarbeiter lässt mein innerliches Murren fast verstummen. Und ich kann ja dem Frust entgegenwirken mit einem Mittel, das denen von ganz unten selten zur Verfügung steht: Konsum. Und das tue ich auf dem Heimweg, auch wenn es fünfzehn Minuten vor Geschäftsschluss ist, mir egal. Ich tue, was jede gefrustete Frau tut, um sich das gute Quäntchen ausgleichenden Glücks materieller Art zu verschaffen: Schuhe kaufen. Gestern gab's nämlich Geld. Und ihr könnt ruhig schon die Tür abschließen, ihr Verkäuferinnen, ich möchte auch um zehn vor sieben noch ordentlich bedient und beraten werden, dafür kauf ich ja auch eure blöden Schuhe und drei Paar Socken gleich dazu. Danach geht es mir schon besser. Vor der Heimkehr kaufe ich dann noch schnell einen Dreierpack Piccolo-Prosecco, angeblich del Veneto, glaub ich aber nicht, weil draufsteht "abgefüllt in Trier", bestimmt auch so eine Halsabschneider-Zulieferfirma. Egal, ich will einen trinken. Und ich trinke gleich zwei, zu Hause. Und esse und rauche. Dazu setze ich mich auf die Treppe zum Garten und höre den Vögeln zu, der Rhododendron blüht und die Sonne verabschiedet sich langsam. Puh. Friede, du bist wieder mit mir. Dann ziehe ich meine neuen Schuhe an - sie erfüllen den wunderbaren Kompromiss aus Schönheit und Komfort - und tanze darin, erst zu rockiger Rockmusik, dann zu souliger Soulmusik, und ich sah meinen Schuhen beim Tanzen zu und sah, dass es gut war. Und jetzt höre ich ganz ruhige Musik, habe meine schönen neuen Schuhe an, bin a bisserl beschwipst und denke: Dank dir, Konsum. Du hast mich gerettet. Und mich packt ein leises schlechtes Gewissen gegenüber den Brotfabrikarbeitern und den Kindern im Keller. Kommt, wir spenden ihnen allen Sekt und Schuhe.
Donnerstag, 24. April 2008
Endlich ganz erwachsen!
Ja, da hat sich die Vollendung meiner Adoleszenz nun doch noch ein paar Tage hingezogen. Schuld waren mal wieder die Irrungen und Wirrungen des Zeitgeistes. Aber hier kommt er, der zweite und letzte Teil des ersten Fortsetzungsposts auf Septentryo:
Ich komme nach sagenhaften 2 Minuten dran. Die Frau ist sehr freundlich, druckt mir einen neuen Aufkleber für meinen Ausweis, und ich weiß, jetzt muss ich zur Maschine draußen und 11 Euro zahlen für eine Marke, mit der ich dann noch mal zu ihr zurück muss, war beim letzten Mal auch so. Aber ich tu erst mal so als wüsste ich von nix, lehne mich zurück und versinke in Wartehaltung. Nach etwa einer Minute hüstelt die Frau und sagt lächelnd, „Das war’s.“ Wie? Was? Fertig? Ich muss nicht warten, keine 11 Euro zahlen, es gibt keine feierliche Zeremonie? Immerhin bin ich gerade von einer Neben- zu einer Hauptbürgerin Hamburgs gemacht worden, zum ersten Mal in meinem Leben befindet sich mein Hauptwohnsitz außerhalb Nordrhein-Westfalens! Und es gibt gar keine Glückwünsche, kein warmes Willkommen, keinen Fanfarenklang? Das ist wohl, denke ich im Hinauseilen, auch ein Nebeneffekt des Erwachsenwerdens (das ja in meiner Generation meist erst um die 30 ernsthaft angegangen wird): Die Behördengänge werden zahlreicher und immer unspektakulärer, was uns vor zehn Jahren noch als kleine Revolution gegolten hätte, wird nun im Vorbeigehen erledigt und verschwindet im Trott der Alltäglichkeit.
