Dienstag, 31. März 2009
Eine Rose ist eine Hose ist eine Frau
Also, geschätztes Publikum, ich lade Sie ein, mit mir folgenden zweifellos etwas übers Knie gebrochenen Syllogismus gedanklich durchzuspielen und sich danach auf die Fortführung des so angeschnittenen Themas umso mehr zu freuen:
Der des Portugiesischen nicht Mächtige Deutsche hält das portugiesische Wort für "Rose" beim reinen Hören desselben leicht für das deutsche Wort "Hose".
Als guter Latin Lover setzt der Portugiese, hat er nur genug Portwein getrunken, gern Frauen verbal mit Rosen gleich.
Also hält der des Portugiesischen unkundige Deutsche in Portugal (oder auch - natürlich! Brasilien) beschriebene Frauen oft für Hosen.
Fortführung folgt, werte Leser! Und bald gibt es auch wieder eine schnuckelige kleine Lesung in gediegener Umgebung. Bleiben Sie uns also treu und haben Sie uns weiter lieb, auch wenn wir Sie zuweilen ein wenig vernächlässigen!
Donnerstag, 12. März 2009
Besoffene Vögel mit Hauben
Es ist doch erstaunlich, wie lange der Mensch mit Überzeugungen durch die Welt laufen kann, ohne sich jemals von ihrer Richtigkeit zu überzeugen. Ich erinnere mich da an eine ältere Dame, die etwa um die Jahrtausendwende vor mir in der Schlange am Postschalter stand. Als sie an der Reihe war, wollte sie dem Postbeamten nicht glauben, der ihr sagte, diese Postleitzahl sei falsch, die gebe es nicht mehr. Sie habe aber immer an diese Postleitzahl geschrieben, beharrte die Dame. Vielleicht hatte sie nie überprüft, ob ihre Post auch ankam in den sieben Jahren davor. Oder sie hatte seit der Umstellung auf die fünfstelligen Postleitzahlen 1993 einfach keinen Brief verschickt.
Bei mir dauerte die Zeit bis zur Fehlerrealisierung allerdings noch etwas länger, nämlich mein ganzes bisheriges Leben – immerhin bald 30 Jahre – minus ein paar Tage. In dieser ganzen Zeit war ich der festen Überzeugung, eine Haubitze sei ein kleiner mitteleuropäischer Singvogel mit haubenähnlichem Kopffederwuchs. Ähnlich wie die Elritze, von der ich immerhin mit Sicherheit weiß, dass sie ein Fisch und somit dem Tier-, wenn auch nicht dem Vogelreich zuzuordnen ist. Rehkitze, Kiebitze, Elritze, Hundezitze – bei so vielen „itzen“ in Deutschlands Fauna konnte auch die Haubitze für mich nur dort beheimatet sein.
So hatte ich denn jahrzehntelang immer dann, wenn der inzwischen etwas antiquierte Kommentar „Er/sie/wir war(en) voll wie eine Haubitze“ fiel, folgendes schöne Bild im Kopf: Die betreffenden Personen saßen, zu kleinen hübschen Singvögeln mit Menschengesichtern und haubenähnlichem Kopffederwuchs mutiert, volltrunken und schwankend mit ihren Singvogel-Saufkumpanen auf überirdischen Stromleitungen und bogen sich vor Lachen oder sangen beschwipste Lieder, und manchmal fielen sie auch von der Stromleitung, weil sie so besoffen waren. Warum gerade den Vogel Haubitze ein solcher Hang zum übermäßigen Alkoholkonsum kennzeichnen sollte, war mir schleierhaft – aber wer denkt schon über die Bedeutungsherkunft jedes einzelnen Sprichworts nach.
Neulich dann, kurz nach Karneval, redeten meine Mitbewohnerin (eine echte Norddeutsche) und ich über eben jenes Volksfest. Dass dort eine Menge Alkohol konsumiert wird, ist in der Regel Thema Nummer eins, gerade wenn man mit Nicht-Karnevalisten darüber spricht. In diesem Zusammenhang entfuhr mir die Redewendung, die ich eigentlich für antiquiert halte und so gut wie nie benutze, dann aus nicht erkennbarem Grund: „Klar sind alle voll wie die Haubitzen“, oder etwas Ähnliches. Wahrscheinlich dachte ich unbewusst daran, dass im Karneval ja auch viel gesungen wird, und dabei fielen mir meine singenden Haubenvögel ein. Und abends im Bett dachte ich dann, was ich schon ein paar Mal in meinem bisherigen Leben gedacht, dann jedoch nie in die Tat umgesetzt hatte: Du musst doch einmal nachschauen, ob eine Haubitze wirklich ein Vogel ist. Irgendwie schwante mir wohl schon länger, dass sich meine Überzeugung nicht auf verifizierter Erfahrung, sondern rein auf intuitiv motivierten Vermutungen gründete. Und schaute tags darauf nach, natürlich in der gütigen Mutter aller Informationsquellen, unserer schönen Wikipedia. Und da sah mich dann drohend vom Foto ein riesiges, auf einen Panzer montiertes Kanonenrohr an! Kein Haubenvogel, sondern ein „Artilleriegeschütz“! Nicht niedlich, sondern tödlich! Kein Gesang, sondern Geschosse! Und „voll“ konnten die älteren Haubitzen wohl vor allem deshalb sein, weil in sie ordentlich dicke Kanonen gestopft wurden.
