Willkommen in 2009, liebe Leser! Nun dauert es nur noch drei Monate, dann wird Septentryo ein Jahr alt (für seine Spezies ein durchaus respektables Alter) und Sie sind immer noch dabei oder neu hinzugekommen, wie schön.
In diesem ersten Eintrag des neuen Jahres gibt es ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten: dem Corolla. Ohne den käme ich nämlich gar nicht da hin, wo ich mich gerade zum zweiten Mal aufhalte. Es handelt sich um einen Jahrhunderte alten Bauernhof mitten in der Lüneburger Heide. Und gestern auf dem Hinweg hätten uns der Corolla und ich, da nun der wahre Winter eingebrochen ist, fast mächtig auf die Schnauze gelegt. Das Anwesen, das ich die Freude habe zu hüten, liegt nämlich sowas von außerhalb, dass die sogenannte Dorfstraße bei Schnee ihrem einsamen Schicksal überlassen ist; nur ganz selten fährt ein Auto darüber und macht den Schnee ein wenig fest, so dass er schön rutschig wird. Wie ich also so mit dem treuen Corolla von der letzten Bastion der fahrenden Zivilisation auf besagte Dorfstraße einbiege, es hatte schon zu schneien begonnen, merke ich plötzlich sehr deutlich, dass der Corolla wohl vieles drauf hat, nur keine Winterreifen. Wir schlingern ein paar bedrohliche Meter, ich rufe "hooo, Corolla, Vorsicht!!", und er kann sich gerade noch fangen. Im absoluten Schritttempo erreiche ich klopfenden Herzens den rettenden Hof und stelle den Corolla unters schützende Dach; der schüttelt sich erst mal. Das war gestern Abend. Seitdem hat es fortwährend geschneit, und wenn es bis morgen so weiter schneit, werden der Corolla und ich wohl bis zur Schneeschmelze hier bleiben müssen, denn so kommen wir hier nicht weg.
Derweil hüte ich also Haus, Hund (aber der hütet auch ein bisschen mich und das Haus mit) und zwei Pferde. Allerdings, das war meine erste Lektion, heißt das hier "einhüten". Ich hüte ein. Und die zweite Lektion war: oben nur Pipi. Im Obergeschoss, wo ich schlafe, ist nämlich das Abwassersystem nicht mehr ganz auf der Höhe und bei festeren Dingen als Pipi verstopft es. Man muss sich also vor jedem Toilettengang immer gut überlegen, muss ich jetzt Pipi oder Aa? Man wird aber auch noch mal dran erinnert, wenn man oben auf dem Klo sitzt, denn dann hängt in Augenhöhe am Waschbecken ein Schild mit der Warnung: "Hier nur Pipi!" Gottlob ist mir bisher auch kein Missgeschick in der Richtung passiert. Nur auf der Treppe bin ich heute Morgen ausgerutscht, wobei sich mein rechter Fuß sehr schmerzhaft nach hinten bog. Und ich dachte, bitte keine ernsthafte Verletzung, sonst lieg ich hier bis zur Schneeschmelze, wenn der Hund sich nicht was zu meiner Rettung einfallen lässt. Aber meine Füße sind inzwischen Karate-geübt, nix passiert.
Überhaupt fühle ich mich hier, in diesem riesigen Haus mitten auf dem Land, umgeben nur von zwei anderen Höfen, Stallungen, Feld und Wald, allein mit einem Hund und zwei Pferden (die sich im Ernstfall nicht groß um mich scheren würden), so sicher und geborgen wie selten. Dabei gruselt es mich eigentlich schnell. Gestern Nacht aber bin ich noch spät mit dem Hund im Schnee spazieren gegangen, und seltsamerweise hatte ich keine Angst. Gut, ich war schon froh, den Hund dabei zu haben, aber ich befürchtete nicht wie sonst häufig, irgendwelche nachtaktiven Fabelwesen könnten mir hinter einem Busch auflauern. Und der Landstreicher ist auch schon länger ausgestorben, glaube ich. Es fällt einfach schwer, sich etwas vorzustellen, das den Frieden dieses Idylls trüben könnte. Derart ergreift es wohl die meisten von uns Städtern, wenn wir nach längerer Zeit einmal wieder aufs Land flüchten: Es entspannt unsere Sinne, berührt unsere Seele und erfüllt uns mit Frieden.
Mit der Zeit wird man dann wohl wieder etwas geerdeter, so wie der Postmann hier, für den die ganze Herrlichkeit ja nun wirklich nichts Neues ist. An meinem ersten Hütetag öffnete ich ihm freudestrahlend die Tür, weil ich dachte, auf dem Land muss man sich immer gut mit den Briefträgern unterhalten, die bringen ja auch die Neuigkeiten, neben der Post. Ich also voller Stolz und in Erwartung eines anregenden Plausches zu ihm: "Morgen, ich hüte hier das Haus!" (Da wusste ich noch nicht, dass es hier "einhüten" heißt.) "Schön für Sie", entgegnet er nur, gibt mir die Post und ist auch schon wieder weg. Und ich geplättet. Meine Sozialisierung mit der Landbevölkerung befindet sich durchaus noch im Werdeprozess, dachte ich. Natürlich muss ich auch noch lernen, wer von den Nachbarn mit wem kann und wer nicht. Ist ja auch immer so ne Sache hier draußen. Na, macht nichts. Bis ich mich mit den Menschen arrangiert habe, rede ich eben mehr mit den Tieren und genieße das Schweigen der Landschaft.
Samstag, 3. Januar 2009
Montag, 29. Dezember 2008
Wenn der Ede beim Aldi ums Eck kommt oder Gangsta's Babylon
Haaalt, altes Jahr, hoooo! Bevor du zu Ende gehst, schaffe ich's nämlich doch noch, wenigstens einen zweiten Dezemberpost einzustellen. Und damit sei allen Lesern eine gute Fahrt ins neue Jahr gewünscht, auf welchem Gefährt auch immer. Begleiten Sie uns weiter!
Hamburg ist Großstadtrevier. Da gibt es für den Schutzmann einiges zu tun, nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch und vor allem dann, wenn der Ede in der Nähe ist, denn der Ede fischt gern im Trüben, und der Schutzmann treibt’s ihm aus. So weit die Fakten. Zudem ist Hamburg wie alle Großstadtreviere ein Revier mit vielen Migranten. Seit einem oder zwei Jahrzehnten kommen die bekanntlich kaum noch aus dem Süden Europas, dafür verstärkt aus dem Osten, abgesehen von den Flüchtlingen aus Übersee natürlich.
Viele Migranten haben wenig Geld, und viele gehen bei Aldi einkaufen. Ich gehe auch bei Aldi einkaufen, aber eigentlich eher, weil dort, wo ich jetzt wohne, kein Plus in der Nähe ist. Denn in Hamburg ist Aldi Nord, was einfach nicht so gut ist wie Aldi Süd, und Plus schlägt sie beide, seit die eine neue Marketingstrategie haben. Aber Aldi Nord – zumindest mein Aldi Nord – hat auch eine neue Strategie, und zwar eine zur Verbrechensbekämpfung. Ich bemerkte das neulich, als ich nach getätigtem Einkauf mein Fahrrad aufschloss und dabei mehr zufällig auf ein Schild in der unteren Ecke der Ladenfensterfront schaute. Darauf steht:
Die Geldbestände dieser Filiale sind in einem Tresor mit gesondertem Schlüssel gesichert. Das Personal kann den Tresor nicht öffnen. Der Schlüssel befindet sich nicht in dieser Filiale.
Diese Information ist dort in sechs Sprachen zu lesen: Deutsch, Englisch, Türkisch, Polnisch, Russisch und Rumänisch. Mein Gott, dachte ich, das ist nicht nur erstaunlich zeitgemäße, da den neuen Migrationstrends angepasste Verbrechensprävention, sondern erspart auch noch mehreren Menschen eine Menge Ärger: Die kleinen Edes aus Osteuropa kriegen nicht mehr von ihren großen Mafiabossen eins drauf, weil sie wieder mal einen Supermarkt überfallen haben, wo es keinen Schlüssel zum Tresor gab und aus dem sie deshalb ohne fette Beute nach Hause gekommen sind. Die Angestellten und Kunden in dem Geschäft, das sonst ausgeraubt worden wäre, müssen nicht mehr wegen ihres Schockzustands psychologisch betreut werden; spart also Krankenkassenkosten. Und der Aufräumdienst muss auch nicht mehr kommen, weil wieder so viel zerdeppert wurde bei dem Überfall ohne Sinn, da ohne Ausbeute, da auf ein Geschäft ohne Tresorschlüssel.