Das Erwachsenwerden wird dann auch noch ganz schön anstrengend für Körper, Geist und Geldbeutel an diesem Nachmittag: Nachdem der Corolla und ich wieder beim TÜV Hanse angekommen sind (der Kleine freut sich schon, denkt wohl, wir wohnen jetzt hier, auf dem schönen großen Parkplatz), ich eine neue Nummer gezogen habe, die nur noch 20 entfernt ist von der gerade in Bearbeitung befindlichen und noch einmal 45 Minuten gewartet habe, ist es soweit: Kurz vor Erreichen seiner Volljährigkeit wird der Corolla Hamburger Bürger, so wie ich es am selben Tag geworden bin, um ihn dazu machen zu können. Für den neuen Bürgerstatus muss Muttern ordentlich in die Tasche greifen, zum Glück geht alles mit Karte, merkt man ja dann gar nicht. Als ich raus zur Schildermacherin will, regnet es in Strömen. Egal, denke ich, habe schon so lange gewartet, und stapfe raus, die Schildermacherin findet mich dafür „mutig“ und ich erkläre, dass ich einfach keine Lust mehr auf Warten habe. Dann gehe ich auch im strömenden Regen wieder raus und montiere die neuen Schilder. Das ist gar nicht so einfach, die sind mit Schrauben festgemacht, ich muss erst mal den passenden Schlüssel finden, die alten ab- und die neuen anschrauben, vorher aber noch mal das Stanzloch vergrößern, das alles wohlgemerkt im strömenden Regen. Binnen zwei Minuten bin ich völlig durchnässt. Der Schraubschlüssel fällt mir ein paarmal aus den glitschigen Händen. Und während ich da so im Regen hocke und schraube und frickle, merke ich vage unter meiner Kapuze, dass mich jemand beobachtet. genau genommen beobachtet er mein Auto. Das merke ich daran, dass nach ein paar Sekunden eine Stimme mit einem in Deutschland weit verbreiteten fremdländischen Akzent fragt: „Wollen Sie verkaufen?“ Nun muss man wissen, dass ich ständig von männlichen Vertretern der größten ethnischen Minderheit in Deutschland gefragt werde, ob ich mein Auto verkaufen wolle. Und etwa alle zehn Tage steckt ein Kärtchen an der Fahrertür, das mich auf die Supergelegenheit zum An- und Verkauf von Gebrauchtwagen aller Marken und jedes Zustands hinweist. Und auf die mündliche Anfrage folgt dann immer die Erklärung: „Isch kaufe solsche Auto für meine Land, da ist noch gut.“ Aha. Da ist also noch gut. Und für mich nicht mehr, oder was? Ich sehe also aus, als hätte ich die Taschen voller Geld für einen neuen Leasingwagen jedes Jahr und als führe ich dieses Auto nur spazieren, damit endlich mal ein Händler von östlich des Bosporus kommt und die Scheißkarre ins wilde Anatolien bringt, diesen Schandfleck meines bürgerlichen, arrivierten Lebens?! Meine Herren Händler, es sei hier ein für alle Mal deutlich gesagt: Ich fühle mich verdammt noch mal diskriminiert! Auch ich als Deutsche ohne Migrationshintergrund darf ein demnächst volljähriges Auto fahren! Ich habe eine enge Beziehung zu diesem Wagen! Und ich möchte ums Verrecken nicht mehr gefragt werden, ob ich ihn verkaufen wolle, sondern ihn bis zu seinem wohlverdienten Ruhestand fahren!
Der junge Mann auf dem Parkplatz vom TÜV Hanse bekommt dann auch ein recht unfreundliches „Nein. Werde ich ständig gefragt“ von mir durch den Regen hingeworfen. Pause. Er bleibt stehen und wartet. Worauf bloß? „Dann wollen Sie doch nicht verkaufen?“ – „NEIN!!“, schleudere ich ihm entgegen. ‚Doch nicht’! Ha! Superstrategie, immer schön suggestiv den potenziellen Handelspartner von dem überzeugen, was er nie gesagt hat. Er gibt auf, wünscht mir einen schönen Tag, lässt mir Gott sei Dank nicht seine Karte da und dampft ab.