So ist denn, wenige Monate bevor ich mein drittes Lebensjahrzehnt beschließe, meine Gedankenwelt wieder um eine schöne Illusion kindlicher Unschuld ärmer geworden. Ja, ich weiß, Desillusionierung gehört zum Erwachsenwerden wie die Krise zum Börsenboom. Alkoholkonsum hat im kulturellen Gedächtnis des Volksmundes nichts mit Singen, dafür einiges mit Krieg zu tun. Als ich dies erkannte, nahm ich eine Flasche Fernet Branca (da ist immerhin ein Vogel drauf) und trank, bis ich voll war wie ein Kanonenrohr.
Donnerstag, 26. Februar 2009
Der eitle Christophorus
Es fing an mit Kaffee und Zigaretten. Nein, angefangen hatte es noch früher, mit der durchwachten Nacht davor. Ich musste am Morgen ungewöhnlich früh raus, weil ich dummerweise meinen Flug nach Wien von Köln aus gebucht hatte (alte Gewohnheit), und da muss man auch erst mal hinkommen von Hamburg aus, und vor lauter Angst zu verschlafen schlief ich dann überhaupt nicht. Nicht ein Viertelstündchen. So geschlaucht quälte ich mich über die Zugstrecke und wollte, endlich am Köln-Bonner Flughafen angekommen, erst mal eine Zigarette. Mein Luxusartikel in stimmungsgeladenen Situationen (der schönen wie der unschönen Art). Hatte aber keine. Einen Automaten gab es trotz strengen Nichtrauchergebots, aber Kleingeld hatte ich auch keins. Naja, dann hol ich mir halt noch einen Kaffee und wechlse dabei den Schein, dachte ich mir. Und verstieß widerwillig gegen eins meiner ethischen Prinzipien, indem ich mich beim völlig überteuerten Ami-Milchschäumer Starbucks anstellte. Der Milchschäummann war einer vom Typ des jungen, dunkelgelockten Schönlings mit Latinowurzeln; hübsch anzusehen, aber wenig nützlich (wie es oft ist mit schönen Dingen). Die Bedienung meiner Schlangenvorsteher dauerte derart lange, dass ich schon überlegte, wieder zu gehen. Mit der Dame vor mir gab es peinliche Verwirrung, weil er ihr einen "Vanilla Latte" partout nicht als "Milchkaffee Vanille" verkaufen wollte. Ich war auf ihrer Seite, bin ich doch gegen die sinnentleerende Inflation des feinen, kleinen italienischen Wortes latte.
Schließlich kam ich an die Reihe und machte den Fehler, gleich drei Dinge auf einmal zu wollen: Einen Milchkaffee, einen Schokocookie (konnte nicht widerstehen) zum Mitnehmen und, da es damit zu teuer geworden war, um von fünf Euro noch Zigarettengeld rauszubekommen, meine sechs Euro Restgeld vom Zehner in Münzen. Ich musste vier Euro zehn zahlen und gab ihm zehn Euro zehn. Das war zu viel für den Milchschäumer. Er starrte mein Geld verständnislos an und verweigerte mir den Wechsel mit den Worten: "Nein, also das kann ich Ihnen jetzt nicht alles wechseln, weil ich das einfach brauche." Ungläubig versuchte ich ihm zu erklären, dass es sich doch lediglich um sechs Euro in Münzen handelte und bemühte mich dabei um Fassung sowie darum, ihm nicht ins Gesicht zu schmieren: "Hör mal, Milchkaffeeschaumgesicht, ich hab mich extra in deiner blöden Schlange angestellt und bezahle extra viel zu viel für deine blöde Schoki und deinen blöden Milchschaum, weil ich mir Zigaretten kaufen und jetzt sofort da draußen eine rauchen will, und da lasse ich mir von dir nicht erzählen, dass du keine sechs Euro Wechselgeld entbehren kannst!" Irgendwie hatte er das mit den sechs Euro wohl nicht so recht verstanden und gab sie mir schließlich, vergaß aber darüber, was ich bestellt hatte und servierte mir den Cookie auf einem Teller statt zum Mitnehmen. Unwillig, das nun auch noch zu beanstanden, aß ich schnell das Gebäck auf dem Amisofa und stürmte dann gleich zum Zigarettenautomaten, wo ich aus lauter Überreizung die falsche Marke kaufte, nur weil beide Schachteln rot waren. Dergleichen passierte früher nur meiner Oma.
Endlich in Wien angekommen, wollte ich dann gern entspannen und dachte, jetzt kann's losgehen, vier Tage lang nur schöne Dinge tun! Das tat ich dann zweifellos auch, nur wurde meine Freude daran, schöne Dinge zu tun, durch die Tatsache geschmälert, dass ich dabei nicht schön sein konnte. Meine Kontaktlinsen hatte ich nämlich in Hamburg vergessen. Jede Kontaktlinsenträgerin (vielleicht sogar jeder Kontaktlinsenträger) wird mein Leid nachvollziehen können. So sehr ich zu meiner Brille stehe, gehört sie doch nicht zum Freizeit- und Ausgehoutfit.