Das ist die eine Seite. Die andere ist: Aldi-Bruder Nord ist ganz schön auf Zack. Er hat nicht nur immer fleißig Zeitung gelesen und bemerkt, dass das organisierte Verbrechen seine Fäden mittlerweile von hinter dem Balkan aus spinnt, sondern er hat sich auch noch flugs findige Übersetzer aus den Problemgegenden beschafft und gesagt, hier, übersetzt mir das mal für eure Edes. Damit komm ich denen nämlich zuvor. Und damit auf dem Schild nicht unterstellt wird, ausnahmslos alle Räuber kämen aus dem Osten, hat Herr Aldi Nord die Warnung auch noch auf Deutsch und Englisch hingeschrieben, denn ein paar deutsche Edes wird es ja auch noch geben und Englisch ist halt Weltsprache, die wird zur Not der Ede aus Kroatien dann auch noch verstehen. Und Englisch muss man schon können als Herr Aldi Nord, da gäbe man sich sonst allzu viel Blöße.
Nun muss man sich aber auch noch die möglichen Reaktionsszenarien bei den Adressaten der Warnung ausmalen. Eine kleine Auswahl habe ich hier zusammengestellt:
Erst einmal wären da die beiden Kleinkriminellen aus Aserbaidschan, die eigentlich einen Supermarktüberfall immer als eine Nummer zu groß angesehen haben; bisher beschränkten sie sich auf Handtaschenraub und machten das im Team, sind auch erst einmal erwischt worden. Nun stehen die beiden einfach nur so vorm Aldi, weil sie auf den Bus warten. Nennen wir sie Orkhan und Azeri. Nichts Böses im Sinn, liest einer der beiden – sagen wir, Orkhan – zufällig das Schild. Da kommt ihm aber die Galle hoch vor Wut, er packt Azeri am Arm und sagt: „Nun guck dir das an, Azeri, die Schweine haben immer noch nicht gelernt, dass unser Volk, das wirklich gute Räuber hervorbringt, sich nicht mehr mit den Scheißrussen identifiziert und eine eigene Sprache hat. Verstehtst du etwa Russisch, Kumpel? Aber die Rumänen und die Polen, klar, die kriegen ihre Extrawurst. Die ham ja wohl den Arsch auf. Komm, denen zeigen wir’s!“ Und schwupp, haben sie zwei wartenden Omas die Strumpfhosen runtergerissen und sie sich über den Kopf gezogen, und mit aserbaidschanischem Gebrüll stürmen sie den Laden, erschrecken die Kassiererinnen zu Tode und lassen sich alles Geld aus der Kasse geben, und vor lauter Schreck kann keiner reagieren, weil ja alle denken, die Warnung draußen funktioniert, und dann hauen Orkhan und Azeri das ganze Geld vom Aldi beim Russen in der Kneipe aufn Kopp, wobei sie aber ihren Schnaps immer auf Aserbaidschanisch bestellen.
Den ungeliebten Russen ergeht es dagegen anders. Dmitrij und Pjotr wollen eigentlich nur mal die Lage in ihren Hamburger Latifundien peilen und schlendern in Pelz und Maßanzug auf einen Plausch mit dem Filialleiter vorbei. Boss Dmitrij sieht das Schild und schlägt sich ärgerlich mit der Faust in die Hand. „Nicht zu glauben, Pjotr! Warum lernen deutsche Lakaien nicht, dass sie sollen arbeiten für uns und nicht gegen uns?! Chabe ich ihm gesagt chundertmal was er soll machen mit Schlüssel, und er schreibt Beleidung auf für ehrenwerte Russen! Soll erfrieren in Sibirien!“ Und dann stürmt er rein und bläst dem Filialleiter erst mal den Marsch, und hinterher lässt er sich den goldenen Siegelring küssen von dem armen Mann, der dabei niederknien muss.
Auch die Türken fühlen sich beleidigt: Ünal, Ümit und Mehmet, alle zwischen 15 und 17 Jahren alt, stehen vor dem Schild und lesen (es tut mir Leid, dass in dieser Geschichte keine Frauen vorkommen, aber es gibt einfach nicht so viele kriminelle Frauen, oder?). Ümit ist der Erste, der sich rührt. Er lässt die Fingergelenke knacken und legt seinen Freunden die Arme lässig um die Schultern. „Ey Alter, wolln die uns beleidigen? Wolln die sagen, wir klauen oder was? Lan, die mach isch platt! Hastu gps?“ Mehmet zückt sofort sein GPS-Handy, womit es ein Leichtes ist, Herrn Aldi Nord persönlich zu orten. Sofort rufen sie ihn an und heizen ihm erst mal kräftig ein: „Alter, willlstu uns beleidigen? Weißt du, Türken sind superfriedlisches Volk, Alter! Glaubst du, wir ham kein Geld oder was? Ey, wenn du noch einmal meine Mutter beleidigst, komm isch mit meine drei Brüder und die machen disch platt!!“
Ja, und dann ist da noch der Ede, der gute alte. Der steht vorm Aldi, Strumpfmaske in der Tasche, und wartet auf eine günstige Gelegenheit. Dabei fällt sein Blick auf das Schild. Er sieht zuerst nur all die fremden Sprachen und denkt sich, was soll das? Und als er sich schon dranmachen will, das Englische mühsam zu übersetzen, sieht er dann doch die deutschen Wörter. Da dämmert’s ihm, und wütend stampft er mit dem Fuß auf und schreit laut, der Passanten ungeachtet: „Oh nee, so'n Schiet, jetzt ham die hier keinen Schlüssel mehr für den Tresor, jetzt kann ich die nich mehr überfallen!“ und zischt ab.
Bei all dem Ärger freut sich nur einer: der Schutzmann. Der muss nämlich gar nicht mehr ums Eck kommen, da der Ede eh schon reißaus genommen hat. Und so kann der Schutzmann früher Feierabend machen und es sich schön auf dem Sofa vorm Fernseher gemütlich machen.
Hamburg ist Großstadtrevier. Da gibt es für den Schutzmann einiges zu tun, nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch und vor allem dann, wenn der Ede in der Nähe ist, denn der Ede fischt gern im Trüben, und der Schutzmann treibt’s ihm aus. So weit die Fakten. Zudem ist Hamburg wie alle Großstadtreviere ein Revier mit vielen Migranten. Seit einem oder zwei Jahrzehnten kommen die bekanntlich kaum noch aus dem Süden Europas, dafür verstärkt aus dem Osten, abgesehen von den Flüchtlingen aus Übersee natürlich.
Viele Migranten haben wenig Geld, und viele gehen bei Aldi einkaufen. Ich gehe auch bei Aldi einkaufen, aber eigentlich eher, weil dort, wo ich jetzt wohne, kein Plus in der Nähe ist. Denn in Hamburg ist Aldi Nord, was einfach nicht so gut ist wie Aldi Süd, und Plus schlägt sie beide, seit die eine neue Marketingstrategie haben. Aber Aldi Nord – zumindest mein Aldi Nord – hat auch eine neue Strategie, und zwar eine zur Verbrechensbekämpfung. Ich bemerkte das neulich, als ich nach getätigtem Einkauf mein Fahrrad aufschloss und dabei mehr zufällig auf ein Schild in der unteren Ecke der Ladenfensterfront schaute. Darauf steht:
Die Geldbestände dieser Filiale sind in einem Tresor mit gesondertem Schlüssel gesichert. Das Personal kann den Tresor nicht öffnen. Der Schlüssel befindet sich nicht in dieser Filiale.
Diese Information ist dort in sechs Sprachen zu lesen: Deutsch, Englisch, Türkisch, Polnisch, Russisch und Rumänisch. Mein Gott, dachte ich, das ist nicht nur erstaunlich zeitgemäße, da den neuen Migrationstrends angepasste Verbrechensprävention, sondern erspart auch noch mehreren Menschen eine Menge Ärger: Die kleinen Edes aus Osteuropa kriegen nicht mehr von ihren großen Mafiabossen eins drauf, weil sie wieder mal einen Supermarkt überfallen haben, wo es keinen Schlüssel zum Tresor gab und aus dem sie deshalb ohne fette Beute nach Hause gekommen sind. Die Angestellten und Kunden in dem Geschäft, das sonst ausgeraubt worden wäre, müssen nicht mehr wegen ihres Schockzustands psychologisch betreut werden; spart also Krankenkassenkosten. Und der Aufräumdienst muss auch nicht mehr kommen, weil wieder so viel zerdeppert wurde bei dem Überfall ohne Sinn, da ohne Ausbeute, da auf ein Geschäft ohne Tresorschlüssel.