Ich bin dann auch endlich fertig mit den Schildern und betrachte zufrieden das Ergebnis. HH-IE 898, so heißt der Corolla jetzt offiziell. IE, gleich zwei Vokale, und das in einer so konsonantenreichen Sprache wie dem Deutschen! Ich steige ein, streiche mit meinen nassen, verdreckten Händen zärtlich übers Lenkrad und sage mit Freude und Stolz in der Stimme: „Siehst du, Corolla, jetzt sind wir beide Hamburger. Wir sind jetzt keine Westdeutschen mehr, sondern Norddeutsche. Ich bin jetzt quasi offiziell deine Mama. Ich war heute dreimal auf zwei verschiedenen Ämtern, bin Mitglied in einem Verkehrsschutzverein geworden, habe Schilder gestanzt sowie an- und abgeschraubt, eine Menge Geld bezahlt und einen unliebsamen Händler abgewimmelt. Sowas machen nur Erwachsene.“ Der Corolla schweigt nachdenklich, er muss die ganze Aufregung dieses Tages wohl auch erst mal verdauen. In Gedanken versunken machen wir uns auf den Heimweg, einem sich nunmehr lichtenden abendlichen Horizont entgegen.
Ich komme nach sagenhaften 2 Minuten dran. Die Frau ist sehr freundlich, druckt mir einen neuen Aufkleber für meinen Ausweis, und ich weiß, jetzt muss ich zur Maschine draußen und 11 Euro zahlen für eine Marke, mit der ich dann noch mal zu ihr zurück muss, war beim letzten Mal auch so. Aber ich tu erst mal so als wüsste ich von nix, lehne mich zurück und versinke in Wartehaltung. Nach etwa einer Minute hüstelt die Frau und sagt lächelnd, „Das war’s.“ Wie? Was? Fertig? Ich muss nicht warten, keine 11 Euro zahlen, es gibt keine feierliche Zeremonie? Immerhin bin ich gerade von einer Neben- zu einer Hauptbürgerin Hamburgs gemacht worden, zum ersten Mal in meinem Leben befindet sich mein Hauptwohnsitz außerhalb Nordrhein-Westfalens! Und es gibt gar keine Glückwünsche, kein warmes Willkommen, keinen Fanfarenklang? Das ist wohl, denke ich im Hinauseilen, auch ein Nebeneffekt des Erwachsenwerdens (das ja in meiner Generation meist erst um die 30 ernsthaft angegangen wird): Die Behördengänge werden zahlreicher und immer unspektakulärer, was uns vor zehn Jahren noch als kleine Revolution gegolten hätte, wird nun im Vorbeigehen erledigt und verschwindet im Trott der Alltäglichkeit.
Das Erwachsenwerden wird dann auch noch ganz schön anstrengend für Körper, Geist und Geldbeutel an diesem Nachmittag: Nachdem der Corolla und ich wieder beim TÜV Hanse angekommen sind (der Kleine freut sich schon, denkt wohl, wir wohnen jetzt hier, auf dem schönen großen Parkplatz), ich eine neue Nummer gezogen habe, die nur noch 20 entfernt ist von der gerade in Bearbeitung befindlichen und noch einmal 45 Minuten gewartet habe, ist es soweit: Kurz vor Erreichen seiner Volljährigkeit wird der Corolla Hamburger Bürger, so wie ich es am selben Tag geworden bin, um ihn dazu machen zu können. Für den neuen Bürgerstatus muss Muttern ordentlich in die Tasche greifen, zum Glück geht alles mit Karte, merkt man ja dann gar nicht. Als ich raus zur Schildermacherin will, regnet es in Strömen. Egal, denke ich, habe schon so lange gewartet, und stapfe raus, die Schildermacherin findet mich dafür „mutig“ und ich erkläre, dass ich einfach keine Lust mehr auf Warten habe. Dann gehe ich auch im strömenden Regen wieder raus und montiere die neuen Schilder. Das ist gar nicht so einfach, die sind mit Schrauben festgemacht, ich muss erst mal den passenden Schlüssel finden, die alten