Den richtigen Verdacht, dieser Kurzurlaub stehe unter einem Fluch, schöpfte ich aber erst, als noch zwei weitere Missgeschicke passierten: Am vorletzten Abend steckte mein Finger nach abendlicher Taxiheimfahrt in der Taxitür. Zum Glück lag genug Schnee zum sofortigen Kühlen. Am nächsten Tag, ich kaufte noch mal ordentlich Bücher ein, um das Reisegepäck auch schön zu beschweren, war ich pleite. Meine Karte konnte die Bücher nicht mehr zahlen. "Limit erreicht?", meinte die Verkäuferin mit mildem Lächeln, "Kann eigentlich nicht", erwiderte ich scheinbar unberührt (das sage ich immer, wenn meine Karte kein Geld mehr hergibt und ein Verkäufer das Dispolimit vermutet, wer will sich schon die Blöße geben; ich dachte nur, sowas passiert mir nicht mehr, so lange nach Ende des Studentenlebens) und ließ dankend meinen lieben Freund Bene bezahlen.
Von Wien ging es dann gleich weiter zum Kölner Karneval, um ein Hoch auf die alte Heimat zu singen - ohne Kontaktlinsen und ohne Geld. Beste Voraussetzungen. Aber es kam ja noch besser: In der Vorbereitung der Nachttoilette bei Freundin Alice in Köln stellte ich fest, dass ich meinen Kulturbeutel in Wien vergessen hatte. Das mag den männlichen Lesern nun nicht weiter dramatisch erscheinen, viele männliche Leser besitzen vermutlich gar keinen Kulturbeutel, aber die meisten Frauen werden mit mir fühlen: Nur ein Tag ohne die Produkte der Reinigungs- und Kosmetikindustrie, vor allem ohne Zahnbürste, kann die Hölle sein! Man fühlt sich dem Schmutz des Lebens hilflos ausgeliefert, ohne Aussicht auf die reinliche Wohligkeit in der heilen Zelle der abendlichen Toilette. Glücklicherweise aber haben Mädchen ja in der Regel alles, was andere Mädchen auch haben. Das schätze ich so an Frauenhaushalten: Immer alles da. Auch Extrazahnbürsten. (Bei der Gelegenheit fällt mir auf, dass das auch mal ein schönes Thema für einen Post wäre: Wann hören wir auf, Mädchen/Jungen zu sein und werden zu Frauen/Männern? Ich lade alle Leser herzlich zu Kommentaren ein.)
In den folgenden zwei Tagen lernte ich dann, wie gut es ist, wenn es Leute gibt, die einem vertrauen und einem das vorübergehende Leben auf Pump erlauben. So lieh ich mich durchs jecke Rheinland, kaufte mir vom geliehenen Geld ein Nivea-Reiseset für Frauen und sah in den Abendstunden in der Regel wenig, weil ich zu eitel für meine Brille war. Übrigens - überrascht's noch wen? - vergaß ich meine Lieblingsjacke und meine Lieblingsringe bei Alice in Köln.
Die Erkenntnis dämmerte mir dann im heimischen Moers, wo ich zwischendurch eine alte Freundin besuchte. Als ich in ihr Auto stieg, fiel mir die kleine runde Plakette mit dem heiligen Christophorus, dem Schutzpatron der Reisenden auf, die dort an der Armatur klebte. Die hatte ich vorher schon einmal im Auto eines Bekannten gesehen und sie dort schon unzeitgemäß gefunden. Nun fragte ich leicht spöttelnd meine Freundin, warum denn gerade sie so eine Plakette habe, sie sei doch sonst nicht so gläubig. Sie gab an, ihr verstorbener Mann habe ihr die Plakette zusammen mit dem Auto geschenkt, und der sei sowohl aber- als auch gläub-ig und -isch gewesen und könne es ja nur gut gemeint haben. Ich fand das Schutzheiligengehabe trotzdem überholt, ging aber nicht weiter darauf ein. Doch tief in mir regte sich etwas, eine Ahnung und ein Schuldgefühl.
Da ich aber offenbar immer noch nicht ganz verstanden hatte, setzte der eitle Sankt Christophorus noch einen drauf und ließ den Bahnautomaten auf der Rückfahrt in den Norden meine Kreditkarte nicht akzeptieren und stattdessen meine letzten, aber auch wirklich allerletzten geliehenen 30 Euro in bar fressen. Somit kehrte ich denn ohne einen Pfennig, ohne Kontaktlinsen, ohne Kulturbeutel und ohne Lieblingsjacke nach Hamburg zurück. Und seit heute hat der Herr Schutzpatron noch eine dicke Erkältung mit schmerzenden Mandeln und Ohren hinterhergeschickt, die mich nun voll Demut diesen Eintrag vom Krankenbett aus schreiben lässt. In Ordnung, Herr Heiliger. Ich will nie wieder über dich spotten. Gleich morgen gehe ich zum Schutzpatronplakettenladen und klebe mir dein Konterfei mitten auf die Stirn. Reicht dir das?!