Das ist die eine Seite. Die andere ist: Aldi-Bruder Nord ist ganz schön auf Zack. Er hat nicht nur immer fleißig Zeitung gelesen und bemerkt, dass das organisierte Verbrechen seine Fäden mittlerweile von hinter dem Balkan aus spinnt, sondern er hat sich auch noch flugs findige Übersetzer aus den Problemgegenden beschafft und gesagt, hier, übersetzt mir das mal für eure Edes. Damit komm ich denen nämlich zuvor. Und damit auf dem Schild nicht unterstellt wird, ausnahmslos alle Räuber kämen aus dem Osten, hat Herr Aldi Nord die Warnung auch noch auf Deutsch und Englisch hingeschrieben, denn ein paar deutsche Edes wird es ja auch noch geben und Englisch ist halt Weltsprache, die wird zur Not der Ede aus Kroatien dann auch noch verstehen. Und Englisch muss man schon können als Herr Aldi Nord, da gäbe man sich sonst allzu viel Blöße.
Nun muss man sich aber auch noch die möglichen Reaktionsszenarien bei den Adressaten der Warnung ausmalen. Eine kleine Auswahl habe ich hier zusammengestellt:
Erst einmal wären da die beiden Kleinkriminellen aus Aserbaidschan, die eigentlich einen Supermarktüberfall immer als eine Nummer zu groß angesehen haben; bisher beschränkten sie sich auf Handtaschenraub und machten das im Team, sind auch erst einmal erwischt worden. Nun stehen die beiden einfach nur so vorm Aldi, weil sie auf den Bus warten. Nennen wir sie Orkhan und Azeri. Nichts Böses im Sinn, liest einer der beiden – sagen wir, Orkhan – zufällig das Schild. Da kommt ihm aber die Galle hoch vor Wut, er packt Azeri am Arm und sagt: „Nun guck dir das an, Azeri, die Schweine haben immer noch nicht gelernt, dass unser Volk, das wirklich gute Räuber hervorbringt, sich nicht mehr mit den Scheißrussen identifiziert und eine eigene Sprache hat. Verstehtst du etwa Russisch, Kumpel? Aber die Rumänen und die Polen, klar, die kriegen ihre Extrawurst. Die ham ja wohl den Arsch auf. Komm, denen zeigen wir’s!“ Und schwupp, haben sie zwei wartenden Omas die Strumpfhosen runtergerissen und sie sich über den Kopf gezogen, und mit aserbaidschanischem Gebrüll stürmen sie den Laden, erschrecken die Kassiererinnen zu Tode und lassen sich alles Geld aus der Kasse geben, und vor lauter Schreck kann keiner reagieren, weil ja alle denken, die Warnung draußen funktioniert, und dann hauen Orkhan und Azeri das ganze Geld vom Aldi beim Russen in der Kneipe aufn Kopp, wobei sie aber ihren Schnaps immer auf Aserbaidschanisch bestellen.
Den ungeliebten Russen ergeht es dagegen anders. Dmitrij und Pjotr wollen eigentlich nur mal die Lage in ihren Hamburger Latifundien peilen und schlendern in Pelz und Maßanzug auf einen Plausch mit dem Filialleiter vorbei. Boss Dmitrij sieht das Schild und schlägt sich ärgerlich mit der Faust in die Hand. „Nicht zu glauben, Pjotr! Warum lernen deutsche Lakaien nicht, dass sie sollen arbeiten für uns und nicht gegen uns?! Chabe ich ihm gesagt chundertmal was er soll machen mit Schlüssel, und er schreibt Beleidung auf für ehrenwerte Russen! Soll erfrieren in Sibirien!“ Und dann stürmt er rein und bläst dem Filialleiter erst mal den Marsch, und hinterher lässt er sich den goldenen Siegelring küssen von dem armen Mann, der dabei niederknien muss.
Auch die Türken fühlen sich beleidigt: Ünal, Ümit und Mehmet, alle zwischen 15 und 17 Jahren alt, stehen vor dem Schild und lesen (es tut mir Leid, dass in dieser Geschichte keine Frauen vorkommen, aber es gibt einfach nicht so viele kriminelle Frauen, oder?). Ümit ist der Erste, der sich rührt. Er lässt die Fingergelenke knacken und legt seinen Freunden die Arme lässig um die Schultern. „Ey Alter, wolln die uns beleidigen? Wolln die sagen, wir klauen oder was? Lan, die mach isch platt! Hastu gps?“ Mehmet zückt sofort sein GPS-Handy, womit es ein Leichtes ist, Herrn Aldi Nord persönlich zu orten. Sofort rufen sie ihn an und heizen ihm erst mal kräftig ein: „Alter, willlstu uns beleidigen? Weißt du, Türken sind superfriedlisches Volk, Alter! Glaubst du, wir ham kein Geld oder was? Ey, wenn du noch einmal meine Mutter beleidigst, komm isch mit meine drei Brüder und die machen disch platt!!“
Ja, und dann ist da noch der Ede, der gute alte. Der steht vorm Aldi, Strumpfmaske in der Tasche, und wartet auf eine günstige Gelegenheit. Dabei fällt sein Blick auf das Schild. Er sieht zuerst nur all die fremden Sprachen und denkt sich, was soll das? Und als er sich schon dranmachen will, das Englische mühsam zu übersetzen, sieht er dann doch die deutschen Wörter. Da dämmert’s ihm, und wütend stampft er mit dem Fuß auf und schreit laut, der Passanten ungeachtet: „Oh nee, so'n Schiet, jetzt ham die hier keinen Schlüssel mehr für den Tresor, jetzt kann ich die nich mehr überfallen!“ und zischt ab.
Bei all dem Ärger freut sich nur einer: der Schutzmann. Der muss nämlich gar nicht mehr ums Eck kommen, da der Ede eh schon reißaus genommen hat. Und so kann der Schutzmann früher Feierabend machen und es sich schön auf dem Sofa vorm Fernseher gemütlich machen.
Montag, 8. Dezember 2008
Plädoyer fürs Bösesein
Zwei Grundannahmen seien diesem Eintrag vorausgeschickt: Erstens. Ich bin immer zu nett. Zweitens. Man sollte sich auf seine Intuition verlassen und ihr entsprechend handeln. Erstens wird im weiteren Verlauf hinreichend erklärt, zu Zweitens: Ich hatte so eine Ahnung, noch bevor ich die Entscheidung entgegen meiner Ahnung traf. Letzte Woche stand ich in einem Geschäft und hatte eine Mütze und einen Schal in der Hand, beide etwas teurer als meine übliche Preisklasse bei derlei Kleidungsstücken (der regelmäßige Leser dieses Blogs muss den Eindruck gewinnen, ich verbrächte den Großteil meiner Freizeit mit Shopping. Der Eindruck trügt). Ich dachte: Vielleicht solltest du besser nicht so viel Geld für eine Mütze und einen Schal ausgeben, du verlierst sowas doch immer schnell. Dann dachte ich aber daran, dass ich mir doch versprochen hatte, nicht mehr die Billigtextilketten zu unterstützen und beim Kleiderkauf mehr auf Qualität zu achten. Auf der Mütze stand sogar made in Germany, wo gibt’s das schon noch? Gebongt also, heißt gekauft. Die Mütze war braun und flauschig mit einem schönen dicken Bommel dran und der Schal war schwarz und flauschig und schlicht. Glücklich wärmte ich dann Hals und Kopf in Qualität. Was hat das mit nett und böse zu tun, mag der geneigte Leser denken. Kommt alles, kommt sofort.
In meinem Kölner Patchworkhaushalt, den ich nur noch sehr sporadisch bewohne, leben zwei junge Männer, eine erwachsene Katze und ein jugendlicher Kater. Letzterer hat dort einen Freifahrtschein für so ziemlich alle Ungezogenheiten, ihm fehlt die strenge mütterliche Hand. Und alles, was sich auch nur im Entferntesten bewegt, ist ihm Spielzeug und Jagdbeute. Ich rege mich oft ganz schön über ihn auf, vor allem wenn er wieder respektlos gegenüber der erwachsenen Katze ist, doch leider kann ich ihm, ähnlich wie den meisten Menschen, nie sonderlich lange böse sein. Denn wenn er dann kommt mit seinen goldenen Augen und sich schnurrend und völlig scham- und distanzlos in meine Halsbeuge schmiegt, wo er sogleich einschläft, ist es schnell um meine Strenge geschehen und ich bin zutiefst gerührt.