ab- und die neuen anschrauben, vorher aber noch mal das Stanzloch vergrößern, das alles wohlgemerkt im strömenden Regen. Binnen zwei Minuten bin ich völlig durchnässt. Der Schraubschlüssel fällt mir ein paarmal aus den glitschigen Händen. Und während ich da so im Regen hocke und schraube und frickle, merke ich vage unter meiner Kapuze, dass mich jemand beobachtet. genau genommen beobachtet er mein Auto. Das merke ich daran, dass nach ein paar Sekunden eine Stimme mit einem in Deutschland weit verbreiteten fremdländischen Akzent fragt: „Wollen Sie verkaufen?“ Nun muss man wissen, dass ich ständig von männlichen Vertretern der größten ethnischen Minderheit in Deutschland gefragt werde, ob ich mein Auto verkaufen wolle. Und etwa alle zehn Tage steckt ein Kärtchen an der Fahrertür, das mich auf die Supergelegenheit zum An- und Verkauf von Gebrauchtwagen aller Marken und jedes Zustands hinweist. Und auf die mündliche Anfrage folgt dann immer die Erklärung: „Isch kaufe solsche Auto für meine Land, da ist noch gut.“ Aha. Da ist also noch gut. Und für mich nicht mehr, oder was? Ich sehe also aus, als hätte ich die Taschen voller Geld für einen neuen Leasingwagen jedes Jahr und als führe ich dieses Auto nur spazieren, damit endlich mal ein Händler von östlich des Bosporus kommt und die Scheißkarre ins wilde Anatolien bringt, diesen Schandfleck meines bürgerlichen, arrivierten Lebens?! Meine Herren Händler, es sei hier ein für alle Mal deutlich gesagt: Ich fühle mich verdammt noch mal diskriminiert! Auch ich als Deutsche ohne Migrationshintergrund darf ein demnächst volljähriges Auto fahren! Ich habe eine enge Beziehung zu diesem Wagen! Und ich möchte ums Verrecken nicht mehr gefragt werden, ob ich ihn verkaufen wolle, sondern ihn bis zu seinem wohlverdienten Ruhestand fahren!
Der junge Mann auf dem Parkplatz vom TÜV Hanse bekommt dann auch ein recht unfreundliches „Nein. Werde ich ständig gefragt“ von mir durch den Regen hingeworfen. Pause. Er bleibt stehen und wartet. Worauf bloß? „Dann wollen Sie doch nicht verkaufen?“ – „NEIN!!“, schleudere ich ihm entgegen. ‚Doch nicht’! Ha! Superstrategie, immer schön suggestiv den potenziellen Handelspartner von dem überzeugen, was er nie gesagt hat. Er gibt auf, wünscht mir einen schönen Tag, lässt mir Gott sei Dank nicht seine Karte da und dampft ab.
Ich bin dann auch endlich fertig mit den Schildern und betrachte zufrieden das Ergebnis. HH-IE 898, so heißt der Corolla jetzt offiziell. IE, gleich zwei Vokale, und das in einer so konsonantenreichen Sprache wie dem Deutschen! Ich steige ein, streiche mit meinen nassen, verdreckten Händen zärtlich übers Lenkrad und sage mit Freude und Stolz in der Stimme: „Siehst du, Corolla, jetzt sind wir beide Hamburger. Wir sind jetzt keine Westdeutschen mehr, sondern Norddeutsche. Ich bin jetzt quasi offiziell deine Mama. Ich war heute dreimal auf zwei verschiedenen Ämtern, bin Mitglied in einem Verkehrsschutzverein geworden, habe Schilder gestanzt sowie an- und abgeschraubt, eine Menge Geld bezahlt und einen unliebsamen Händler abgewimmelt. Sowas machen nur Erwachsene.“ Der Corolla schweigt nachdenklich, er muss die ganze Aufregung dieses Tages wohl auch erst mal verdauen. In Gedanken versunken machen wir uns auf den Heimweg, einem sich nunmehr lichtenden abendlichen Horizont entgegen.
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