Sonntag, 8. Februar 2009
Herr Vogel begegnet der Krise
Zuerst fiel mir die schwachsinnige Privatfernsehwerbung auf. Gesucht wurde die lustigste Straße der Welt, und als Beispiele wurden etwa die Tusneldaallee und irgendeine Straße, deren Name Exkremente konnotierte, genannt, die aber beide gar nicht für den Titel in Frage kamen, denn der gebührte einzig, so suggerierte das Plakat, der Schillerstraße. Dort haust nämlich, nächste Suggestion im Untertitel, die lustigste WG der Welt. Und die ist jetzt mit Jürgen Vogel, hieß es schließlich ganz klein. Oh Gott, was macht der Jürgen Vogel da, durchfuhr es mich, der ist doch ganz nett. Na, wenigstens schien es ihm so peinlich zu sein, dass er sich nur ganz klein hatte drucken lassen. Trotzdem war ich sauer auf Herrn Vogel, dass er sich für sowas hergab.
Gemäß dem Naturgesetz, dass einem vorher unbekannte Dinge mit einem mal ständig und überall begegnen, fiel mein Blick am nächsten Tag auf die neue Ausgabe von "Einkauf aktuell". Das ist dieses gelbrot umrandete Postblättchen, das man immer ungewollt in den Briefkasten bekommt und dann sofort wegschmeißen will, was aber nicht geht, weil man ja Müll trennt und die Post gerissenerweise das bedruckte Umweltpapier in Folie einschweißt, so dass man beim erzwungenen Aufreißen zwecks Trennung unwillkürlich einen Blick auf den Titel wirft. Und da war er, der Jürgen in seiner neuen WG, grinsend und von komischen Menschen umgeben, von denen einer eine Bohrmaschine in der Hand hielt. Sieht ein bisschen aus wie Dschungelcamp ohne Natur, dachte ich. Und erfuhr beim Nachlesen, dass die Bewohner dieser unsäglichen WG, deren Hauptmieter nunmehr Jürgen Vogel ist, während der Sendung spontane und sehr lustige Regieanweisungen bekommen, die für die Mitbewohner nicht zu hören sind und die sie dann zu deren Erstaunen umsetzen müssen. Es handelt sich um so schreiend komische Anweisungen wie "Sprich wie ein Büttenredner" oder "Dir ist gerade ein Geist erschienen". Schon beim Lesen kamen mir schier die Tränen vor Lachen. Wie das erst in der Umsetzung des darstellenden Spiels abgehen musste, wie tausend Zäpfchen! "Mann Jürgen, warum machst so'n bescheuerten Mist mit?!", herrschte ich das grinsende Foto von Herrn Vogel an.
Ich wusste ja nicht, dass es eins dieser sprechenden Bilder war, die man sonst nur aus Harry Potter kennt. Denn plötzlich löste sich das erstarrte Grinsen und der Jürgen beugte sich mir aus dem Bild ein Stück entgegen. "Naja, das musst du schon ein bisschen differenzierter betrachten, Fraunoelle. Auch ich bin nicht von allen guten Geistern verlassen und habe durchaus meine Gründe." "Ach ja?", schnaubte ich, "lass mich raten: Dass du dich nun fürs Trash-TV prostituierst, hat nicht zufällig, wie ja überhaupt kaum eine Form der Prostitution, etwas mit Geld zu tun?" "Ja, das schon", sagte Jürgen nun etwas kleinlaut, "aber ob du's glaubst oder nicht: Jemand hat mir zu diesem Schritt geraten, der es wirklich wissen muss: die Krise höchstpersönlich." Nunmehr neugierig geworden, ließ ich ihn erzählen:
"Es war an einem Mittwoch- oder Donnerstagabend, ich war einigermaßen angetrunken auf dem Heimweg von einer Party mit Schauspielerkollegen und wollte mich abkühlen, deshalb ging ich zu Fuß. Da stellte sich mir auf der menschenleeren Straße plötzlich eine Gestalt entgegen, kaum als Mann oder Frau zu unterscheiden. Sie sah mich direkt an, und das Gesicht sah verhärmt und sorgenvoll aus. Sie hatte traurige, wässrige Augen von unbestimmbarer Farbe und war sehr schlank, dabei sehnig und asketisch. Und sie schien mich zu kennen, ja auf mich gewartet zu haben. Denn sie sagte ohne Umschweife: "Jürgen, ich muss dich ermahnen. Du lebst zu sehr in Saus und Braus. Auch du solltest dich mit dem Gedanken anfreunden, dass die fetten Jahre nun vorbei sind. Denn ich habe nun Einzug ins Land gehalten, und das heißt für Euch alle: Gürtel enger schnallen!" Da wurde mir ganz schön mulmig, denn ich merkte, dass ich es hier mit der Krise persönlich zu tun hatte, und schüchtern fragte ich: "Deine Worte können nur wahr sein. Aber was rätst du mir zu tun, um nicht bald den Boden der Existenz unter den Füßen zu verlieren?" Und die Krise sprach, als hätte sie auf diese Frage gewartet: "Mach es wie der biblische Josef, der in den sieben fetten Jahren genug Vorräte ansammelte, um sein Volk durch die sieben mageren Jahre zu bringen. Und mach es wie beim Karneval: Kontere den tierischen Ernst mit möglichst vielen fulminanten Lachnummern, die gar nicht immer lustig sein müssen! Gehe nun zum Privatfernsehen und spare das viele Geld, das du dort verdienen wirst!" Ja, und mit diesen Worten war sie auch schon weg, hatte sich in Luft aufgelöst. Und ich dachte mir, Mensch Jürgen, du bist doch privilegiert, eine solche Erscheinung zu haben, mach was draus! Und wie einen Wink des Schicksals erfuhr ich dann, dass Cordula Stratmann ausgezogen war aus der Schillerstraße. Ich also sofort hin und hab denen meine Visage geboten für eine Summe, die mich über die mageren Jahre bringen wird. Musste denen nur versprechen, bis Drehbeginn ordentlich Comedy zu pauken. Ich seh das so als ne Art Fortbildung. Muss man auch machen in Krisenzeiten."