Auch gestern Nacht waren der Kleine und ich wieder sehr intim miteinander; die meiste Zeit lag sein Kopf in meiner Hand. Ohne Zweifel und zugegeben verschaffte mir das doch einige nächtliche Seligkeit. Ein hartes Herz, das da nicht weich würde. Hätte ich aber gewusst, dass er sich auf diese Weise nur Ablass für seine nächtlichen Sünden erschmeicheln wollte, hätte ich ihm was anderes erzählt. Das böse Erwachen kam mit dem Weckerklingeln um acht Uhr: Auf der Suche nach Kaffee betrat ich die Küche, wo ich am Abend zuvor Mütze und Schal über einen Stuhl gehängt hatte (warum eigentlich nicht an die Graderobe im Flur, frage ich mich jetzt). Aber wehe, wehe: Die Mütze lag auf dem Boden, der Bommel in Fetzen umher verstreut. Nur ein kümmerliches Restbüschelchen war davon an der Mütze hängen geblieben und klammerte sich ängstlich mit letzter Kraft fest. Von Bommel konnte keine Rede mehr sein. Ja, und der Schal war – weg. Ja: weg. Ich schwöre. Einfach nicht mehr aufzufinden. Ich schaute sogar ins Katzenklo (hätte ihn auch dann noch benutzt, wenn er da drin gewesen wäre), aber das Mistvieh hatte ihn einfach versteckt, und zwar richtig gut, wie Kinder das oft können oder Eichhörnchen. Und ich musste natürlich zum Zug und hatte keine rechte Zeit zum Suchen. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Mit einem markerschütternden „LUUUMP!!!“ (so heißt er tatsächlich, nur mit einem i hinten dran, damit er auch einen Namen hat, wenn er brav ist) machte ich meinem Ärger Luft. Aber da der Schuft natürlich Lunte gerochen hatte und nicht kam, um mir Rede und Antwort zu stehen, lief ich hinter ihm her und schrie ihn an: „WO HAST DU MEINEN SCHAL HINGETAN UND WAS HAST DU MIT MEINEM BOMMEL GEMACHT, DU ARSCHLOCH?!“ Und ich sagte ihm auch, was die Mütze gekostet hatte und dass ich jetzt verdammt noch mal einen Schal bräuchte draußen, es sei nämlich Winter. Am liebsten hätte ich ihm eine reingehauen. Oha, wird nun der eine oder andere Leser denken, da ist eine, die traut sich nicht, Menschen die Meinung zu sagen und lässt ihre Wut dann an einem wehrlosen Tier aus. Und sie ist ja eh selber schuld, warum hängt sie ihre Klamotten auch nicht an die Garderobe, wo der Kleine nicht dran kann; so ist das eben, wenn man Kinder hat. Überhaupt, so eine schlägt bestimmt auch Menschenkinder. Und ich sage: Richtig, ich würde mich in kaum einem Fall trauen, einen Menschen allen Ernstes Arschloch zu nennen, und warum kaufe ich mir auch teure Sachen und hänge sie dann nicht an die Garderobe, wo der Kleine nicht dran kann. Aber: Erstens werden Haustiere in unseren Breiten im Allgemeinen viel zu sehr verhätschelt. Neulich in Mali machten sich ein paar Kinder noch einen Spaß daraus, einen kranken Esel halb tot zu prügeln, so kann’s auch laufen. Und zweitens habe ich dem Lump ja gar keine reingehauen, und er hat mir nicht gesagt, wo er den Schal versteckt hat und meinen Mützenbommel auf ewig verstümmelt, und jemanden, der so was macht, möchte ich verdammt noch mal Arschloch nennen dürfen. Ich kann das sogar empfehlen als Selbsttherapie für Konfliktscheue: Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Menschen die Meinung zu sagen, schaffen Sie sich eine pubertierende Katze an. Die wird Ihnen oft genug Anlass geben, sie als Arschloch (oder Vergleichbares) zu beschimpfen, und mit großer Wahrscheinlichkeit (eine Restmöglichkeit möchte ich nicht ausschließen) wird sie den Wortsinn Ihrer Beschimpfungen nicht verstehen. Und wenn doch, wird sie Sie vielleicht ihrerseits in Katzensprache beschimpfen, was Sie wiederum, und da bin ich mir sehr sicher, nicht verstehen werden. Man muss nicht immer nett zu allen sein.
In meinem Kölner Patchworkhaushalt, den ich nur noch sehr sporadisch bewohne, leben zwei junge Männer, eine erwachsene Katze und ein jugendlicher Kater. Letzterer hat dort einen Freifahrtschein für so ziemlich alle Ungezogenheiten, ihm fehlt die strenge mütterliche Hand. Und alles, was sich auch nur im Entferntesten bewegt, ist ihm Spielzeug und Jagdbeute. Ich rege mich oft ganz schön über ihn auf, vor allem wenn er wieder respektlos gegenüber der erwachsenen Katze ist, doch leider kann ich ihm, ähnlich wie den meisten Menschen, nie sonderlich lange böse sein. Denn wenn er dann kommt mit seinen goldenen Augen und sich schnurrend und völlig scham- und distanzlos in meine Halsbeuge schmiegt, wo er sogleich einschläft, ist es schnell um meine Strenge geschehen und ich bin zutiefst gerührt.
Auch gestern Nacht waren der Kleine und ich wieder sehr intim miteinander; die meiste Zeit lag sein Kopf in meiner Hand. Ohne Zweifel und zugegeben verschaffte mir das doch einige nächtliche Seligkeit. Ein hartes Herz, das da nicht weich würde. Hätte ich aber gewusst, dass er sich auf diese Weise nur Ablass für seine nächtlichen Sünden erschmeicheln wollte, hätte ich ihm was anderes erzählt. Das böse Erwachen kam mit dem Weckerklingeln um acht Uhr: Auf der Suche nach Kaffee betrat ich die Küche, wo ich am Abend zuvor Mütze und Schal über einen Stuhl gehängt hatte (warum eigentlich nicht an die Graderobe im Flur, frage ich mich jetzt). Aber wehe, wehe: Die Mütze lag auf dem Boden, der Bommel in Fetzen umher verstreut. Nur ein kümmerliches Restbüschelchen war davon an der Mütze hängen geblieben und klammerte sich ängstlich mit letzter Kraft fest. Von Bommel konnte keine Rede mehr sein. Ja, und der Schal war – weg. Ja: weg. Ich schwöre. Einfach nicht mehr aufzufinden. Ich schaute sogar ins Katzenklo (hätte ihn auch dann noch benutzt, wenn er da drin gewesen wäre), aber das Mistvieh hatte ihn einfach versteckt, und zwar richtig gut, wie Kinder das oft können oder Eichhörnchen. Und ich musste natürlich zum Zug und hatte keine rechte Zeit zum Suchen. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Mit einem markerschütternden „LUUUMP!!!“ (so heißt er tatsächlich, nur mit einem i hinten dran, damit er auch einen Namen hat, wenn er brav ist) machte ich meinem Ärger Luft. Aber da der Schuft natürlich Lunte gerochen hatte und nicht kam, um mir Rede und Antwort zu stehen, lief ich hinter ihm her und schrie ihn an: „WO HAST DU MEINEN SCHAL HINGETAN UND WAS HAST DU MIT MEINEM BOMMEL GEMACHT, DU ARSCHLOCH?!“ Und ich sagte ihm auch, was die Mütze gekostet hatte und dass ich jetzt verdammt noch mal einen Schal bräuchte draußen, es sei nämlich Winter. Am liebsten hätte ich ihm eine reingehauen. Oha, wird nun der eine oder andere Leser denken, da ist eine, die traut sich nicht, Menschen die Meinung zu sagen und lässt ihre Wut dann an einem wehrlosen Tier aus. Und sie ist ja eh selber schuld, warum hängt sie ihre Klamotten auch nicht an die Garderobe, wo der Kleine nicht dran kann; so ist das eben, wenn man Kinder hat. Überhaupt, so eine schlägt bestimmt auch Menschenkinder. Und ich sage: Richtig, ich würde mich in kaum einem Fall trauen, einen Menschen allen Ernstes Arschloch zu nennen, und warum kaufe ich mir auch teure Sachen und hänge sie dann nicht an die Garderobe, wo der Kleine nicht dran kann. Aber: Erstens werden Haustiere in unseren Breiten im Allgemeinen viel zu sehr verhätschelt. Neulich in Mali machten sich ein paar Kinder noch einen Spaß daraus, einen kranken Esel halb tot zu prügeln, so kann’s auch laufen. Und zweitens habe ich dem Lump ja gar keine reingehauen, und er hat mir nicht gesagt, wo er den Schal versteckt hat und meinen Mützenbommel auf ewig verstümmelt, und jemanden, der so was macht, möchte ich verdammt noch mal Arschloch nennen dürfen. Ich kann das sogar empfehlen als Selbsttherapie für Konfliktscheue: Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Menschen die Meinung zu sagen, schaffen Sie sich eine pubertierende Katze an. Die wird Ihnen oft genug Anlass geben, sie als Arschloch (oder Vergleichbares) zu beschimpfen, und mit großer Wahrscheinlichkeit (eine Restmöglichkeit möchte ich nicht ausschließen) wird sie den Wortsinn Ihrer Beschimpfungen nicht verstehen. Und wenn doch, wird sie Sie vielleicht ihrerseits in Katzensprache beschimpfen, was Sie wiederum, und da bin ich mir sehr sicher, nicht verstehen werden. Man muss nicht immer nett zu allen sein.