Sprach's und gliederte sich wieder in sein Bild ein. Und ich dachte, vielleicht hat er gar nicht so Unrecht, und überlegte, was ich als kleine, brave, minderbemittelte Bürgerin tun kann, um meinen Beitrag in Zeiten der Krise zu leisten. Und entschied mich, Herrn Vogels Erlebnis hier aufzuschreiben und seine Botschaft zusammengefasst und und auf den Punkt gebracht in die Welt zu tragen: Wenn Sie in der Krise nicht zu den Verlierern zählen wollen,
1. Machen Sie's wie Josef. Schrecken Sie dabei auch vor scheinbar unwürdigen Beschaffungsmaßnahmen nicht zurück.
2. Seien Sie aus Prinzip wider den tierischen Ernst.
3. Seien Sie bereit, auch mal was Neues zu lernen.
4. Wenn Ihnen das alles ein bisschen zu viel auf einmal ist, schauen Sie ab und zu "Schillerstraße" und warten erst mal ab, ob Herr Vogel mit seiner Strategie Erfolg hat. Vielleicht ist bis dahin ja die Krise längst weitergezogen.
Samstag, 3. Januar 2009
Der Corolla und ich beim Einhüten
In diesem ersten Eintrag des neuen Jahres gibt es ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten: dem Corolla. Ohne den käme ich nämlich gar nicht da hin, wo ich mich gerade zum zweiten Mal aufhalte. Es handelt sich um einen Jahrhunderte alten Bauernhof mitten in der Lüneburger Heide. Und gestern auf dem Hinweg hätten uns der Corolla und ich, da nun der wahre Winter eingebrochen ist, fast mächtig auf die Schnauze gelegt. Das Anwesen, das ich die Freude habe zu hüten, liegt nämlich sowas von außerhalb, dass die sogenannte Dorfstraße bei Schnee ihrem einsamen Schicksal überlassen ist; nur ganz selten fährt ein Auto darüber und macht den Schnee ein wenig fest, so dass er schön rutschig wird. Wie ich also so mit dem treuen Corolla von der letzten Bastion der fahrenden Zivilisation auf besagte Dorfstraße einbiege, es hatte schon zu schneien begonnen, merke ich plötzlich sehr deutlich, dass der Corolla wohl vieles drauf hat, nur keine Winterreifen. Wir schlingern ein paar bedrohliche Meter, ich rufe "hooo, Corolla, Vorsicht!!", und er kann sich gerade noch fangen. Im absoluten Schritttempo erreiche ich klopfenden Herzens den rettenden Hof und stelle den Corolla unters schützende Dach; der schüttelt sich erst mal. Das war gestern Abend. Seitdem hat es fortwährend geschneit, und wenn es bis morgen so weiter schneit, werden der Corolla und ich wohl bis zur Schneeschmelze hier bleiben müssen, denn so kommen wir hier nicht weg.
Derweil hüte ich also Haus, Hund (aber der hütet auch ein bisschen mich und das Haus mit) und zwei Pferde. Allerdings, das war meine erste Lektion, heißt das hier "einhüten". Ich hüte ein. Und die zweite Lektion war: oben nur Pipi. Im Obergeschoss, wo ich schlafe, ist nämlich das Abwassersystem nicht mehr ganz auf der Höhe und bei festeren Dingen als Pipi verstopft es. Man muss sich also vor jedem Toilettengang immer gut überlegen, muss ich jetzt Pipi oder Aa? Man wird aber auch noch mal dran erinnert, wenn man oben auf dem Klo sitzt, denn dann hängt in Augenhöhe am Waschbecken ein Schild mit der Warnung: "Hier nur Pipi!" Gottlob ist mir bisher auch kein Missgeschick in der Richtung passiert. Nur auf der Treppe bin ich heute Morgen ausgerutscht, wobei sich mein rechter Fuß sehr schmerzhaft nach hinten bog. Und ich dachte, bitte keine ernsthafte Verletzung, sonst lieg ich hier bis zur Schneeschmelze, wenn der Hund sich nicht was zu meiner Rettung einfallen lässt. Aber meine Füße sind inzwischen Karate-geübt, nix passiert.
Überhaupt fühle ich mich hier, in diesem riesigen Haus mitten auf dem Land, umgeben nur von zwei anderen Höfen, Stallungen, Feld und Wald, allein mit einem Hund und zwei Pferden (die sich im Ernstfall nicht groß um mich scheren würden), so sicher und geborgen wie selten. Dabei gruselt es mich eigentlich schnell. Gestern Nacht aber bin ich noch spät mit dem Hund im Schnee spazieren gegangen, und seltsamerweise hatte ich keine Angst. Gut, ich war schon froh, den Hund dabei zu haben, aber ich befürchtete nicht wie sonst häufig, irgendwelche nachtaktiven Fabelwesen könnten mir hinter einem Busch auflauern. Und der Landstreicher ist auch schon länger ausgestorben, glaube ich. Es fällt einfach schwer, sich etwas vorzustellen, das den Frieden dieses Idylls trüben könnte. Derart ergreift es wohl die meisten von uns Städtern, wenn wir nach längerer Zeit einmal wieder aufs Land flüchten: Es entspannt unsere Sinne, berührt unsere Seele und erfüllt uns mit Frieden.
Mit der Zeit wird man dann wohl wieder etwas geerdeter, so wie der Postmann hier, für den die ganze Herrlichkeit ja nun wirklich nichts Neues ist. An meinem ersten Hütetag öffnete ich ihm freudestrahlend die Tür, weil ich dachte, auf dem Land muss man sich immer gut mit den Briefträgern unterhalten, die bringen ja auch die Neuigkeiten, neben der Post. Ich also voller Stolz und in Erwartung eines anregenden Plausches zu ihm: "Morgen, ich hüte hier das Haus!" (Da wusste ich noch nicht, dass es hier "einhüten" heißt.) "Schön für Sie", entgegnet er nur, gibt mir die Post und ist auch schon wieder weg. Und ich geplättet. Meine Sozialisierung mit der Landbevölkerung befindet sich durchaus noch im Werdeprozess, dachte ich. Natürlich muss ich auch noch lernen, wer von den Nachbarn mit wem kann und wer nicht. Ist ja auch immer so ne Sache hier draußen. Na, macht nichts. Bis ich mich mit den Menschen arrangiert habe, rede ich eben mehr mit den Tieren und genieße das Schweigen der Landschaft.
Montag, 29. Dezember 2008
Wenn der Ede beim Aldi ums Eck kommt oder Gangsta's Babylon
Hamburg ist Großstadtrevier. Da gibt es für den Schutzmann einiges zu tun, nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch und vor allem dann, wenn der Ede in der Nähe ist, denn der Ede fischt gern im Trüben, und der Schutzmann treibt’s ihm aus. So weit die Fakten. Zudem ist Hamburg wie alle Großstadtreviere ein Revier mit vielen Migranten. Seit einem oder zwei Jahrzehnten kommen die bekanntlich kaum noch aus dem Süden Europas, dafür verstärkt aus dem Osten, abgesehen von den Flüchtlingen aus Übersee natürlich.
Viele Migranten haben wenig Geld, und viele gehen bei Aldi einkaufen. Ich gehe auch bei Aldi einkaufen, aber eigentlich eher, weil dort, wo ich jetzt wohne, kein Plus in der Nähe ist. Denn in Hamburg ist Aldi Nord, was einfach nicht so gut ist wie Aldi Süd, und Plus schlägt sie beide, seit die eine neue Marketingstrategie haben. Aber Aldi Nord – zumindest mein Aldi Nord – hat auch eine neue Strategie, und zwar eine zur Verbrechensbekämpfung. Ich bemerkte das neulich, als ich nach getätigtem Einkauf mein Fahrrad aufschloss und dabei mehr zufällig auf ein Schild in der unteren Ecke der Ladenfensterfront schaute. Darauf steht:
Die Geldbestände dieser Filiale sind in einem Tresor mit gesondertem Schlüssel gesichert. Das Personal kann den Tresor nicht öffnen. Der Schlüssel befindet sich nicht in dieser Filiale.
Diese Information ist dort in sechs Sprachen zu lesen: Deutsch, Englisch, Türkisch, Polnisch, Russisch und Rumänisch. Mein Gott, dachte ich, das ist nicht nur erstaunlich zeitgemäße, da den neuen Migrationstrends angepasste Verbrechensprävention, sondern erspart auch noch mehreren Menschen eine Menge Ärger: Die kleinen Edes aus Osteuropa kriegen nicht mehr von ihren großen Mafiabossen eins drauf, weil sie wieder mal einen Supermarkt überfallen haben, wo es keinen Schlüssel zum Tresor gab und aus dem sie deshalb ohne fette Beute nach Hause gekommen sind. Die Angestellten und Kunden in dem Geschäft, das sonst ausgeraubt worden wäre, müssen nicht mehr wegen ihres Schockzustands psychologisch betreut werden; spart also Krankenkassenkosten. Und der Aufräumdienst muss auch nicht mehr kommen, weil wieder so viel zerdeppert wurde bei dem Überfall ohne Sinn, da ohne Ausbeute, da auf ein Geschäft ohne Tresorschlüssel.
Das ist die eine Seite. Die andere ist: Aldi-Bruder Nord ist ganz schön auf Zack. Er hat nicht nur immer fleißig Zeitung gelesen und bemerkt, dass das organisierte Verbrechen seine Fäden mittlerweile von hinter dem Balkan aus spinnt, sondern er hat sich auch noch flugs findige Übersetzer aus den Problemgegenden beschafft und gesagt, hier, übersetzt mir das mal für eure Edes. Damit komm ich denen nämlich zuvor. Und damit auf dem Schild nicht unterstellt wird, ausnahmslos alle Räuber kämen aus dem Osten, hat Herr Aldi Nord die Warnung auch noch auf Deutsch und Englisch hingeschrieben, denn ein paar deutsche Edes wird es ja auch noch geben und Englisch ist halt Weltsprache, die wird zur Not der Ede aus Kroatien dann auch noch verstehen. Und Englisch muss man schon können als Herr Aldi Nord, da gäbe man sich sonst allzu viel Blöße.