Donnerstag, 6. November 2008
I wanna be a secret agent
Diese Woche habe ich zum ersten Mal Näheres über John le Carré erfahren. Das (nämlich dass es das erste Mal war) liegt daran, dass ich eine gewisse Art von Literatur geringschätze und deshalb aus Prinzip nicht beachte: Bestseller. Eine allzu hohe Verkaufszahl ist selten ein Zeichen von Qualität, finde ich (und vermutlich nicht nur ich). John le Carré war für mich immer sowas wie Konsalik oder Utta Danella, wohl weil die Buchcover sich (zumindest in den Achtzigern) ähnelten. Vielleicht hatten sie auch eine Zeit lang denselben Verlag. Ich sah jedenfalls die Titel und ignorierte ganz bewusst und demonstrativ den Inhalt dahinter. Das bereue ich bis heute nicht, aber vor ein paar Tagen las ich ein Interview mit dem Herrn, dessen Pseudonym mir schon immer ein Graus war (welches ich, ohne eins seiner Bücher zu lesen, als solches erkannte). Was soll das überhaupt, und was soll es heißen, le Carré? Johann das Karo? Johannes der Gekreuzte, der Karierte? Und soll man es nun französisch aussprechen oder englisch mit französischem Akzent oder umgekehrt? Sein wirklicher Name steht auch in dem Interview, und der ist viel schöner: Cornwell. Fast so wie die Landschaft, in der er wohnt, Cornwall. Deshalb habe ich das Interview überhaupt nur gelesen, weil da so schöne Fotos von Cornwall dabei waren, und Herr Cornwell saß mittendrin in Cornwall.
Und durch dieses lehrreiche Interview erfuhr ich viele Dinge auf einmal: Dass Herr Karo Spionageromane schreibt (ja, ich bin gar nicht so weltgewandt, wie ich immer wirke), dass die vielleicht doch einen Tick anspruchsvoller sind als Konsalik und Utta Danella (trotzdem kommt mir kein le Carré ins Bücherregal), und dass dieser Herr - das fand ich am spannendsten - selber mal Geheimagent war. Und zwar von der alten Schule, also Sean Connery, nicht Daniel Craig (dass Letzterer überhaupt Brite sein soll, finde ich schon unglaubwürdig). Wow, dachte ich, Geheimagent! MI-6-Mitglied! Alter, krass! Und er erzählt in dem Interview, dass er es wiederum krass findet, wie der britische Geheimdienst heutzutage sein Agentenfrischfleisch rekrutiert: über Zeitungsannoncen. Das hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben, erzählt Herr Cornwell - er ist jetzt Ende 70 - , da lief das alles im Privaten, über Talentsucher. Und dass die Spione immer die besten Unterhalter waren, woran man sie auf Partys erkennen konnte. Immer witzig, spritzig und nie um eine Antwort verlegen, so musste ein Spion damals sein. Wie sollte man auch sonst würdig sein, im Dienste ihrer Majestät zu stehen?
Ich dachte ja immer, als Geheimagent muss man vor allem sportlich und furchtlos sein, immer spontan gute Einfälle zur Rettung des eigenen Lebens haben und gut mit Schusswaffen umgehen können. Traf alles nicht auf mich zu und ich bewarb mich deshalb nie um einen Agentenposten. Aber jetzt, wo ich Herrn le Carré und sein Agentenleben kennen gelernt habe, tun sich mir ganz neue berufliche Perspektiven auf: Zunächst bräuchte ich nichts zu tun, als mich möglichst häufig auf feinen englischen Partys herumzutreiben. Dort würde ich wie immer ein bisschen die Rampensau raushängen lassen, mit jeder Menge Witz und Charme die Leute unterhalten und so den Talentscout vom Secret Service auf mich aufmerksam machen. Der würde mir dann irgendwann unauffällig eine Nummer zustecken, woraufhin wir uns einige Tage später in einem unauffälligen Londoner Straßencafé träfen. Nach ein wenig Vorgeplänkel würde der smarte, mysteriöse Herr sich ein wenig vorbeugen, mir fest in die Augen sehen und mich fragen, ob ich mir eine Tätigkeit in der Grauzone des bürgerlichen Lebens, aber im Dienste ihrer Majestät und zum Wohle des Commonwealth vorstellen könnte. Ich würde einen Moment lang den Atem anhalten und dann mit dramatischem Augenaufschlag hauchen: "Sir, well... Sir, I feel terribly flattered, but... couldn't that be dangerous?" Ich würde nämlich auf keinen Fall jemals jobbedingt um mein Leben bangen wollen. "Neeee, Frau Nölle, alles no problem, für Sie haben wir natürlich was ganz Maßgeschneidertes, spannend und doch völlig ungefährlich!"
So kämen wir ins Geschäft. "Wo wollense denn gerne hin", würde er mich noch fragen, und ich würde mir erst mal Italien aussuchen, zum Einstieg. Dort würde ich dann in einer schönen Villa mit Meerblick wohnen, den ganzen Tag Leute beobachten und alles Beobachtete nach London hochfaxen. Ansonsten würde ich viel Wein trinken und Bruschetta essen sowie ordentlich dolce vita machen. Und häufig schwimmen gehen, dabei kann man nämlich auch gut Leute beobachten. Und schreiben könnte ich auch nebenbei, vielleicht schon mal einen Teil meiner Memoiren, dann habe ich später nicht so viel zu tun. Oder ich frage Mister Cornwell, ob er Lust auf ein Gemeinschaftsprojekt hat; so käme auch die weibliche Sicht mal ins Spionagebuchbusiness. Auch mit der Queen hätte ich hin und wieder Briefkontakt, sie ist schließlich persönlich daran interessiert, was an der italienischen Front so läuft.
Ja, so schön schillert sie, meine Seifenblase. Und doch bin ich ein richtiger Depp. Denn der karierte Herr Cornwell war heute zu Gast im Schauspielhaus und hat seinen neuen Roman vorgestellt und außerdem über seine Jahre beim Secret Service erzählt. Und ich hab ihn verpasst! Manno. Da hätten wir so gut mal in Ruhe quatschen können. Ich hätte ihm sagen können, Sir John, don't you worry, Ihre Nachfolge ist gesichert. Und auch in der Spionage sind nun endlich die Frauen am Zug. Aber nun ist es nach Mitternacht, morgen fahre ich nach Mali und Sir John ist bestimmt schon wieder auf seinem Landsitz in Cornwall. Wenn ich Spionin bin, muss ich unbedingt meine Termine besser koordinieren. Und dann wird mal an einem knackigen Bond-Boy gearbeitet. Denn 0079 wird eine Frau sein.
Und durch dieses lehrreiche Interview erfuhr ich viele Dinge auf einmal: Dass Herr Karo Spionageromane schreibt (ja, ich bin gar nicht so weltgewandt, wie ich immer wirke), dass die vielleicht doch einen Tick anspruchsvoller sind als Konsalik und Utta Danella (trotzdem kommt mir kein le Carré ins Bücherregal), und dass dieser Herr - das fand ich am spannendsten - selber mal Geheimagent war. Und zwar von der alten Schule, also Sean Connery, nicht Daniel Craig (dass Letzterer überhaupt Brite sein soll, finde ich schon unglaubwürdig). Wow, dachte ich, Geheimagent! MI-6-Mitglied! Alter, krass! Und er erzählt in dem Interview, dass er es wiederum krass findet, wie der britische Geheimdienst heutzutage sein Agentenfrischfleisch rekrutiert: über Zeitungsannoncen. Das hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben, erzählt Herr Cornwell - er ist jetzt Ende 70 - , da lief das alles im Privaten, über Talentsucher. Und dass die Spione immer die besten Unterhalter waren, woran man sie auf Partys erkennen konnte. Immer witzig, spritzig und nie um eine Antwort verlegen, so musste ein Spion damals sein. Wie sollte man auch sonst würdig sein, im Dienste ihrer Majestät zu stehen?
Ich dachte ja immer, als Geheimagent muss man vor allem sportlich und furchtlos sein, immer spontan gute Einfälle zur Rettung des eigenen Lebens haben und gut mit Schusswaffen umgehen können. Traf alles nicht auf mich zu und ich bewarb mich deshalb nie um einen Agentenposten. Aber jetzt, wo ich Herrn le Carré und sein Agentenleben kennen gelernt habe, tun sich mir ganz neue berufliche Perspektiven auf: Zunächst bräuchte ich nichts zu tun, als mich möglichst häufig auf feinen englischen Partys herumzutreiben. Dort würde ich wie immer ein bisschen die Rampensau raushängen lassen, mit jeder Menge Witz und Charme die Leute unterhalten und so den Talentscout vom Secret Service auf mich aufmerksam machen. Der würde mir dann irgendwann unauffällig eine Nummer zustecken, woraufhin wir uns einige Tage später in einem unauffälligen Londoner Straßencafé träfen. Nach ein wenig Vorgeplänkel würde der smarte, mysteriöse Herr sich ein wenig vorbeugen, mir fest in die Augen sehen und mich fragen, ob ich mir eine Tätigkeit in der Grauzone des bürgerlichen Lebens, aber im Dienste ihrer Majestät und zum Wohle des Commonwealth vorstellen könnte. Ich würde einen Moment lang den Atem anhalten und dann mit dramatischem Augenaufschlag hauchen: "Sir, well... Sir, I feel terribly flattered, but... couldn't that be dangerous?" Ich würde nämlich auf keinen Fall jemals jobbedingt um mein Leben bangen wollen. "Neeee, Frau Nölle, alles no problem, für Sie haben wir natürlich was ganz Maßgeschneidertes, spannend und doch völlig ungefährlich!"
So kämen wir ins Geschäft. "Wo wollense denn gerne hin", würde er mich noch fragen, und ich würde mir erst mal Italien aussuchen, zum Einstieg. Dort würde ich dann in einer schönen Villa mit Meerblick wohnen, den ganzen Tag Leute beobachten und alles Beobachtete nach London hochfaxen. Ansonsten würde ich viel Wein trinken und Bruschetta essen sowie ordentlich dolce vita machen. Und häufig schwimmen gehen, dabei kann man nämlich auch gut Leute beobachten. Und schreiben könnte ich auch nebenbei, vielleicht schon mal einen Teil meiner Memoiren, dann habe ich später nicht so viel zu tun. Oder ich frage Mister Cornwell, ob er Lust auf ein Gemeinschaftsprojekt hat; so käme auch die weibliche Sicht mal ins Spionagebuchbusiness. Auch mit der Queen hätte ich hin und wieder Briefkontakt, sie ist schließlich persönlich daran interessiert, was an der italienischen Front so läuft.
Ja, so schön schillert sie, meine Seifenblase. Und doch bin ich ein richtiger Depp. Denn der karierte Herr Cornwell war heute zu Gast im Schauspielhaus und hat seinen neuen Roman vorgestellt und außerdem über seine Jahre beim Secret Service erzählt. Und ich hab ihn verpasst! Manno. Da hätten wir so gut mal in Ruhe quatschen können. Ich hätte ihm sagen können, Sir John, don't you worry, Ihre Nachfolge ist gesichert. Und auch in der Spionage sind nun endlich die Frauen am Zug. Aber nun ist es nach Mitternacht, morgen fahre ich nach Mali und Sir John ist bestimmt schon wieder auf seinem Landsitz in Cornwall. Wenn ich Spionin bin, muss ich unbedingt meine Termine besser koordinieren. Und dann wird mal an einem knackigen Bond-Boy gearbeitet. Denn 0079 wird eine Frau sein.
Mittwoch, 5. November 2008
Hamburg kann hören kommen
Verehrtes hamburger Publikum, es ist so weit: Fraunoelle liest Septentryo in Hamburg. Das darf man nicht verpassen: Am Samstag, dem 13.12.08 um 20 Uhr gibt es endlich auch im Norden die Veranstaltung der besonderen Art, eine öffentliche Bloglesung mit vielen unterhaltsamen Extras. Kommen Sie ins schöne Altona zum Ottenser Marktplatz 11 und steigen Sie die Stiegen zum ersten Stock hinauf. Und bringen Sie Ihre Freunde mit!
Des weiteren nicht wundern, wenn's bis dahin kaum Einträge gibt, bin demnächst im malischen Sahel.
Des weiteren nicht wundern, wenn's bis dahin kaum Einträge gibt, bin demnächst im malischen Sahel.
Dienstag, 28. Oktober 2008
Ist die noch frisch? oder Momente vollkommener Peinlichkeit
Fremdschämen ist so ein schönes neues Modewort, das ich zuerst nur aus dem Spanischen kannte - vergüenza ajena. Da sich das Phänomen inzwischen auf Deutschland auszubreiten scheint und ich es heute selbst wieder erlebt habe, will ich nun auch endlich einmal darüber schreiben.
Peinliche Momente sind ja dann am schlimmsten, wenn sich zwei Leute gleichzeitig schämen, sich dabei aber nicht gut oder gar nicht kennen (sonst wird es manchmal auch lustig). In solchen Situationen entsteht die Peinlichkeit auch dadurch, dass man einander zu fremd ist, um darüber unbefangen zu sprechen, etwa: "Mama, tut mir leid, aber diese Jacke macht dich ungefähr fünfzehn Jahre älter." Oder: "Oh tschuldigung, wusste ja nicht, dass du auf dem Klo sitzt, schließ doch ruhig ab - stinkt übrigens ziemlich."
Da ich vor kurzem erst umgezogen bin, kenne ich die Bäckereiverkäuferinnen in meinem neuen Veedel noch nicht besonders gut. Und die beiden, die ich heute kennenlernte, waren mir dann auch nicht sympathisch genug, um mit ein paar legeren Worten die entstandene Peinlichkeit zu übergehen. Dazu kam es so: Ich mag gern Brot mit vielen Körnern sowie Süßgebäck mit nicht allzu viel Mohn. In der Bäckerei hatte ich mir schon ein Brot mit schön vielen Körnern ausgesucht und liebäugelte mit einer Scheibe Mohnstollen, die sich dort in der Auslage räkelte und 95 Cent kosten sollte. Mohnstollen finde ich nun lecker, aber für 95 Cent, immerhin eine Mark neunzig für eine einzelne Scheibe, möchte ich nichts kaufen, das schon mehrere Stunden werdender Pappigkeit durch zu langes aufgeschnittenes Liegen hinter sich hat. Deshalb fragte ich die Verkäuferin, wobei ich mir glatt etwas spießig vorkam: "Ist die Scheibe da noch einigermaßen frisch?" Fast wären die Finger der Frau schneller gewesen als ihre Worte. Letztere waren etwa: "Ja klar, die is, ja doch, die ham wer erst...", während erstere blitzschnell Richtung Stollenscheibe gezuckt waren, um diese prüfend zu befühlen, sich aber in letzer Bruchsekunde besonnen und kurz vorher gestoppt hatten. Da schwebten sie nun, ihre Finger über meiner Stollenscheibe, und stürzten uns beide in die Peinlichkeit: Sie hatte ganz einfach das tun wollen, was man üblicherweise tut, um die Frische von Teigwaren zu überprüfen: Man befühlt und drückt sie ein bisschen. Ich hätte genau das Gleiche getan, wenn es bereits meine Scheibe Stollen gewesen wäre. So aber konnte ich nicht selbst fühlen, weil ich noch nicht zum Kauf entschlossen war, hätte aber auch ihre Fingerabdrücke nicht auf meiner potenziellen zukünftigen Stollenscheibe haben wollen. Und sie hatte das ganz genau erkannt, aber ihre Hand nicht mehr zurückhalten können. Nun schämte sie sich, ich schämte mich für sie fremd, weil ich ein solches Verhalten für eine Bäckereifachverkäuferin recht unprofessionell fand (und ein bisschen schämte ich mich auch wegen meiner spießigen Frage, die uns beiden ja erst den Schlamassel beschert hatte), und sie wusste nicht wohin mit ihren ausgestreckten Fingern. Um die Situation gerade zu biegen, ließ sie dann ihre Hand wenige Millimeter über dem Gebäckstück kreisen, so wie man prüft, ob eine Herdplatte noch heiß ist. Das trug auch nicht unbedingt zur Rettung ihrer Ehre bei und klärte nicht meine Frage, aber die Rettung nahte in Gestalt ihrer Kollegin, die breitschnäuzig dazwischenfuhr: "Oh ja der Mohnstollen, hab ich gerade erst aufgeschnitten und selber gegessen, is nämlich der einzige Stollen, den ich esse."
Puh. Geschafft. Wie wohltuend ist doch das Eingreifen einer unbeteiligten Person in einer Situation der Peinlichkeit! Nun konnte ich mich voll und ganz auf das Urteil der zweiten Verkäuferin verlassen und leichten Herzens meine Stollenscheibe kaufen, und die erste Verkäuferin konnte ihre Hand wegnehmen und musste mir nicht mehr beweisen, dass die Stollenscheibe noch frisch war. Ich habe dann die ganze schöne Scheibe als Abendbrotnachtisch gegessen, und sie schmeckte wirklich kein bisschen pappig. Ich war aber auch froh, dass keine fremden Finger sie befühlt hatten.