Nun muss man sich aber auch noch die möglichen Reaktionsszenarien bei den Adressaten der Warnung ausmalen. Eine kleine Auswahl habe ich hier zusammengestellt:
Erst einmal wären da die beiden Kleinkriminellen aus Aserbaidschan, die eigentlich einen Supermarktüberfall immer als eine Nummer zu groß angesehen haben; bisher beschränkten sie sich auf Handtaschenraub und machten das im Team, sind auch erst einmal erwischt worden. Nun stehen die beiden einfach nur so vorm Aldi, weil sie auf den Bus warten. Nennen wir sie Orkhan und Azeri. Nichts Böses im Sinn, liest einer der beiden – sagen wir, Orkhan – zufällig das Schild. Da kommt ihm aber die Galle hoch vor Wut, er packt Azeri am Arm und sagt: „Nun guck dir das an, Azeri, die Schweine haben immer noch nicht gelernt, dass unser Volk, das wirklich gute Räuber hervorbringt, sich nicht mehr mit den Scheißrussen identifiziert und eine eigene Sprache hat. Verstehtst du etwa Russisch, Kumpel? Aber die Rumänen und die Polen, klar, die kriegen ihre Extrawurst. Die ham ja wohl den Arsch auf. Komm, denen zeigen wir’s!“ Und schwupp, haben sie zwei wartenden Omas die Strumpfhosen runtergerissen und sie sich über den Kopf gezogen, und mit aserbaidschanischem Gebrüll stürmen sie den Laden, erschrecken die Kassiererinnen zu Tode und lassen sich alles Geld aus der Kasse geben, und vor lauter Schreck kann keiner reagieren, weil ja alle denken, die Warnung draußen funktioniert, und dann hauen Orkhan und Azeri das ganze Geld vom Aldi beim Russen in der Kneipe aufn Kopp, wobei sie aber ihren Schnaps immer auf Aserbaidschanisch bestellen.
Den ungeliebten Russen ergeht es dagegen anders. Dmitrij und Pjotr wollen eigentlich nur mal die Lage in ihren Hamburger Latifundien peilen und schlendern in Pelz und Maßanzug auf einen Plausch mit dem Filialleiter vorbei. Boss Dmitrij sieht das Schild und schlägt sich ärgerlich mit der Faust in die Hand. „Nicht zu glauben, Pjotr! Warum lernen deutsche Lakaien nicht, dass sie sollen arbeiten für uns und nicht gegen uns?! Chabe ich ihm gesagt chundertmal was er soll machen mit Schlüssel, und er schreibt Beleidung auf für ehrenwerte Russen! Soll erfrieren in Sibirien!“ Und dann stürmt er rein und bläst dem Filialleiter erst mal den Marsch, und hinterher lässt er sich den goldenen Siegelring küssen von dem armen Mann, der dabei niederknien muss.
Auch die Türken fühlen sich beleidigt: Ünal, Ümit und Mehmet, alle zwischen 15 und 17 Jahren alt, stehen vor dem Schild und lesen (es tut mir Leid, dass in dieser Geschichte keine Frauen vorkommen, aber es gibt einfach nicht so viele kriminelle Frauen, oder?). Ümit ist der Erste, der sich rührt. Er lässt die Fingergelenke knacken und legt seinen Freunden die Arme lässig um die Schultern. „Ey Alter, wolln die uns beleidigen? Wolln die sagen, wir klauen oder was? Lan, die mach isch platt! Hastu gps?“ Mehmet zückt sofort sein GPS-Handy, womit es ein Leichtes ist, Herrn Aldi Nord persönlich zu orten. Sofort rufen sie ihn an und heizen ihm erst mal kräftig ein: „Alter, willlstu uns beleidigen? Weißt du, Türken sind superfriedlisches Volk, Alter! Glaubst du, wir ham kein Geld oder was? Ey, wenn du noch einmal meine Mutter beleidigst, komm isch mit meine drei Brüder und die machen disch platt!!“
Ja, und dann ist da noch der Ede, der gute alte. Der steht vorm Aldi, Strumpfmaske in der Tasche, und wartet auf eine günstige Gelegenheit. Dabei fällt sein Blick auf das Schild. Er sieht zuerst nur all die fremden Sprachen und denkt sich, was soll das? Und als er sich schon dranmachen will, das Englische mühsam zu übersetzen, sieht er dann doch die deutschen Wörter. Da dämmert’s ihm, und wütend stampft er mit dem Fuß auf und schreit laut, der Passanten ungeachtet: „Oh nee, so'n Schiet, jetzt ham die hier keinen Schlüssel mehr für den Tresor, jetzt kann ich die nich mehr überfallen!“ und zischt ab.
Bei all dem Ärger freut sich nur einer: der Schutzmann. Der muss nämlich gar nicht mehr ums Eck kommen, da der Ede eh schon reißaus genommen hat. Und so kann der Schutzmann früher Feierabend machen und es sich schön auf dem Sofa vorm Fernseher gemütlich machen.
Montag, 8. Dezember 2008
Plädoyer fürs Bösesein
In meinem Kölner Patchworkhaushalt, den ich nur noch sehr sporadisch bewohne, leben zwei junge Männer, eine erwachsene Katze und ein jugendlicher Kater. Letzterer hat dort einen Freifahrtschein für so ziemlich alle Ungezogenheiten, ihm fehlt die strenge mütterliche Hand. Und alles, was sich auch nur im Entferntesten bewegt, ist ihm Spielzeug und Jagdbeute. Ich rege mich oft ganz schön über ihn auf, vor allem wenn er wieder respektlos gegenüber der erwachsenen Katze ist, doch leider kann ich ihm, ähnlich wie den meisten Menschen, nie sonderlich lange böse sein. Denn wenn er dann kommt mit seinen goldenen Augen und sich schnurrend und völlig scham- und distanzlos in meine Halsbeuge schmiegt, wo er sogleich einschläft, ist es schnell um meine Strenge geschehen und ich bin zutiefst gerührt.
Auch gestern Nacht waren der Kleine und ich wieder sehr intim miteinander; die meiste Zeit lag sein Kopf in meiner Hand. Ohne Zweifel und zugegeben verschaffte mir das doch einige nächtliche Seligkeit. Ein hartes Herz, das da nicht weich würde. Hätte ich aber gewusst, dass er sich auf diese Weise nur Ablass für seine nächtlichen Sünden erschmeicheln wollte, hätte ich ihm was anderes erzählt. Das böse Erwachen kam mit dem Weckerklingeln um acht Uhr: Auf der Suche nach Kaffee betrat ich die Küche, wo ich am Abend zuvor Mütze und Schal über einen Stuhl gehängt hatte (warum eigentlich nicht an die Graderobe im Flur, frage ich mich jetzt). Aber wehe, wehe: Die Mütze lag auf dem Boden, der Bommel in Fetzen umher verstreut. Nur ein kümmerliches Restbüschelchen war davon an der Mütze hängen geblieben und klammerte sich ängstlich mit letzter Kraft fest. Von Bommel konnte keine Rede mehr sein. Ja, und der Schal war – weg. Ja: weg. Ich schwöre. Einfach nicht mehr aufzufinden. Ich schaute sogar ins Katzenklo (hätte ihn auch dann noch benutzt, wenn er da drin gewesen wäre), aber das Mistvieh hatte ihn einfach versteckt, und zwar richtig gut, wie Kinder das oft können oder Eichhörnchen. Und ich musste natürlich zum Zug und hatte keine rechte Zeit zum Suchen. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Mit einem markerschütternden „LUUUMP!!!“ (so heißt er tatsächlich, nur mit einem i hinten dran, damit er auch einen Namen hat, wenn er brav ist) machte ich meinem Ärger Luft. Aber da der Schuft natürlich Lunte gerochen hatte und nicht kam, um mir Rede und Antwort zu stehen, lief ich hinter ihm her und schrie ihn an: „WO HAST DU MEINEN SCHAL HINGETAN UND WAS HAST DU MIT MEINEM BOMMEL GEMACHT, DU ARSCHLOCH?!“ Und ich sagte ihm auch, was die Mütze gekostet hatte und dass ich jetzt verdammt noch mal einen Schal bräuchte draußen, es sei nämlich Winter. Am liebsten hätte ich ihm eine reingehauen. Oha, wird nun der eine oder andere Leser denken, da ist eine, die traut sich nicht, Menschen die Meinung zu sagen und lässt ihre Wut dann an einem wehrlosen Tier aus. Und sie ist ja eh selber schuld, warum hängt sie ihre Klamotten auch nicht an die Garderobe, wo der Kleine nicht dran kann; so ist das eben, wenn man Kinder hat. Überhaupt, so eine schlägt bestimmt auch Menschenkinder. Und ich sage: Richtig, ich würde mich in kaum einem Fall trauen, einen Menschen allen Ernstes Arschloch zu nennen, und warum kaufe ich mir auch teure Sachen und hänge sie dann nicht an die Garderobe, wo der Kleine nicht dran kann. Aber: Erstens werden Haustiere in unseren Breiten im Allgemeinen viel zu sehr verhätschelt. Neulich in Mali machten sich ein paar Kinder noch einen Spaß daraus, einen kranken Esel halb tot zu prügeln, so kann’s auch laufen. Und zweitens habe ich dem Lump ja gar keine reingehauen, und er hat mir nicht gesagt, wo er den Schal versteckt hat und meinen Mützenbommel auf ewig verstümmelt, und jemanden, der so was macht, möchte ich verdammt noch mal Arschloch nennen dürfen. Ich kann das sogar empfehlen als Selbsttherapie für Konfliktscheue: Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Menschen die Meinung zu sagen, schaffen Sie sich eine pubertierende Katze an. Die wird Ihnen oft genug Anlass geben, sie als Arschloch (oder Vergleichbares) zu beschimpfen, und mit großer Wahrscheinlichkeit (eine Restmöglichkeit möchte ich nicht ausschließen) wird sie den Wortsinn Ihrer Beschimpfungen nicht verstehen. Und wenn doch, wird sie Sie vielleicht ihrerseits in Katzensprache beschimpfen, was Sie wiederum, und da bin ich mir sehr sicher, nicht verstehen werden. Man muss nicht immer nett zu allen sein.