Peinliche Momente sind ja dann am schlimmsten, wenn sich zwei Leute gleichzeitig schämen, sich dabei aber nicht gut oder gar nicht kennen (sonst wird es manchmal auch lustig). In solchen Situationen entsteht die Peinlichkeit auch dadurch, dass man einander zu fremd ist, um darüber unbefangen zu sprechen, etwa: "Mama, tut mir leid, aber diese Jacke macht dich ungefähr fünfzehn Jahre älter." Oder: "Oh tschuldigung, wusste ja nicht, dass du auf dem Klo sitzt, schließ doch ruhig ab - stinkt übrigens ziemlich."
Da ich vor kurzem erst umgezogen bin, kenne ich die Bäckereiverkäuferinnen in meinem neuen Veedel noch nicht besonders gut. Und die beiden, die ich heute kennenlernte, waren mir dann auch nicht sympathisch genug, um mit ein paar legeren Worten die entstandene Peinlichkeit zu übergehen. Dazu kam es so: Ich mag gern Brot mit vielen Körnern sowie Süßgebäck mit nicht allzu viel Mohn. In der Bäckerei hatte ich mir schon ein Brot mit schön vielen Körnern ausgesucht und liebäugelte mit einer Scheibe Mohnstollen, die sich dort in der Auslage räkelte und 95 Cent kosten sollte. Mohnstollen finde ich nun lecker, aber für 95 Cent, immerhin eine Mark neunzig für eine einzelne Scheibe, möchte ich nichts kaufen, das schon mehrere Stunden werdender Pappigkeit durch zu langes aufgeschnittenes Liegen hinter sich hat. Deshalb fragte ich die Verkäuferin, wobei ich mir glatt etwas spießig vorkam: "Ist die Scheibe da noch einigermaßen frisch?" Fast wären die Finger der Frau schneller gewesen als ihre Worte. Letztere waren etwa: "Ja klar, die is, ja doch, die ham wer erst...", während erstere blitzschnell Richtung Stollenscheibe gezuckt waren, um diese prüfend zu befühlen, sich aber in letzer Bruchsekunde besonnen und kurz vorher gestoppt hatten. Da schwebten sie nun, ihre Finger über meiner Stollenscheibe, und stürzten uns beide in die Peinlichkeit: Sie hatte ganz einfach das tun wollen, was man üblicherweise tut, um die Frische von Teigwaren zu überprüfen: Man befühlt und drückt sie ein bisschen. Ich hätte genau das Gleiche getan, wenn es bereits meine Scheibe Stollen gewesen wäre. So aber konnte ich nicht selbst fühlen, weil ich noch nicht zum Kauf entschlossen war, hätte aber auch ihre Fingerabdrücke nicht auf meiner potenziellen zukünftigen Stollenscheibe haben wollen. Und sie hatte das ganz genau erkannt, aber ihre Hand nicht mehr zurückhalten können. Nun schämte sie sich, ich schämte mich für sie fremd, weil ich ein solches Verhalten für eine Bäckereifachverkäuferin recht unprofessionell fand (und ein bisschen schämte ich mich auch wegen meiner spießigen Frage, die uns beiden ja erst den Schlamassel beschert hatte), und sie wusste nicht wohin mit ihren ausgestreckten Fingern. Um die Situation gerade zu biegen, ließ sie dann ihre Hand wenige Millimeter über dem Gebäckstück kreisen, so wie man prüft, ob eine Herdplatte noch heiß ist. Das trug auch nicht unbedingt zur Rettung ihrer Ehre bei und klärte nicht meine Frage, aber die Rettung nahte in Gestalt ihrer Kollegin, die breitschnäuzig dazwischenfuhr: "Oh ja der Mohnstollen, hab ich gerade erst aufgeschnitten und selber gegessen, is nämlich der einzige Stollen, den ich esse."
Puh. Geschafft. Wie wohltuend ist doch das Eingreifen einer unbeteiligten Person in einer Situation der Peinlichkeit! Nun konnte ich mich voll und ganz auf das Urteil der zweiten Verkäuferin verlassen und leichten Herzens meine Stollenscheibe kaufen, und die erste Verkäuferin konnte ihre Hand wegnehmen und musste mir nicht mehr beweisen, dass die Stollenscheibe noch frisch war. Ich habe dann die ganze schöne Scheibe als Abendbrotnachtisch gegessen, und sie schmeckte wirklich kein bisschen pappig. Ich war aber auch froh, dass keine fremden Finger sie befühlt hatten.
Donnerstag, 16. Oktober 2008
Endlich Palladio und Schluss mit Venedig
Ja, solche Fortsetzungsgeschichten sind hart, man verbringt mehr Zeit mit Warten als mit Lesen und weiß nicht recht, was man in all der Wartezeit machen soll. Aber nun kommt, wie der Titel verspricht, endlich der letzte Teil des kleinen venezianischen Tagebuchs, und wir können alle wieder ruhig schlafen. Ehrlich gesagt habe ich mich die ganze Zeit am meisten auf den Inhalt dieses letzten Teils gefreut; vielleicht geht es euch ähnlich und die Freude nimmt nun Überhand im Bloggerland.
Mein zweiter Venedig-Tag war reserviert für einen ausgiebigen Vicenza-Besuch, weil mein Herr Tiepolo mit seinem Vater dort eine Villa ausgemalt hat. Das wusste auch schon Herr Goethe, der kannte wohl den Villenbesitzer, Herrn Valmarana, und hat ihn besucht auf seinem Anwesen. Herr Goethe dachte aber, dass die ganze Villa von Papa Tiepolo ausgemalt worden sei, was gar nicht stimmt, das Gasthaus hat mein Herr Tiepolo Junior ausgemalt, und deshalb bin ich hin. Goethe und mir hat die Villa dennoch gleichermaßen gefallen.
Dass ich in Vicenza genauso viel laufen musste wie in Venedig, lag vor allem daran, dass die Busfahrer dort streikten. Das passiert ja recht oft in Italien, und zum Glück ist Vicenza nicht so groß, aber die Villa Valmara liegt doch ein bisschen außerhalb auf einem Hügel, also wieder einiges zu tun für meine geplagten Füße. Die hatten wohl auch langsam Angst, sie befänden sich auf dem Jakobsweg, und taten mir dies durch mahnendes Schmerzen kund. Trotzdem zwang ich sie, mich erst auf einem Rundweg zu einigen Palladio-Bauten zu tragen (der wohl berühmteste Sohn Vicenzas feiert dieses Jahr seinen 500. Geburtstag) und dann stracks den Hügel hoch zur Valmarana-Villa.
Dieses schöne Herrenhaus heißt Villa Valmarana ai Nani, „mit den Zwergen“, weil die umgebende Mauer mit in Stein gemeißelten Zwergen in Lebensgröße verziert ist. Dazu gibt es eine schöne Geschichte, die ich nicht mehr ganz genau weiß, aber ungefähr geht sie so: Der Gutsherr, der die Villa bauen ließ, bevor Herr Valmarana sie kaufte und Herrn Goethe dorthin einlud, hatte eine kleinwüchsige Tochter. Diese kleine Principessa Giftspritze war immer sauer auf ihre Diener, weil die ihr alle zu groß waren und sie sich von ihnen nicht ernst genommen fühlte. Ein Angestellter nach dem anderen wurde von der kleinwüchsigen Principessa vor die Tür gesetzt. Bis ihr Vater eines Tages eine Idee hatte: Er ließ im ganzen Land verkünden, dass er Kleinwüchsige als Hausangestellte suchte, und stellte seiner Tochter eine komplette Zwergendienerschar zusammen. Da freute sich die Prinzessin sehr, und sie gewann ihre Zwergendiener so lieb, dass jeder von ihnen vom Hofbildhauer in Stein verewigt werden musste. Und so erinnern ihre Skulpturen noch heute daran, wie viel Ehre dem kleinen Volk hier einst zuteil wurde.
Meine Ehrerbietung galt nun aber vor allem dem jüngeren Herrn Tiepolo, und deshalb schaute ich mir seine Fresken sehr lange an und machte mir möglichst viele kluge Gedanken dazu. Und ich plauderte kurz mit der Signora Valmarana, einer sehr netten modernen Adligen. Irgendwann war es aber Zeit zu gehen, ich musste ja noch nach Venedig zurück, und so nahm ich einen kleinen Schotterweg hügelabwärts, den ich vorher nicht gegangen war. Und als dieser kleine Schotterweg auf halber Höhe des Hügels plötzlich auf die Straße mündete, stand sie auf einmal vor mir: Palladios wunderbare Villa Rotonda. Potzblitz, dachte ich (so wie es wahrscheinlich schon Goethe gedacht hatte), dass sie hier irgendwo steht, wusste ich ja, aber dass sie nun so wie aus dem Nichts auftaucht, ist schon ein kleines Wunder. Ich näherte mich zögernd, wusste ich doch Zeit und auch Geldbeutel gegen eine weitere Besichtigung. Ich hatte nämlich fast all mein Geld für Bücher über die Bilder des Herrn Tiepolo ausgegeben und besaß gerade noch genug für die Rückfahrt nach Venedig.
Direkt hinter dem Eingangstor der Villa ist ein Pförtnerhäuschen, in dem ein Pförtner sitzt und interessierte Laufkundschaft darüber informiert, dass die Außenbesichtigung fünf, die Innenbesichtigung zehn Euro kostet. Ganz schön stolze Preise, aber im Veneto ist eben alles teuer. Er merkte wohl, dass ich Interesse hatte, und wollte mir gern ein Ticket für die Außenbesichtigung verkaufen. Ich sagte ihm aber, dass ich schon zu viel ausgegeben hätte und nun ein bisschen sparen müsse. Das fand er sehr komisch, er brach in schallendes Gelächter aus. „Ähm, ja, ich geh dann mal“, murmelte ich und verließ ihn, der immer noch kicherte.
Etwas geknickt trottete ich die Straße hinunter, unschlüssig, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, und ein wenig erbost über die Wucherpreise in diesem Kulturland der unkultivierten Politiker. Unvermittelt blieb ich jedoch stehen. Ich dachte: Du kannst doch nicht zwanzig Schritte von Palladios Rotonda stehen und sie Dir nicht anschauen. Wer weiß, wann Du wieder hierhin kommst? Das half. Ich ging die zwanzig Schritte zurück und war schnell wieder bei dem humorvollen Pförtner. Der grinste schon; ich hielt ihm meine letzten fünf Euro hin und sagte: „Hier, habs mir anders überlegt. Ich mach die Außenbesichtigung.“ Flink zog er mir den Schein aus der Hand, wedelte damit vor meiner Nase herum und sagte schelmisch: „Tja, gibt wohl kein Abendessen heute, was?“- „Richtig, ich mach Diät heute. Für Palladio“, gab ich zurück.
Dann genoss ich den schönen Rotonda-Rundgang und die Ausssicht auf den herbstlichen Veneto im Abendlicht. Und dachte: Wäre Palladio ein Politiker und lebte er noch, dann könnte er sich ganz schön auf seinen Diäten ausruhen. Die werden nämlich sicher oft für ihn erhöht.
Meine Diät an jenem Abend bestand aus einem wirklich mickrigen Stück Pizza. Zurück in Deutschland freute ich mich vor allem über das gute Essen, das ich mir dort wieder leisten konnte, und über das Tragen anderer Schuhe sowie Fahrradfahren statt Laufen.
Mein zweiter Venedig-Tag war reserviert für einen ausgiebigen Vicenza-Besuch, weil mein Herr Tiepolo mit seinem Vater dort eine Villa ausgemalt hat. Das wusste auch schon Herr Goethe, der kannte wohl den Villenbesitzer, Herrn Valmarana, und hat ihn besucht auf seinem Anwesen. Herr Goethe dachte aber, dass die ganze Villa von Papa Tiepolo ausgemalt worden sei, was gar nicht stimmt, das Gasthaus hat mein Herr Tiepolo Junior ausgemalt, und deshalb bin ich hin. Goethe und mir hat die Villa dennoch gleichermaßen gefallen.
Dass ich in Vicenza genauso viel laufen musste wie in Venedig, lag vor allem daran, dass die Busfahrer dort streikten. Das passiert ja recht oft in Italien, und zum Glück ist Vicenza nicht so groß, aber die Villa Valmara liegt doch ein bisschen außerhalb auf einem Hügel, also wieder einiges zu tun für meine geplagten Füße. Die hatten wohl auch langsam Angst, sie befänden sich auf dem Jakobsweg, und taten mir dies durch mahnendes Schmerzen kund. Trotzdem zwang ich sie, mich erst auf einem Rundweg zu einigen Palladio-Bauten zu tragen (der wohl berühmteste Sohn Vicenzas feiert dieses Jahr seinen 500. Geburtstag) und dann stracks den Hügel hoch zur Valmarana-Villa.
Dieses schöne Herrenhaus heißt Villa Valmarana ai Nani, „mit den Zwergen“, weil die umgebende Mauer mit in Stein gemeißelten Zwergen in Lebensgröße verziert ist. Dazu gibt es eine schöne Geschichte, die ich nicht mehr ganz genau weiß, aber ungefähr geht sie so: Der Gutsherr, der die Villa bauen ließ, bevor Herr Valmarana sie kaufte und Herrn Goethe dorthin einlud, hatte eine kleinwüchsige Tochter. Diese kleine Principessa Giftspritze war immer sauer auf ihre Diener, weil die ihr alle zu groß waren und sie sich von ihnen nicht ernst genommen fühlte. Ein Angestellter nach dem anderen wurde von der kleinwüchsigen Principessa vor die Tür gesetzt. Bis ihr Vater eines Tages eine Idee hatte: Er ließ im ganzen Land verkünden, dass er Kleinwüchsige als Hausangestellte suchte, und stellte seiner Tochter eine komplette Zwergendienerschar zusammen. Da freute sich die Prinzessin sehr, und sie gewann ihre Zwergendiener so lieb, dass jeder von ihnen vom Hofbildhauer in Stein verewigt werden musste. Und so erinnern ihre Skulpturen noch heute daran, wie viel Ehre dem kleinen Volk hier einst zuteil wurde.
Meine Ehrerbietung galt nun aber vor allem dem jüngeren Herrn Tiepolo, und deshalb schaute ich mir seine Fresken sehr lange an und machte mir möglichst viele kluge Gedanken dazu. Und ich plauderte kurz mit der Signora Valmarana, einer sehr netten modernen Adligen. Irgendwann war es aber Zeit zu gehen, ich musste ja noch nach Venedig zurück, und so nahm ich einen kleinen Schotterweg hügelabwärts, den ich vorher nicht gegangen war. Und als dieser kleine Schotterweg auf halber Höhe des Hügels plötzlich auf die Straße mündete, stand sie auf einmal vor mir: Palladios wunderbare Villa Rotonda. Potzblitz, dachte ich (so wie es wahrscheinlich schon Goethe gedacht hatte), dass sie hier irgendwo steht, wusste ich ja, aber dass sie nun so wie aus dem Nichts auftaucht, ist schon ein kleines Wunder. Ich näherte mich zögernd, wusste ich doch Zeit und auch Geldbeutel gegen eine weitere Besichtigung. Ich hatte nämlich fast all mein Geld für Bücher über die Bilder des Herrn Tiepolo ausgegeben und besaß gerade noch genug für die Rückfahrt nach Venedig.
Direkt hinter dem Eingangstor der Villa ist ein Pförtnerhäuschen, in dem ein Pförtner sitzt und interessierte Laufkundschaft darüber informiert, dass die Außenbesichtigung fünf, die Innenbesichtigung zehn Euro kostet. Ganz schön stolze Preise, aber im Veneto ist eben alles teuer. Er merkte wohl, dass ich Interesse hatte, und wollte mir gern ein Ticket für die Außenbesichtigung verkaufen. Ich sagte ihm aber, dass ich schon zu viel ausgegeben hätte und nun ein bisschen sparen müsse. Das fand er sehr komisch, er brach in schallendes Gelächter aus. „Ähm, ja, ich geh dann mal“, murmelte ich und verließ ihn, der immer noch kicherte.
Etwas geknickt trottete ich die Straße hinunter, unschlüssig, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, und ein wenig erbost über die Wucherpreise in diesem Kulturland der unkultivierten Politiker. Unvermittelt blieb ich jedoch stehen. Ich dachte: Du kannst doch nicht zwanzig Schritte von Palladios Rotonda stehen und sie Dir nicht anschauen. Wer weiß, wann Du wieder hierhin kommst? Das half. Ich ging die zwanzig Schritte zurück und war schnell wieder bei dem humorvollen Pförtner. Der grinste schon; ich hielt ihm meine letzten fünf Euro hin und sagte: „Hier, habs mir anders überlegt. Ich mach die Außenbesichtigung.“ Flink zog er mir den Schein aus der Hand, wedelte damit vor meiner Nase herum und sagte schelmisch: „Tja, gibt wohl kein Abendessen heute, was?“- „Richtig, ich mach Diät heute. Für Palladio“, gab ich zurück.
Dann genoss ich den schönen Rotonda-Rundgang und die Ausssicht auf den herbstlichen Veneto im Abendlicht. Und dachte: Wäre Palladio ein Politiker und lebte er noch, dann könnte er sich ganz schön auf seinen Diäten ausruhen. Die werden nämlich sicher oft für ihn erhöht.
Meine Diät an jenem Abend bestand aus einem wirklich mickrigen Stück Pizza. Zurück in Deutschland freute ich mich vor allem über das gute Essen, das ich mir dort wieder leisten konnte, und über das Tragen anderer Schuhe sowie Fahrradfahren statt Laufen.
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